Viele Arbeitsunfälle ziehen kleinere Verletzungen, vielleicht auch Knochenbrüche nach sich. Nicht angenehm, aber in der Regel gut heilbar und für den Betroffenen und die Kollegen ohne weitere Folgen. Manche Arbeitsunfälle jedoch enden weniger harmlos, wenn etwa ein Körperteil amputiert werden muss oder es gar Tote zu beklagen gibt. Mit ansehen zu müssen, wenn ein Kollege schwer verunfallt, kann beim Augenzeugen ein schweres Trauma auslösen. Ein solcher „psychischer“ Arbeitsunfall macht ihn schnell zu einem Fall für den Psychologen oder Psychiater.

Drei Beispiele

Albtraum 1

Ein Lokführer fährt an einem sonnigen Frühlingstag seinen Zug aus dem Münchner Hauptbahnhof Richtung Nürnberg. Plötzlich sieht er durch die Windschutzscheibe seiner Lok das Gesicht eines Mannes. Der war vor ihm ins Gleisbett gesprungen. „Auf einmal war er da. Ich springe auf, reiße am Bremshebel, ein dumpfer Schlag, ein Knacken, als meine Lok den Körper trifft. Dann Totenstille.“ Seit diesem Tag lebt der inzwischen arbeitslose, schwer traumatisierte Lokführer mit der täglichen Erinnerung an die schrecklichen Bilder von abgetrennten Gliedmaßen und verstreutem Eingeweide auf dem Gleisbett. Er leidet seither an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Hätte er nicht schneller bremsen können? Keiner gibt ihm Schuld – und doch fühlt er sich schuldig …

Ein Ausnahmefall? Mitnichten! Jedes Jahr werfen sich laut Deutsche Bahn AG etwa 1.000 Menschen vor einen Zug. Ein Lokführer überfährt statistisch gesehen in seinem Berufsleben im Schnitt drei Menschen.

Albtraum 2

Eine Krankenschwester versorgt seit 20 Jahren neurologische Patienten in einer großen Klinik. In den vergangenen fünf  Jahren erlebte sie mehrere Übergriffe. „Ich wurde von Patienten schon anuriniert, in den Unterleib getreten, mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen, angespuckt und schwerstens beleidigt.“ Nach der letzten körperlichen Attacke eines aggressiven Mannes, der dabei ihren Fuß verletzte, war nichts mehr wie vorher. „Ich konnte plötzlich ohne Schwindel nicht mehr durchs Krankenhaus laufen. Ich kam immer öfter zu spät. Und eines Tages dann bin ich nach dem bösen Spruch eines Patienten einfach in die Knie gegangen und habe mich auf den Boden gelegt, weil es in meinem Kopf nur noch gerauscht hat.“ Die Krankenschwester ist seither arbeitsunfähig und in psychologischer Behandlung.

Ein Ausnahmefall? Leider nein! Jedes Jahr werden den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen rund 10.000 durch psychische und physische Gewalt verursachte Arbeitsunfälle gemeldet – sehr häufig sind es Angriffe auf medizinisches Personal.

Albtraum 3

Zwei Mitarbeiter eines Möbellagers im Kreis Pinneberg säubern an einem trockenen Herbsttag das Hallendach von Laub und Ästen. Dabei rutscht ein Kollege aus, der andere will ihn festhalten. Das schlimme Ende: Beide Männer stürzen 15 Meter in die Tiefe. Einer der beiden (44) stirbt noch am Unfallort, der andere (33) wird schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Seine zahlreichen Brüche verheilen relativ schnell – doch psychisch ist er seither gezeichnet. Immer wieder sieht er das schreckverzerrte Gesicht seines Kollegen, erlebt den eigenen Sturz unzählige Male am Tag und nachts im Traum. Er ist arbeitsunfähig und in psychotherapeutischer Dauerbehandlung.

