Auf was kommt es bei der Ergonomie von Büroarbeitsplätzen an?

Brugger: Das A und O für gesundes Arbeiten am Computer ist die individuelle Einstellung aller Arbeitsmittel. Nur wenn Stuhl und Tisch an die jeweilige Körperstatur angepasst sind sowie Tastatur, Maus und Bildschirm in der richtigen Position stehen, kann man eine dauerhaft verkrampfte Körperhaltung vermeiden. Ansonsten ist es vorprogrammiert, dass sich die Muskulatur verspannt und es zu einer Fehlbelastung der Wirbelsäule kommt.

Barbara Brugger
Barbara Brugger ist Fachkraft für Arbeitssicherheit und Augentrainerin. Sie ist Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens ecovital Gesund am Bildschirm. Bild: Privat

Als nächstes ist es wichtig, sich viel zu bewegen. Das ist durch die Kombination mehrere Faktoren auch bei der Büroarbeit möglich: häufiger Wechsel der Körperhaltung, Arbeitsabläufe so organisieren, dass man regelmäßig aufstehen kann um beispielsweise einen Aktenordner zu holen; stündliche Bildschirmpausen mit Übungen zur körperlichen und visuellen Entspannung.

Optimal vereinbar sind die beiden Aspekte durch elektronisch höhenverstellbare Schreibtische. Wer beim Arbeiten am Computer häufig zwischen stehen und sitzen wechselt, hat bis zu 30 Prozent weniger Rückenschmerzen oder Schulter-Nacken-Verspannungen. Die Abwechslung regt die Durchblutung im Gehirn an und fördert die Koordination als auch die  Konzentration. Ideal sind Steh-Sitz-Schreibtische besonders an Arbeitsplätzen, die sich mehrere Personen teilen. Mit wenigen Handgriffen kann der Arbeitsplatz ergonomisch angepasst werden.

Was für gesundheitliche Folgen kann eine nicht vorhandene Ergonomie haben?

Brugger: Die Folgen für das Muskel-Skelett-System sind hinreichend bekannt: Schulter-Nacken-Verspannungen, Rückenschmerzen oder Bandscheibenvorfälle. Mangelnde Bewegung wirkt sich auf das Herz-Kreislauf-System aus. Auf der visuellen Ebene sind Ermüdungserscheinungen wie Brennen, Rötung, Liderzucken, Kopfschmerzen und eine nachlassende Konzentration typisch. Teilnehmer in meinen Seminaren empfinden sogar, dass die Sehkraft durch zu langes Starren auf den Bildschirm nachlässt.

Wer lange auf den Bildschirm starrt, kennt das: die Augen werden ermüden, werden trocken oder fangen an zu brennen. Was lässt sich dagegen machen?

Brugger: Konzentriert auf kleine Details, kaum Bewegung und ständig Scharfsehen im Nahbereich – die Augen sind es nicht gewohnt Seheindrücke langfristig auf diese Weise zu verarbeiten. Das Sehen hat sich im Laufe der Evolution an die Anforderungen in der freien Natur angepasst. Daher sind Bewegung und Abwechslung für die Augen wichtig. Ein anhaltender starre Blick ermüdet dagegen. Wenn man zu den für die Augen sehr monotonen Gegebenheiten am Bildschirm regelmäßig gegenteilige visuelle Reize schafft, stellt sich ein Gleichgewicht ein und die Augen entspannen sich. Das sind sehr einfach Dinge wie, aus dem Fenster sehen, die Augen in verschiedene Richtungen bewegen, bewusst blinzeln, die Augenlider schließen, die Umgebung mit einem Blick wahrnehmen. Besonders wirkungsvoll sind spezielle Augenübungen, welche die Augenfunktionen trainieren. Dazu gehören die Nah-Fern-Einstellung, die Beweglichkeit der Augenmuskeln, die Koordination von linkem und rechtem Auge oder der Panoramablick, das sog. periphere Sehen. Mittlerweile gibt es in Deutschland viele Augentrainer/innen, die Schulungen in Unternehmen durchführen. Ich selbst habe mich auf diesen Bereich spezialisiert und halte Workshops, Vorträge und Augenspaziergänge im Freien ab. Damit die  Mitarbeiter bei den Augenübungen langfristig begleitet und motiviert werden, können Unternehmen im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung auch das Online-Training „AugenPause vom Display“ nutzen.

