Wenn neue Sex-Arbeiterinnen in ihr Bordell kommen, macht Brigitte K. erst mal eine kleine Führung und erklärt ihnen, wie es so läuft. Und wie sie gesund bleiben.Dass jedem Gast was zu trinken angeboten wird. Wie man die Gläser spült, wenn man keinen Herpes will. Erst heiß mit Spüli, dann klares Wasser, dann direkt abtrocknen und in den Schrank. In welcher Schublade die Kondome liegen – und zwar in der Küche, nie auf dem Zimmer! Wer weiß schon, was in den Köpfen der Männer abläuft? In der Küche macht niemand ein Loch in die Dinger.

Terminwohnung als Bordell

Brigitte K. betreibt ein Bordell, genauer gesagt: eine Terminwohnung, irgendwo in der hessischen Provinz. Ihren richtigen Namen will sie hier nicht lesen. Sie vermietet zwei Arbeitszimmer, Küche, Bad, Pausenraum und Terrasse an Prostituierte. Die Sex-Arbeiterinnen – oder wie die 58-Jährige sagt: „meine Mädels“ – kommen aus ganz Europa, bleiben für eine Woche in der Wohnung, dann ziehen sie weiter. Einige sind Stamm-Mieterinnen, kommen regelmäßig wieder.

Seit mittlerweile 36 Jahren ist Brigitte K. im Metier tätig, gelernt hat sie einst Konditorin. Früher, als die Geschäfte noch besser liefen, war im Haus eine Bar mit zehn, zwölf Sex-Arbeiterinnen. Sie selbst stand damals hinterm Tresen, „die Gäste hab ich mir erzogen“. Da konnte die Tür ruhig sperrangelweit offen stehen, geklingelt wurde trotzdem brav. Heute dient die Bar nur noch als Abstellraum.

Ein stabiles Bett, eine harte Matratze weiß Francisca Funk zu schätzen. Sie ist seit mehr als 30 Jahren als Sexarbeiterin im Geschäft. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag GmbH

Hygiene ist die beste Prävention

Brigitte K. ist eine Frau mit Prinzipien. „Sauberkeit ist das Wichtigste, was es gibt“, erklärt sie. Damit ihre Mädels gesund bleiben. Und so bekommen die Sex-Arbeiterinnen klare Ansagen wie die Prävention laufen soll. „Manche bringen Stückseife mit“, erzählt sie empört. „Stückseife geht gar nicht!“ Die reinsten Bakterienschleudern. Bei ihr bekommen die Sex-Arbeiterinnen Flüssigseife, im Bad fest über dem Waschbecken montiert.

Kundenhygiene, das ist auch so ein Thema. Natürlich wieder: klare Ansagen. Der Gast muss sich die Hände waschen, für sein Glied sind die Sex-Arbeiterinnen zuständig. In dem Arbeitszimmer, auf dem Boden vor dem Waschbecken, steht ein schmales Podest, damit auch die kleineren Männer für die Waschung hoch genug stehen. Das Podest ist diskret mit rotem Teppich bezogen, hier soll sich niemand klein fühlen. Die Waschbecken sind hell ausgeleuchtet, so sehen die Frauen gleich, wenn der Freier Verletzungen oder sonst was hat. Zum Abtrocknen für die Männer immer ein frisches Gästehandtuch nehmen, eins von den kleinen. Für die Sex-Arbeiterinne liegen andere bereit. „Mit den Handtüchern bin ich pienzig.“

Arbeitsschutz im Bordell
Egal welche Fantasie die Freier in der Terminwohnung ausleben wollen: Angst vor Männern muss hier niemand haben. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag GmbH

Klare Vorgaben für Sex-Arbeiterinnen

Die Handtücher, die kleinen und die großen, wäscht Brigitte K. deshalb selber. Die neuen Handtücher, auch das lernen die Prostituierten, immer von links im Schrank wegnehmen, weil sie die frischen jeweils von rechts einsortiert. Dass nach jedem Freier das Bett frisch bezogen wird und auf den Bezug ein neues Betthandtuch kommt – „falls mal was daneben geht“ –, versteht sich von selbst.