Ein Ausnahmefall? Beileibe nicht! Unfälle infolge von Stolpern, Rutschen und Stürzen – sogenannte SRS-­Unfälle – stehen in Deutschland mit 34,7 Prozent  aller Arbeitsunfälle ganz oben auf der Liste der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Insgesamt ereigneten sich 2017 im Bereich der Unfallversicherung 873.522  meldepflichtige Arbeitsunfälle, die eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei  Tagen oder in 451 Fällen den Tod zur Folge hatten. Davon wurden 13.625  schwere Arbeitsunfälle verzeichnet, bei denen es zur Zahlung einer Rente oder eines Sterbegeldes gekommen ist.

Traumabewältigung

Trauma = Seelische Verletzung

Wie viele Menschen jedes Jahr nach beruflichen Schicksalsschlägen oder als indirekt Beteiligte traumatisiert werden und behandelt werden müssen, lässt sich anhand der Zahlen des Netzwerks Psychotherapie der DGUV benennen: Im Jahr 2016 wurde in mehr als 6.800 Fällen eine psychotherapeutische Versorgung von Versicherten mit psychischen Folgen nach Arbeitsunfällen sichergestellt. Fest steht auch, dass die meisten Menschen laut Experten im Laufe ihres Lebens mindestens ein traumatisches Erlebnis  haben. Der Begriff Trauma leitet sich aus dem altgriechischen Wort für Wunde ab und wird heute in der Psychologie als seelische Verletzung verstanden, die durch ein einschneidendes, erschütterndes oder gar schockierendes Ereignis hervorgerufen wird. Dies kann zum Beispiel eine niederschmetternde Krankheitsdiagnose, eine Naturkatastrophe, eine Gewalt­, Verlust­ oder Vernachlässigungserfahrung oder eben auch ein Arbeitsunfall sein.

Prinzipiell kann jeder am Arbeitsplatz mit solch einer belastenden Situation konfrontiert werden. Ein persönlich erlittener schwerer Arbeitsunfall, das schockierende Miterleben eines solchen, der tödliche Herzinfarkt eines Kollegen. Einige Berufe sind besonders anfällig für traumatische Ereignisse. Dazu  zählen neben Polizei, Feuerwehr­ und Rettungsdienst auch Berg­, Fabrik­ und Bauarbeiter. Jeder hohe Stress oder eine gefährliche Umgebung setzt die Arbeitnehmer einem Traumarisiko aus. So sind auch Bankangestellte, Kassierer oder Mitarbeiter in Spielhallen höher gefährdet als so manch andere Arbeitnehmer. Aber auch Pflegepersonal, Ärzte oder Mitarbeiter in Ämtern und  Behörden erleben traumatisierende Übergriffe von Patienten oder verärgerten Kunden. Die Psychologin Kristina Soldo vom TÜV Rheinland: „Gemeinsam ist diesen einschneidenden Erlebnissen, dass sie eine schwer zu verarbeitende Erfahrung darstellen, die mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit und Entsetzen einhergeht. Betroffene berichten, das Schlimmste sei das  Gefühl, die Kontrolle über sich und die Situation zu verlieren.“

Professionelle Hilfe oft unerlässlich

Die Auswirkungen eines Traumas können dramatisch sein. In den ersten Tagen sind Weinkrämpfe, innere Unruhe, extreme Schreckhaftigkeit oder auch das wiederholte Erleben des  Ereignisses noch normal. Soldo: „Diese akute Belastungsreaktion sollte allerdings spätestens nach zehn Tagen abklingen.“ Hält sie länger an, könnte es sich um eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung mit anhaltenden Ängsten und Albträumen, Depressionen und Abgestumpftheit bis hin zu Suizidgedanken handeln. Dann ist professionelle Hilfe durch einen Psychotherapeuten unerlässlich.

