„Bitte nicht weiter gehen!“ Der Fotograf hat ein Motiv entdeckt und will das Verdichterhaus betreten. „Das hier ist eine Ex-Zone.“ Eine was? „Ein explosionsgefährdeter Bereich, kurz Ex-Zone“, erläutert Dr. Stefanie Stutzmann. Sie ist zuständig für die Anlagensicherheit bei der Firma Infraserv Höchst und somit auch für den Explosionsschutz. Das Verdichterhaus ist eine unspektakuläre und nicht sehr große Anlage, in der Wasserstoff auf verschiedene Druckstufen verdichtet und danach im Industriepark verteilt oder auf Lkw verladen wird. Dahinter steht ein kirchturmhoher Gasometer, in dem der Wasserstoff nahezu druckfrei lagert. Der Fotograf kümmert sich mittlerweile zähneknirschend um andere Motive außerhalb der Ex-Zone.

90 Firmen angesiedelt im Industriepark Höchst

Der Gasometer steht am Westrand eines weitläufigen Geländes, vollgepackt mit Rohrsystemen und Gebäuden. Der „Industriepark Höchst“ ist ein Chemie- und Pharmastandort, der rund 90 verschiedene Firmen beherbergt, vom internationalen Großkonzern bis hin zu mittelständischen Dienstleistern. Er hat eine lange Geschichte, seit 1863 werden hier, am Rand des heutigen Frankfurter Vorortes Höchst, chemische Erzeugnisse produziert. Bis in die 1990er Jahre gehörten alle Anlagen der Hoechst AG, den früheren Farbwerken Hoechst.

Die Hoechst AG war neben BASF und Bayer der dritte große deutsche Chemiekonzern, in den 1980ern gehörte sie zu den größten Chemieunternehmen der Welt. Ab 1994 begann ein strategischer Umbau – manche nennen es auch Zerschlagung – mit dem Ziel, profitabler und zukunftsfähiger zu werden. Nach und nach wurde das Chemiegeschäft verkauft, übrig blieb die Pharmasparte. Diese fusionierte mit einem französischen Unternehmen zu „Aventis”, der Hauptsitz ging nach Straßburg. 2004 übernahm die ebenfalls französische Sanofi-Gruppe das fusionierte Unternehmen und die Hoechst AG war endgültig Geschichte. Sanofi ist heute im Industriepark der größte Arbeitgeber mit rund 8.000 Beschäftigten.

Der expressionistische Behrens-Bau von 1924, heute Sitz der Infraserv Höchst, steht unter Denkmalschutz.
Der expressionistische Behrens-Bau von 1924, heute Sitz der Infraserv Höchst, steht unter Denkmalschutz.

 

Seit dem Ende der Hoechst AG betreibt Infraserv Höchst das Gelände als offenen Industriepark, wer will, kann sich mit seinem Unternehmen dort ansiedeln. Infraserv ist Dienstleister und bietet den Unternehmen auf dem Gelände zahlreiche Leistungen an. Das beginnt bei der Energieversorgung mit Strom oder Gas und geht über Entsorgungsleistungen bis hin zur Logistik oder Umweltschutz.

Anlagensicherheit und Explosionsschutz

Dr. Stefanie Stutzmann ist die Expertin für den Explosionschutz bei der Infraserv Höchst.
Dr. Stefanie Stutzmann ist die Expertin für den Explosionschutz bei der Infraserv Höchst.

Dr. Stefanie Stutzmann ist Chemikerin und hat vor zehn Jahren auf Anlagensicherheit und Explosionsschutz umgesattelt. „Ich bin technikaffin und war mehrere Jahre in einem kleinen Betrieb außerhalb des Industrieparks tätig. Aber nach einiger Zeit, als die großen Projekte der ersten Jahre abgeschlossen waren, war es mir zu langweilig.“ Sie bewarb sich auf einen entsprechenden Job bei Infraserv und Langeweile kommt bei ihr nicht mehr auf, denn Infraserv Höchst bietet seinen Kunden zusätzlich auch Dienstleistungen in den Bereichen Arbeitsschutz, Maschinensicherheit und Gefahrstoffe an. „Ich komme viel herum, weil wir nicht nur für Kunden hier am Standort arbeiten, sondern deutschlandweit aktiv sind.“

Die Wasserstoffanlage im Industriepark gehört Infraserv Höchst und ist eine Art Verteilzentrum. Infraserv kauft den Wasserstoff von einem Betrieb auf dem Gelände, lagert ihn im Gasometer zwischen und verkauft ihn wieder an andere Betriebe, die Wasserstoff für ihre Prozesse benötigen.