Arbeitsschutz im Bordell
Frische Handtücher für jeden Freier.
Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag GmbH

Im Bad steht, wie in jedem Raum, unübersehbar Sagrotan. Eine Dusche – auf Wunsch auch mit den Kunden nutzbar – und ein Bidet. Weil der ständige Kontakt mit Wasser der Haut schadet, gibt’s für die Prostituierten zarte Kosmetiktücher aus der Box, „die Küchenrolle ist vielen zu hart“. Auch Francisca Funk ist ein alter Hase, sie ist seit mehr als 30 Jahren als Sex-Arbeiterin im Geschäft. Um Fremdhygiene macht sie sich wenig Sorgen – die meisten Männer kommen frisch geduscht zu ihr. Wenn doch mal einer riecht, sagt sie: „Komm Schatz, wir duschen zusammen.“

Die 57-Jährige arbeitet in Frankfurt, selbstständig und nur noch in Teilzeit. Zurzeit macht sie, wenn sie nicht arbeitet, ihr Abitur nach. „Nicht weil ich es brauche, nur für mich selbst“, sagt sie. Das Lernen bereitet ihr Spaß und gibt Selbstbewusstsein.

Viele Prostituierte haben keine feste Arbeitsstätte

Ein Zimmer in einem Bordell, eine feste Arbeitsstätte, hat sie nicht. Von den Kunden wird sie in wechselnde Hotels oder auch schon mal nach Hause bestellt. Hier bei Brigitte K. in der Terminwohnung ist sie heute wegen der Fotos zu dieser Geschichte – die Frauen kennen und schätzen sich. Vielleicht, so besprechen sie später, wird Francisca Funk in den nächsten Schulferien hier für eine Woche arbeiten.

Arbeitsschutz im Bordell
Kondome stellt Brigitte K. kostenlos zur Verfügung. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag GmbH

Blowjobs gehen auf die Gesundheit

Mit den Jahren merkt Francisca Funk ihre Knochen, der Beruf geht auf die Gesundheit. „Vor allem meine Halswirbelsäule ist ganz zerschlissen“, sagt sie. „Das kommt von den Bewegungen beim Blasen.“ Auch an den Füßen macht sich der Job bemerkbar. „Das viele Stehen in High Heels führt zu Deformationen.“ Die hohen Lackstiefel, in die sie fürs Fotoshooting schlüpft, kann sie nur noch kurze Zeit tragen.


PRÄVENTION AKTUELL Folge 24 – Gute Sex-Arbeit

 

In der aktuellen Folge unseres Podcasts erläutert Prävention aktuell-Redakteurin Gesa Fritz die Hintergründe zu ihrer Reportage.


Eine harte Matratze, ein stabiles Bett weiß sie zu schätzen. „Ich habe schon manches Bett zusammenkrachen sehen.“ Weiche Matratzen – oder gar Wasserbetten – sind ihr ein Graus. „Der Job geht auch so schon genug auf den Rücken.“ Brigitte K. kennt die Probleme: Die Matratzen in der Terminwohnung sind extra hart und unter den roten Laken mit Kunstleder bezogen – gut abwischbar mit Sagrotan – die Bettgestelle eine Spezialanfertigung aus massivem Holz.

Arbeitsschutz im Bordell
Seifenspender auf den Zimmern, ein Desinfektionsspray im Flur: Sauberkeit ist für Brigitte K. das Wichtigste. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag GmbH

Stigmatisierung der Prostitution belastet die Psyche

Doch die großen Themen der Sex-Arbeiterinnen sind andere. „Die Stigmatisierung des Berufs ist schlimm“, sagt Francisca Funk. „Ich kann über das, was ich erlebe, nicht reden.“ Nicht über das, was blöd ist. Von den unzähligen Treppen, die sie neulich zu einem Kunden emporsteigen musste. Von den vielen Männern, die anrufen und es nicht ernst meinen. Oder wenn Freier am Ende nicht zahlen wollen. Sprechen kann sie auch nicht über das, was lustig und gut war. „Die Männer behandeln mich mit sehr viel Respekt“, sagt sie. Ihre Einstellung zu Sex hat sich verändert. „Ich bin sehr offen geworden und habe ein natürliches Verhältnis zur Sexualität.“ Dass es ihr immer wieder gelingt, eine Illusion zu verkaufen – gut im Job zu sein – macht sie stolz.

