Ältere Arbeitnehmer werden zu einer immer wichtigeren Ressource für deutsche Betriebe. Inzwischen gehört mehr als ein Drittel der Beschäftigten zur „Generation 50 plus“. Vor zehn Jahren waren es lediglich 20 Prozent. Das ergibt der „BKK Gesundheitsreport 2018“, in den die Daten von mehr als 8,4 Millionen erwerbstätigen Mitgliedern der Betriebskrankenkassen eingeflossen sind.

Dass immer mehr sogenannte „Best Ager“ immer weniger jüngeren Kollegen gegenüberstehen, liegt an der demografischen Entwicklung der Gesellschaft. „Die Jüngeren werden weniger, die Älteren werden mehr“, stellte das Statistische Bundesamt dazu 2017 kurz und bündig fest. „Diese Verschiebung ist die Folge von anhaltend niedrigen Geburtenraten und steigender Lebenserwartung. Die Zuwanderung konnte die Alterung der Bevölkerung bisher allenfalls dämpfen, nicht jedoch aufhalten.“

Oldies but Goldies

Die Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen hat Folgen für die Unternehmen: Während früher Betriebe ihre Beschäftigten jenseits der 50 schon fast als Vorruheständler behandelten, gelten sie mittlerweile als erfahrene Arbeitskräfte mit Entwicklungspotenzial. Zumal dann, wenn jugendliche „Nachrücker“ als Fachkräfte in einigen Branchen nahezu ganz fehlen. Es gibt inzwischen viele Betriebe, die die „alten Eisen“ aus dem Ruhestand zurückrufen, um ihre Arbeitskraft und ihr Knowhow flexibel einzusetzen. Um die Arbeitsfähigkeit der betagteren Semester möglichst lange zu erhalten, wollen und müssen die Personalverantwortlichen verstärkt altersgerechte Arbeitsplätze und -umfelder schaffen. Dies gilt insbesondere für alle Fragen rund um die Gesundheit der älteren Mitarbeiter.

Laut BKK müssen die Arbeitnehmer über 50 Jahre zwar nicht häufiger krankgeschrieben werden als ihre jüngeren Kollegen, aber wenn sie einmal ausfallen, dann oft für längere Zeit. Der Grund: Sie sind häufiger von langwierigen chronischen Leiden betroffen. Außerdem machen sich bei älteren Menschen zunehmend körperliche oder seelische Verschleißerscheinungen bemerkbar.

Über alle Altersgruppen hinweg lag 2017 die Zahl der Fehltage bei durchschnittlich 17,2 – ein leichter Rückgang von 0,2 Tagen oder 2 Prozentpunkten im Vergleich zu 2016. Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) sind nach den BKK-Daten mit 25 Prozent ähnlich wie schon in den Vorjahren die Hauptursache aller Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage). Sie sind vorwiegend in Branchen zu finden, in denen die Beschäftigten starken körperlichen Belastungen ausgesetzt sind. Dazu zählen etwa die Wasserwirtschaft, die Abwasser- und Abfallentsorgung, das Verkehrswesen oder das Baugewerbe. Auf Platz zwei folgen mit 16,6 Prozent psychische Erkrankungen (PE) – Tendenz steigend. Zu ihnen kommt es am ehesten in Branchen mit besonders viel oder besonders intensiver Arbeit „mit und am Menschen“ wie im Gesundheits-, Sozial- und Versicherungswesen oder der öffentlichen Verwaltung. Den dritten Rang der Fehltageverursacher nehmen mit 14,8 Prozent die Atemwegserkrankungen (AE) ein. Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen werden für die meisten Mitarbeiter erst ab einem Alter von 50 Jahren zum Problem.

Rückenbeschwerden mit den meisten AU-Tagen

Zusammen waren die drei Volkskrankheiten MSE, PE und AE für mehr als die Hälfte aller Fehlzeiten verantwortlich. Dabei gibt es erhebliche regionale Unterschiede: In den neuen Bundesländern treten im Durchschnitt mehr Fehltage auf als in den alten Bundesländern. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern sind groß und in der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen sogar sehr groß. Wie bei den jüngeren Beschäftigten lebt und arbeitet es sich für diese Altersgruppe am gesündesten in Baden-Württemberg. Beschäftigte kurz vor der Rente fehlen hier im Jahresdurchschnitt krankheitsbedingt 27,1 Tage, während Thüringen mit 42,1 AU-Tagen den höchsten Wert aufweist. Auch berufsspezifische Unterschiede sind deutlich sichtbar: Arbeitnehmer im Reinigungsgewerbe und in Postdiensten sowie Lkw- und Busfahrer weisen mit mehr als drei Kalenderwochen pro Jahr die meisten Krankentage auf, während es bei IT-Mitarbeitern gerade einmal zehn Tage sind.

Verglichen mit jüngeren Mitarbeitern hängen bei den Beschäftigten der „Generation 50 plus“ die Arbeitsausfälle noch wesentlich stärker von der Branche, dem Beruf und den damit verbundenen Arbeitsbedingungen ab. Je nach Branche unterscheiden sich die AU-Tage der über 50-jährigen Mitarbeiter um bis das Zweieinhalbfache: Mit 34,3 AU-Tagen weisen die in der Abfallbeseitigung Beschäftigten die meisten Fehltage auf, die wenigsten in dieser Altersgruppe sind mit 13,5 AU-Tagen in der Film- und Fernsehbranche zu verzeichnen.