Das Team von Stefanie Stutzmann hat für die Anlage federführend das sogenannte  „Explosionsschutzdokument“ erstellt. „Das ist eine zentrale Forderung der Gefahrstoffverordnung“, erzählt sie. In diesem Dokument werden alle auftretenden Prozesse beschrieben sowie die erforderlichen Maßnahmen, die Explosionen möglichst ausschließen sollen.

Gefährdungsbeurteilung für Spezialisten

„Es ist eine spezielle Form der Gefährdungsbeurteilung und ein derart komplexes Thema, dass wir dafür Spezialisten brauchen“, sagt Thomas Vernaleken, der bei Infraserv die Abteilung Arbeitsschutz und Anlagensicherheit leitet. „Und unsere Spezialistin für Explosionsschutz ist Frau Doktor Stutzmann.“

Wie wird dieses Explosionsschutzdokument erstellt? Zunächst kommt der primäre Explosionsschutz, das bedeutet, man schaut sich die beteiligten Stoffe an. Kann man entzündbare Stoffe durch ungefährliche ersetzen und so explosionsfähige Atmosphäre vermeiden? „Das ist in der Chemieindustrie schwierig“, sagt Stutzmann lächelnd.

„Ein harmloser Hammer, der herunterfällt, könnte beim Auftreten auf den Boden einen Funken erzeugen.“
Die Druckgasflaschen auf dem Lkw werden mit Wasserstoff befüllt.

 

Der nächste Punkt: Wie vermeidet man die Freisetzung eines Stoffes, der unverzichtbar ist, der aber im Gemisch mit Luft explodieren kann? Stutzmann erläutert: „Indem ich den brennbaren Stoff immer umschlossen halte, und wenn es unvermeidlich ist, dass er austritt, beispielsweise an einer Abfüllung, muss ich den Stoff direkt an der Quelle absaugen“.

Sekundärer Explosionsschutz

Und wenn man es nicht schafft, die Freisetzung soweit zu reduzieren, dass keine ex-fähige Atmosphäre entsteht? „Dann kommt als nächstes die Einteilung in Zonen“, sagt Stutzmann. Es gibt drei Zonen bei Gasen:

  • die Zone 0 für einen Bereich, in dem ein Gemisch aus Luft und brennbaren Gasen, Dämpfen oder Nebeln ständig, über lange Zeiträume oder häufig vorhanden ist.
  • die Zone 1 für einen Bereich, in dem sich bei Normalbetrieb gelegentlich eine gefährliche explosionsfähige Atmosphäre als Gemisch aus Luft und brennbaren Gasen, Dämpfen oder Nebeln bilden kann.
  • die Zone 2 ist ein Bereich, in dem bei Normalbetrieb eine gefährlich explosionsfähige Atmosphäre als Gemisch aus Luft und brennbaren Gasen, Dämpfen oder Nebeln normalerweise nicht oder nur kurzzeitig auftritt.

Darauf folgt der sekundäre Explosionsschutz. Das bedeutet im Wesentlichen, dass keine Zündquellen im gefährlichen Bereich vorhanden sein dürfen. Die bereits beschriebene Zoneneinteilung bestimmt die Art der Schutzmaßnahmen, beispielsweise den Einsatz explosionsgeschützter Geräte im Gefahrenbereich. Kein Feuerzeug und keine Zigaretten sind klar. Aber auch keine elektrischen Einrichtungen, die Zündfunken erzeugen könnten, wie zum Beispiel Lichtschalter. Und elektrostatische Aufladung muss unbedingt vermieden werden. „Ich habe hier Schuhe mit einer besonderen Sohle an, die solche Aufladungen vermeiden“, Stutzmann zeigt die Sohle ihrer Schuhe.

Auch Warnhinweise dienen der Prävention.
Auch Warnhinweise dienen der Prävention.