„Wenn ich Außenstehenden davon erzähle, spüre ich, dass hinter meinem Rücken getuschelt wird. Das ist schlimm.“ Ihr fehlt die gesellschaftliche Anerkennung oder doch wenigstens die Akzeptanz ihres Berufs der Sex-Arbeiterin. Das belastet die Psyche. Egal was sie sagt oder macht, sie landet immer wieder in der gleichen Schublade. „Wer so was freiwillig macht, muss ja psychisch krank sein – das denken einige Leute“, so die Erfahrung der Sex-Arbeiterin.

Arbeitsschutz im Bordell
„Die Männer behandeln mich mit sehr viel Respekt“, sagt Francisca Funk. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag GmbH

Kritik am neuen Prostituiertenschutzgesetz

Die Stigmatisierung, die Verurteilung, das Drängen an den Rand der Gesellschaft – das alles wird nach ihrer Überzeugung mit dem neuen Prostituiertenschutzgesetz noch schlimmer (siehe Infografik). Heute, bei diesem Gespräch im Herbst 2017, wird das Gesetz in Hessen noch nicht umgesetzt. Vieles ist noch unklar, auch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Klage gegen das Gesetz steht aus.

Für Francisca Funk ist das Gesetz eine große Belastung: „Wir werden überwacht und entrechtet.“ Sie ist überzeugt, dass mit dem Gesetz die Sex-Arbeit kriminalisiert und die Stigmatisierung der Prostituierten durch den sogenannten „Hurenpass“, ein Ausweis, der dann jederzeit mitgeführt werden muss, auf die Spitze getrieben wird. „Die vielen neuen Vorschriften werden viele Sex-Arbeiterinnen in die Illegalität treiben“, sagt sie.

Arbeitsschutz im Bordell
Kameras im Flur: In Sachen Sicherheit versteht Brigitte K. keinen Spaß. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag GmbH

Auch Brigitte K. verbindet mit dem neuen Gesetz nur Schlechtes. Auch auf sie kommen zahlreiche neue Auflagen zu. Eine zweite Dusche, nur für die Prostituierten, zusätzliche Schlafräume – in den Arbeitszimmern darf nicht mehr geschlafen werden –, eine Aufsichtspflicht über die Sex-Arbeiterinnen, das ist nur eine kleine Auswahl.

Terminwohnung wird wie Laufhaus-Bordell behandelt

Dabei behandelt das Gesetz ihre kleine Terminwohnung genauso wie ein Laufhaus-Bordell mit 200 Zimmern. „Du stehst mit einem Bein immer im Knast“, sagt Brigitte K. Für ihre Terminwohnung muss sie eine Betriebserlaubnis neu beantragen. Noch weiß sie nicht, ob sie die auch bekommt und es überhaupt weitergeht. Ihre Sex-Arbeiterinnen sind verunsichert und sie ist es auch.

Eine andere Angst: die schwarzen Schafe unter den Freiern. Einmal, es ist schon ein paar Jahre her, da hat in der Terminwohnung ein Typ einer Frau ein Messer an den Hals gedrückt und wollte das Geld zurück. Brigitte K. sagt den Prostituierten immer: „Wenn so was Extremes passiert, gebt halt das Geld und lasst sie gehen.“

Aber meist kommen Stammkunden zu Brigitte K. Sie weiß um deren besonderen Wünsche und die Freier wissen, dass sie sich in der Terminwohnung an Regeln halten müssen. Auf Neue hat die 58-Jährige besonders ein Auge, fast vier Jahrzehnte Erfahrung haben den Blick geschärft.