Ausgangspunkt einer Traumatherapie ist zunächst, das Gefühl von persönlicher Sicherheit wiederherzustellen. Ziel ist es, am Ende das Erlebte als Teil des eigenen Lebens annehmen zu  können. Auf dem Weg dorthin ist eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Traumapatient und Arzt oder Therapeut wichtig. Der Patient wird dabei unterstützt, individuelle Strategien zur Krisenbewältigung und zur Besserung der Symptome zu entwickeln. Das können ganz einfache Maßnahmen sein: Einigen Betroffenen hilft es zum Beispiel, wenn sie bei sich anbahnenden Stress­ oder Angstzuständen den Arbeitsplatz oder das Büro verlassen, wenn sie das Gesprächsthema wechseln oder schnell etwas essen. Aber auch Kommunikation kann entlasten – der Betroffene muss lernen und selbst entscheiden, ob, wann und mit wem er über das Erlebte reden will.

Am Arbeitsplatz ist hier das Verständnis der Kollegen und Vorgesetzten erforderlich: zuhören, Interesse zeigen, Streit und heftige Kritik vermeiden. Auch ungewöhnliche Reaktionen und spezielle Formen der Bewältigung sollten respektiert werden.

Direkt nach einem Arbeitsunfall gilt: Schon kleine Gesten, wie ein Taschentuch oder ein Getränk reichen, können das traumatisierende Erlebnis entschärfen und den Betroffenen beruhigen. Zur Erstversorgung gibt die Unfallkasse Berlin  folgende hilfreiche Verhaltensregeln im Kontakt mit Betroffenen:

  • Erkundigen Sie sich nach dem Befinden und machen Sie Ihre Anteilnahme deutlich.
  • Fragen Sie den Betroffenen, was Sie für ihn tun können.
  • Beruhigen Sie, ohne abzuwiegeln.
  • Suchen Sie behutsam (Körper-)Kontakt.
  • Schirmen Sie Verletzte und Betroffene vor Zuschauern und Medien ab.
  • Lassen Sie die betroffene Person nicht allein.
  • Verständigen Sie bei Nichtansprechbarkeit des Betroffenen und mit dessen Einverständnis einen Arzt.
  • Begleiten Sie die betroffene Person in einen geschützten Bereich oder nach Hause und vergewissern Sie sich, dass ein Ansprechpartner zur Verfügung steht.

Ersthelfer können aus dem Blick geraten. Die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen empfehlen deshalb, möglichst alle bei einem Arbeitsunfall Beteiligten zu erfassen und vorsorglich zu melden, um auch später noch die Versicherten identifizieren zu können, die eine psychotherapeutische Hilfe benötigen.

Auch in Fällen von Gewalt und Aggression am Arbeitsplatz gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer fehlender Meldungen aus, weil sie als berufstypische Belastungen bagatellisiert und tabuisiert werden. Dies gilt nicht nur für körperliche Übergriffe, sondern auch für Bedrohungen, Beleidigungen, Pöbeleien und andere Formen von verbaler Gewalt. Viele Betroffene zeigen erst später psychische Auffälligkeiten und konsultieren ihren Hausarzt, ohne dass der Unfallversicherungsträger hiervon erfährt. Die Empfehlung deshalb: Gewaltereignisse auch dann melden, wenn keine Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen vorliegt. Auch vermeintliche Bagatellunfälle durch Gewalt sollten betriebsintern dokumentiert werden. Dann kann ein Gewaltereignis nachträglich der Unfallversicherung nachvollziehbar übermittelt werden.


Mitversichert: Die Unfallversicherung zahlt nötige Therapien

Nach dem Siebten Buch Sozialgesetzbuch (SGB VII) ist ein Arbeitsunfall ein Unfall, den die versicherte Person infolge einer versicherten Tätigkeit erleidet. Darüber hinaus gilt: „Unfälle sind zeitlich begrenzte, von außen auf den Körper einwirkende Ereignisse, die zu einem Gesundheitsschaden oder zum Tod führen.“ Auch Arbeitsunfähigkeit infolge einer schweren psychischen Belastung fällt damit unter diese Definition. Depressionen, Angstzustände oder eine posttraumatische Belastungsstörung sind also mitversichert. Die zuständige Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse fungiert dabei als verantwortlicher Träger. Die Personalabteilung jedes Arbeitgebers kann darüber Auskunft geben, welche Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse verantwortlich ist.

Text: Karl-Heinz Patzer

Schreiben Sie einen Kommentar