 

Auch das Werkzeug muss besonders sein: Ein harmloser Hammer, der herunterfällt, könnte beim Auftreffen auf den Boden einen Funken erzeugen, daher darf – je nach Zone und gehandhabtem Stoff – nur spezielles, funkenfreies Werkzeug benutzt werden.

Der sekundäre Explosionsschutz erklärt auch, warum der Fotograf, die Zone nicht betreten durfte: Seine Kameras und externen Blitzlampen könnten Zündquellen sein. „Das ist zwar in dem Fall nicht sehr wahrscheinlich“, erklärt Stutzmann, „aber sicher ist sicher, daher muss er draußen bleiben.“

Tertiärer Explosionsschutz

Am Ende steht der tertiäre Explosionsschutz: Wenn es trotz aller Bemühungen eine Explosion gibt, versucht man, soweit möglich, die Auswirkungen zu reduzieren. Man trennt Anlagenteile mit Flammdurchschlagssicherungen voneinander, installiert Löschsysteme, Apparate werden entsprechend druckfest gebaut. „Dann macht es innen drin ‚Puff‘, aber außen passiert nichts“, erläutert Stutzmann.

Blick in die Ex-Zone. Hier wird der Wasserstoff aus dem Gasometer für den Transport verdichtet.
Blick in die Ex-Zone. Hier wird der Wasserstoff aus dem Gasometer für den Transport verdichtet.

 

Der gesamte Industriepark wird von breiten Straßen durchzogen, deren Fahrbahnen in der Mitte durch Rohrgraben getrennt sind. Darin verlaufen die Ver- und Entsorgungsrohre wie Adern von einem Ende zum anderen. Eine ähnliche Rohrtrasse war im Oktober 2016 der Schauplatz der bislang letzten großen Explosion in der deutschen Chemieindustrie. Bei der BASF in Ludwigshafen war ein Arbeiter einer Spezialfirma für Rohrleitungsbau damit beschäftigt, Teile eines Rohres auszuwechseln. Dazu war die Rohrleitung vorher entleert und gespült worden, um gefahrlos mit einem Winkelschleifer arbeiten zu können. Aus einem unbekannten Grund schnitt der Arbeiter eine danebenliegende Leitung an, die Buten führte. Die Funken des Winkelschleifers entzündeten das Gas, wodurch andere Leitungen unterfeuert wurden und versagten. Durch die folgende Explosion starben fünf Menschen und 45 wurden verletzt.

Infraserv betreibt den Industriepark Höchst auf dem Gerlände der ehemaligen Hoechst AG.
Infraserv betreibt den Industriepark Höchst auf dem Gerlände der ehemaligen Hoechst AG.

 

Im Industriepark Höchst muss wie bei allen Chemiefirmen vor jeder gefährlichen Tätigkeit durch den auftraggebenden Betrieb ein „Arbeitserlaubnisschein“ erteilt werden. „Das ist nichts anderes als eine situationsbezogene Gefährdungsbeurteilung für jeden Fall von Wartung und Reparatur an unseren Anlagen“, sagt Vernaleken. Jeder Mitarbeiter einer Fremdfirma muss mittels einer Checkliste über die Gefährdungen, die sein Einsatz mit sich bringt, unterwiesen werden. Darüber hinaus werden, je nach Gefährdung, auch Aufsichtspersonen zugeteilt, die die Arbeiten überwachen.

Zunehmende Anforderungen an den Explosionsschutz

Die Sicherheitsanforderungen der letzten Jahrzehnte sind deutlichgestiegen. Dies ist auch an der Entwicklung der Gesetze, Verordnungen und technischen Regeln klar zu erkennen, die mit jedem großen Unfall, ob bei der Eisenbahn, der Luftfahrt oder in der Industrie, angepasst werden. „Die Novellierungen der Gefahrstoffverordnung und der Störfall-Verordnung (12. BImSchV), die die wesentlichen Regelwerke für die chemische Industrie sind, waren sicher nicht unbeeinflusst von den Ereignissen in den Jahren vor der Novellierung“, sagt Stutzmann.

Es ist tatsächlich sicherer geworden. Wenn man sich vor Augen hält, wie viele Chemieanlagen in diesem Land 24 Stunden pro Tag und 365 Tage im Jahr ununterbrochen laufen, wie viele Wartungs- und Reparatureingriffe für das Funktionieren nötig sind, dann sind große Explosionsereignisse extrem selten.

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