Arbeitsschutz im Bordell
In der Terminwohnung herrscht strenges Alkoholverbot. Jedem Freier werden Wasser, Cola und etwas Süßes angeboten.
Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag GmbH

„Ich pass auf meine Mädels auf“, sagt sie und erzählt, wie jüngst eine der Sex-Arbeiterinnen meinte: „Ich hab Angst!“ Und dann die Zweite: „Ich auch!“ Kurz lacht Brigitte K. auf – denn Angst vor den Männern muss bei ihr keine haben. In Sachen Sicherheit meint sie es ernst. Sind Freier da, bleibt sie immer in der Nähe. Auch das wissen alle.

Technische Maßnahmen zur Prävention

Weil das noch nicht reicht, sind neben den Betten Notrufknöpfe und im Flur Kameras installiert. Bewegt sich hier was, gehen direkt sechs Bilder auf ihr Handy und den Computer. Schlüssel gibt’s für die Zimmer keine, nicht dass einer der Freier auf dumme Gedanken kommt und von innen zusperrt. Erst neulich gab es großes Geschrei im Zimmer. „Da bin ich in den Flur und hab gerufen ,Alles in Ordnung?‘ und aus dem Zimmer kam ,Ja, alles in Ordnung.‘ Das gehörte wohl mit zum Job.“ Ein Glück für den Freier, möchte man denken. Denn Brigitte K. ist eine Frau wie ein Bär. Vielleicht nicht so groß, aber wenn sie sich wütend aufbaut, dann möchte man alles, nur keinen Streit.

Infografik: Das Prostituiertengesetz
Infografik: Das Prostituiertengesetz Grafik: Liebchen & Liebchen/Universum Verlag GmbH

Weitere Informationen

Unfallversichert im Bordell

Für Bordelle, Swinger- und Saunaclubs sind die Berufsgenossenschaften zuständig. Die Betriebe werden – genauso wie die anderen versicherten Betriebe – von Aufsichtspersonen besucht.

Dabei schaut die technische Aufsichtsperson nach den grundlegenden Dingen des Arbeitsschutzes: Feuerlöscher, Verbandsmaterial und Notausgänge. Stolperstellen sind bei der oft geringen Beleuchtung immer wieder ein Thema, genauso wie Gewalt durch Gäste. Dann berät die Aufsichtsperson oder bietet bei Bedarf psychologische Betreuung an.


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Die Reportage stammt aus Ausgabe 1/2018 der Zeitschrift Prävention aktuell

2 Gedanken zu “Gesunde Sex-Arbeit

  1. ___S_a_g_r_o_t_a_n___o_d_e_r___P_r_ä_v_e_n_t_i_o_n___h_a_t___„_F_l_a_s_c_h_e___l_e_e_r_“___ (G. Trapattoni)

    Eine der historisch wirksamen Erzählungen zur Ächtung der Sexarbeit, ist die, dass s i e eine (Infektions-) Quelle der Gefährdung der (Volks-) Gesundheit ist. Unter den Bedingungen der Entkriminalisierung der Sexarbeit ist das Gegenteil der Fall. Die Erfahrungen aus New South Wales, Australien, dort ist die Sexarbeit entkriminalisiert (es gibt keine Strafrecht mehr das lediglich Sexarbeit kriminalisiert), zeigen das. Die Häufigkeit von Infektionen, die sexuell übertragen werden (https://swop.org.au/images/phocadownload/Resources/SWOPdocs/Association-Documents/Strategic-Plan/Strategic-Plan-2013-2016.pdf) liegt dort, aufgrund von Voraussetzungen die eine informierten Entscheidung (s.u.) ermöglichen, dazu gehört die Abwesenheit von Kriminalisierung, unter den Werten der sonstigen weiblichen Bevölkerung.

    Das – zugespitzt gesagt _ Konzept „Sagrotan“ das im obigen Artikel aufscheint, ist nicht geeignet diesen „australischen“ Zustand herbeizuführen. Das Konzept der Entkriminalisierung und informierten Entscheidung ist ihm gegenüber zielführend. Sagrotan spielt darin eine Rolle, ist jedoch nicht das Leitbild.