Gibt es auch andere Berufe, in denen Augentraining Sinn macht?

Brugger: Sinnvoll sind Augentraining und Augenentspannung in Berufen mit konzentriertem Arbeiten im Nahbereich, beispielsweise bei einer Goldschmiedin, einer Näherin oder beim Mikroskopieren. Auch bei Überwachungstätigkeiten mit vielen Monitoren und bei Piloten sind die Augen stark gefordert. Belastend für die Augen sind ungünstige Lichtverhältnisse, beispielsweise in Werks- und Lagerhallen, in denen ausschließlich bei Kunstlicht gefertigt wird. Medizinisches Personal wiederum muss Untersuchung oft in abgedunkelten Räumen vornehmen und dabei von Monitoren ablesen. Hier dienen die Augenübungen der Entlastung und stärken die Sehkraft.

Doch gezieltes Augentraining fördert nicht nur die visuelle Wahrnehmung, sondern steigert auch die Leistungsfähigkeit. Diesen Effekt kann man bei Sportlern besonders gut beobachten. Mit dem regelmäßigen Augentraining verbessert sich die sportliche Leistung messbar.

Kann auch beruflicher Stress Auswirkungen auf die Sehkraft haben?

Brugger: Stress lässt die Augen schneller trockenen werden und wirkt sich ungünstig auf die Sehschärfe aus. Wenn das vegetative Nervensystem dauerhaft im aktiven Modus ist – wenn also die Entspannung fehlt – verändern sich Prozesse im Körper. Die Augen reagieren in dreifacher Weise: die Linse kann sich nicht mehr optimal auf den Nahbereich einstellen, die Pupille weitet sich und die Tränendrüse produziert weniger Tränenflüssigkeit. Alle drei Faktoren führen dazu, dass die Sehschärfe kurzfristig abnimmt. Das Lesen am Computer wird mühsamer und strengt an.

Wenn es mir also gelingt, meinen beruflichen Stress besser abzubauen bzw. zu kanalisieren, dann sehe ich auch besser?

Brugger: Die Antwort ist eindeutig Ja. Ausschlaggebend zum gezieltem Abbau von Sehstress sind regelmäßige Bildschirmpausen. Aufstehen, bewegen, die Schulter-Nacken-Partie lockern, Körper- und Augenentspannungsübungen – das sind die Faktoren, die eine gute Sehkraft stärken und erhalten. Eine visuelle Entspannung bewirkt gleichzeitig eine mentale Entlastung und man fühlt sich insgesamt weniger gestresst.

Welchen Nutzen haben Unternehmen, wenn ihre Mitarbeiter zum Augentraining geschickt werden?

Brugger: Viele Unternehmen haben bereits erkannt, dass sich aus den Augenübungen ein vielfältiger Nutzen ergibt und beziehen das Augentraining in die betriebliche Gesundheitsförderung mit ein. Visuelle Pausen führen einerseits zu mehr Wohlbefinden. Wenn Augenermüdung und Kopfschmerzen ausbleiben, die Sehkraft den ganzen Tag über gleichbleibend gut ist und es leicht fällt sich zu konzentrieren, fühlt man sich mehr im Flow und hat bessere Laune. Andererseits beeinflusst Augentraining – ähnlich wie bei Sportlern – die Leistungsfähigkeit und Produktivität. Der Lesefluss erlahmt nicht so schnell, weil die Augen müde sind. Die visuelle Aufmerksamkeit kann besser gesteuert werden, so dass man auch gleich findet, was man sucht. Mit klarem Blick macht man zudem weniger Fehler.

Insgesamt profitieren die Unternehmen dadurch, dass ihre Arbeitnehmerattraktivität wächst. Sie schaffen u.a. für ältere Fach- und Führungskräften ein augenfreundliches Umfeld, in dem sie die hohen Sehanforderungen bei der Bildschirmarbeit auch dann noch leicht bewältigen können, wenn die Sehkraft schon nachgelassen hat. Jungen Mitarbeitern bieten sie mit präventiven Maßnahmen die Möglichkeit, die Augen zu entlasten und eine gute Sehkraft zu erhalten.

Vielen Dank für das Interview!

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