Dr. Matthias Richter, zuständig für die Gesundheitsberichterstattung beim Dachverband der Betriebskrankenkassen in Berlin und Mitautor des BKK-Reports, fasst zusammen: „Bei den über 50-Jährigen zeigen sich die mit dem Beruf verbundenen Belastungen in den Fehlzeiten besonders deutlich. In körperlich belastenden Berufen wie zum Beispiel im Baubereich oder in der Produktion sind sehr häufig Muskel-Skelett-Erkrankungen zu finden. Bei den älteren Beschäftigten in sozialen, erzieherischen oder pflegerischen Berufen, die eine hohe psychische Arbeitsbelastung aufweisen,   treten besonders viele Fehltage aufgrund von psychischen Störungen auf.“

Generation 50 plus statt Fachkräftemangel

Angesichts der markanten Verschiebungen in der Altersstruktur der Betriebe und des sich weiter abzeichnenden Fachkräftemangels rät BKK-Vorstandschef Franz Knieps den Unternehmen, sich besser auf die „Generation 50 plus“ einzustellen. Für jede Branche seien hier entsprechende Konzepte nötig: „Arbeit muss altersgerecht gestaltet und größerer Wert auf Prävention und betriebliche Gesundheitsförderung gelegt werden.“ Während viele große Konzerne auf diesem Feld bereits sehr aktiv seien, sollten nun auch mittelständische und kleine Unternehmen stärker nachziehen. Zu ihrer Unterstützung sieht Knieps Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände in der Pflicht. Sie sollten Unternehmen mit fehlendem Know-how oder knappen Ressourcen Hilfsangebote machen.

Um ältere Kollegen möglichst lange gesund im Betrieb zu halten, so Knieps, seien eine betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) und ein systematisches betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) zwingend erforderlich. Alle nationalen Studien und internationalen Vergleiche hätten gezeigt, dass sich Investitionen in diese beiden Elemente der Mitarbeiterbetreuung lohnen und eine messbare Rendite bringen. Allerdings müssen sie nach den Worten des BKK-Vorstands über symbolische Akte, wie sie häufig in Unternehmen zu finden sind, hinausgehen: „Es geht um mehr als den berühmten Obstkorb im Foyer oder die Förderung von Sportveranstaltungen. Da ist vor allen Dingen eine gesundheitsförderliche Führung nötig.“ Die Vorgesetzten müssten sich auf die spezifischen Bedürfnisse ihrer älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen und die Förderung ihrer Gesundheit zum Teil ihres Führungshandelns machen. Man dürfe Gesundheit nicht so sehr als Kostenfaktor begreifen, sondern als Produktivitätsfaktor, der zur Stärkung des Unternehmenserfolgs beiträgt.

Produktivität bleibt auch bei 50 plus hoch

Apropos Produktivität: Nur anhand der Fehlzeiten können natürlich keine Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit von älteren Beschäftigten in Unternehmen gezogen werden. „Internationale Studien zeigen, dass die Arbeitsleistung der älteren Beschäftigten insgesamt betrachtet nicht abnimmt“, sagt Dr. Jürgen Wegge, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der TU Dresden. Zwar lassen nach seinen Worten einige physische und psychische Leistungsvoraussetzungen wie die Sehkraft, die Körperkraft, die kognitive Geschwindigkeit oder die Gedächtnisleistung im Alter nach. Dafür nehmen jedoch andere wichtige Fähigkeiten zu, die den Unternehmen zugutekommen. Sie liegen vor allem im Bereich der Lebenserfahrung, arbeitsbezogener Kenntnisse oder auch der Gefühlsregulation. Wegge: „Man regt sich nicht mehr so schnell auf, man hat mehr Vertrauen und auch eine größere Loyalität. In bestimmten Punkten nimmt die Leistung ab, in anderen Punkten nimmt die Leistung zu. Und es ist jetzt Aufgabe des Betriebs und natürlich auch der Arbeitnehmer, diesen Wechsel, diesen Wandel sinnvoll zu nutzen.“

Fest steht: Zum Erhalt der Gesundheit sind beide Seiten zu gleichen Teilen verantwortlich – der Mitarbeiter selbst und sein Arbeitgeber. Ersterer muss selbst gesundheitsbewusst leben und sich dafür auch das entsprechende Wissen aneignen. Und der Arbeitgeber muss dafür die notwendigen Rahmenbedingungen, Anreize und Hilfestellungen schaffen. „Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter der ‚Generation 50 plus‘ müssen in Zukunft als Gemeinschaftsaufgabe zwischen Mitarbeiter und Arbeitgeber aufgefasst und als Vorgang der Ko-Produktion begriffen werden“, fasst der BKK-Bericht zusammen.


Infokasten

Sinnvoll nutzen, das bedeutet laut BKK-Bericht, die Potenziale der älteren Arbeitskräfte durch die Schaffung guter Arbeitsbedingungen und Weiterbildungsmöglichkeiten, durch individuelle Motivation und Gesundheitsförderung optimal auszuschöpfen.

Insbesondere die Gesundheit gehört zur wichtigsten Grundlage des einzelnen Mitarbeiters zur Bewältigung normaler und altersbedingter Arbeitsbelastungen. Um sie zu erhalten und zu fördern, verweist der BKK-Bericht auf das 7-Komponenten-Modell des betrieblichen Gesundheitsmanagements mit den Elementen:

  • Arbeits- und Gesundheitsschutz
  • Gesundheitsförderung
  • Gesundheitsrelevante Personal- und Organisationsentwicklung
  • Eingliederungsmanagement
  • Fehlzeitenmanagement
  • Versorgungsmanagement
  • Übergeordnetes Management der genannten Elemente zur Erreichung definierter Gesundheitsziele

Text: Karl-Heinz Patzer

 

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