    Solange Sexarbeit kriminalisiert wird, sie unter prohibitiven Rahmenbedingungen stattfindet, wird Sexarbeitenden eine informierte Entscheidung nicht zugestanden, wird es ihnen z.B. nicht ermöglicht angemessen eigene Entscheidungen treffend mit gesundheitlichen Risiken umzugehen. Auch weil es unter den Bedingungen der Flucht vor strafrechtlicher Verfolgung, nicht möglich ist, rationale Überlegungen in den Vordergrund zu stellen. Sexarbeitende werden institutionalisiert „kalt“ entmündigt.

    Prävention ist, als Gefahrenabwehr verstanden, tükisch. Das Subjekt wird ihr, gefahrenmahnend, unterstellt, zum Objekt medizinalisierter Kontrolle. Das Kondomgebot des neuen Sexarbeitsrecht ist das Beispiel, dass diese Aussage wenigstens plausibel macht, wenn nicht verifiziert.

    Den Wissenstand aus 2015 darstellend, liegt mir, auch zur vorbereiteten Übersetzung ins Rumänische, ein Manuskript vor, das von mir in 10 Module unterteilt wurde, die je unabhängig voneinander Möglichkeiten zur Reduzierung von gesundheitlichen Risiken in der Sexarbeit vorstellen. Zur Erinnerung: Ein große Grppe von Sexarbeiterinnen, wenn nicht die größte, die derzeit in D tätig ist, stammt aus Rumänien. Die Aktualisierung der Module war mit der Autorenschaft vereinbart.

    Das Konzept basiert auf der „informierten Entscheidung“. Es folgt nicht dem strafenden Ansatz des neuen Sexarbeitsrechts, Es folgt der aufgeklärten Überzeugung, das Menschen, wenn sie sach- und personenbezogen angemessen informiert sind, in aller Regel die für sie und betroffene Dritte beste Entscheidung treffen werden. Menschen sind, das liegt dem Konzept als Überzeugung zugrunde, sofern sie nicht unter entmenschlichenden Umständen groß wurden, soziale Wesen, keine Monster. Dem folgt: Selbstbestimmung Sexarbeitender.

    Die Entscheidung über die Gestaltung der sexuellen Begegnung, bleibt den („erwachsenen“) Beteiligten, medizinisch-sachlich und sozial-ethisch fundiert, überlassen. Gegenteil von Paternalismus. Besserwisserische, expertokratische Eingriffe werden reduziert. Herrschaftswissen, dass nur den Wenigen von diesen kontrolliert zur Verfügung steht, wird demokratisiert. Das Subjekt, im Falle der Mehrheit der Menschen die sexuelle Dienste anbieten sind es Frauen, ist Frau seiner selbst. Entscheidet. Teilhabe anstelle von Gefahrenabwehr, die unter dem Etikett der Prävention firmiert. Zweck derzeitiger Sicherheitshysterie, zu der die Ächtung der Sexarbeit gehört, ist die Etablierung staatlicher Übergriffe mittelse xpertokratisch identifizierter Gefahren. Die Gewöhnung an Obrigkeitsstaatlichkeit an Totalitären Zugriff bis ins Intimste. Förderung der Selbstbestimmung versus expertokratisch-totalitärer „social-engeneer“ Gängelung.

    Das neue Sexarbeitsrecht, das Betreibende von Sexarbeitsorten verpflichtet, Hygienemaßnahmen einzuhalten und gegenüber den Sexarbeitenden, deren (sexuelle) Selbstbestimmung verletzend, paternalistisch durchzusetzen. Eine sachlich unzutreffende Selbstidentifizierung der Sexarbeit als besonderer Gefahrenort Infektion wird zudem damit etabliert. Der schließt an patriarchale historische Diskreditierungen Sexarbeitender als Q_u_e_l_l_e von Erkrankung an und aktualisiert diese Art der Stigmatisierung. Es sind, das ist demgegenüber festzuhalten, nicht die (in der Mehrheit weiblichen) Sexarbeitende, die Ausgangspunkt der Infektion sind, sondern deren sie infizierenden (in der Mehrheit männlichen) Gäste, die das neue Sexarbeitsrecht patriarchal, was deren „Gesundheitsberatung“ betrifft, entlastet. Die Sexarbeitenden hingegen, sofern ihnen informierten Entscheidung möglich ist, das zeigt das Projekt SWOP, sind nicht Quelle des Problems, sondern, selbstbestimmt-Informierte Entscheidung in den Mittelpunkt stellend, dessen L_ö_s_u_n_g.

    Die Antwort ist Partizipation. Prävention ist das falsche Konzept.

    Im Gegensatz zum vorgeblichem Schutz von Sexarbeitenden, bewirkte das Kondomgebot, dass ich Abstand von der Veröffentlichung der o.g. Handreichungen machte, da dies die Location, für die ich spreche, dem Verdacht aussetzen würde, unzuverlässig hinsichtlich der (paternalen) Durchsetzung des Kondomgebot zu sein. Folge davon nach neuem Sexarbeitsrecht: Nichterteilung der Betriebserlaubnis. Nicht wenige insbesondere rumänische Sexarbeitende konnten, angeblich Hochrisikogruppe des Missbrauchs aufgrund von Sprachdefiziten (Amtsdeutsch: auslandsbedingte Hilflosigkeit) nicht von den Informationen profitieren, die es ihnen gezielt und selbstbestimmt ermöglicht hätte, Risiken, dem aktuellen „Stand der Kunst“ entsprechend, zu bewältigen. Staatliche produzierte Gefährdung. Ein Beispiel für die Folgen einer Politik, die auf Totalitäres, auf Repression, auf Kriminalisierung anstatt auf Teilhabe setzt.

    Sagrotan ist ebenso wie das Wissen zu Chlorhexidin hilfreich und notwenig für Sexarbeitende. Eine Location der Sexarbeit sollte diese Wissen, möglichst in der Muttersprache der Mietenden zur Verfügung stellen. Das Hygienethema sollte jedoch ein diskret behandeltes, nicht eins sein, das als Qualitätsmerkmal vermarktet wird.

    Die Verbindung von Hygiene und Sexarbeit ist historisch – damit im epigenetischen „Wissen“ des Jetzt verankert – eine, die zur Verfolgung und totalitären Kontrolle, zur Vernichtung von Sexarbeitenden, zu deren Versklavung zwecks effizienterer Kriegsführung und Massenvernichtung in KZ’s etc. (Wehrmachts- und Lagerbordelle, siehe . a.die Arbeiten von Robert Sommer und Wolfgang Ayaß) missbraucht wurde. Ebenso wie der Ansatz der Prävention – in Form expertokratischer Medizinalisierung der Überwachung – heute erneut, nach einer kurzen „Blüte“ vor dem Nationalsozialismus, zur Legitimierung staatlicher Gewalt zwecks Abwehr von staatlich identifizierten Gefahren, totalitär missbraucht, gegen die Sexarbeit gewendet wird.

    Das Paradigma der Prävention ist, da der Logik der Gefahrenabwehr unterstellt, obrigkeitsstaatlich infiziert. Teilhabe ist dem Leitgedanken Prävention subjekt- und demokratiestärkend als Konzept entgegenzusetzen.

    Prävention hat Flasche leer.

  2. Anmerkung der Redaktion: Uns geht es im Artikel „Alles sauber!“ nicht um einen Diskurs zum Prostituiertenschutzgesetz. Uns geht es darum zu
    zeigen:
    Prävention im Sinne des Arbeitsschutzes ist ein Thema, das alle Berufe betrifft – auch die Sexarbeit.
    Es gibt auch hier Akteure, die sich für dieses Thema stark machen.
    Prävention ist auch in diesem Arbeitsumfeld wichtig und trägt zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei.

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