Zum 5. Mal wurde von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (Basi) der „Tag der Sicherheitsbeauftragten“ ausgerufen. Zum Start in den Tag war der große Vortragssaal für die rund 600 anwesenden Sicherheitsbeauftragten reserviert. Eingeladen hatten Berufsgenossenschaften und Unfallkassen, denen die Arbeit der Sicherheitsbeauftragten wichtig ist. Der Besuch der A+A als Fortbildung und als kleine Belohnung für die geleistete Sicherheitsarbeit. In einem temporeichen Programm wurde die „Erfassung und Nutzung von Beinahunfällen“ unterhaltsam, aber doch mit viel Tiefgang dargeboten.

Joachim Berger präsentiert zum Auftakt den Song „Der Blindgänger“ (Download: institut-input.de/song). Ist ein Blindgänger im eigenen Garten ein Beinahunfall? Man kann ihn ignorieren (ist 20 Jahre gut gegangen, geht auch weiterhin gut.), den Kampfmittelräumdienst bestellen (das kostet Unsummen) oder das Problem mit Hammer, Schraubenzieher und Draht selbst erledigen…

Für manche überraschend: Wissenschaftler beschäftigen sich mit Arbeitsschutz und untersuchen die Wirksamkeit von Maßnahmen. Prof. Dr. Monika Eigenstetter (Arbeits- und Organisationspsychologie, Hochschule Niederrhein) beleuchtete die Hintergründe der Methode „Beinahunfälle“ als kontinuierlichen Verbesserungsprozess.

Grafik: Institut Input GmbH
Grafik: Institut Input GmbH

Was kann ein SiBe tun, um dümpelnden Prozessen neuen Schwung zu geben? Die Veranstaltung lieferte praktische Hilfen, die bereits am nächsten Arbeitstag eingesetzt werden können. In Übertragung des Beinahunfall-Prinzips auf Gesundheitsbelange wurde der „ErgoTipp“ vorgestellt. Ein frei verfügbarer Handzettel liefert Anlässe, einen Beinahunfall oder einen ErgoTipp zu schreiben (Download des Flyers: institut-input.de/ergotipp).

Die Meldung eines Beinahunfalls ist angebracht, wenn man diese Gedanken denkt oder sich so etwas sagen hört …

Auszug für Beinahunfälle…

  • Wenn das so bleibt, wird demnächst einer …
  • Da habe ich immer ein mulmiges Gefühl …
  • Wenn ich dabei ’ne Sekunde mit den Gedanken woanders bin …

Beispiele für ErgoTipps

  • Auf die Dauer kann das nicht gesund sein…
  • Am Ende eines Arbeitstages tut mir alles weh.
  • Wenn ich es nicht schaffe regelmäßig zu entspannen, werde ich krank.

Der Handzettel im Download bietet weitere Fragestellungen, die dabei behilflich sind, Beinahunfälle aufzuspüren.

Ein konkret beobachtbarer Beinahunfall ist „Straucheln“. Da nichts passiert ist, ist dieser Vorgang im nächsten Moment vergessen. Der Fachmoderator Reinhard R. Lenz forderte die Teilnehmer auf, beim nächsten eigenen „Strauchler“ für 3 Sekunden stehenzubleiben und über die Ursache nachzudenken.

Grafik Quetschungen
Grafik: Institut Input GmbH

Um bestehende Systeme anzuregen, empfahl der Moderator, im eigenen Betrieb thematische Sonderaktion anzuregen. Durch den Hinweis „Klemmen tut weh. Quetschen zerstört.“ wird der Beinahunfall konkret, der zu einer Quetschverletzung führen kann.

Herbert Rösgen präsentierte aus der Perspektive eines Werksleiters den praktischen Beitrag und die Vorgehensweise zur Erfassung und Nutzung von Beinahunfällen im Unternehmen Hydro Aluminium. Die moralische Pflicht der Mitarbeiter, Beinahunfälle zu schreiben müssen, schärft den Blick auf die Sicherheit. Das Unternehmen arbeitet daran aus einem „Ich muss“ ein „Ich will“ zu erzeugen. Die Erfassung von Beinahunfällen ist ein Instrument von vielen, jeden Tag ein bisschen besser zu werden. Die Sicherheitsbeauftragten sind ein wichtiges Bindeglied zur gesamten Belegschaft. Diese Aufgabe funktioniert mit Beharrlichkeit, Mut und Selbstbewusstsein.

„Ich wünsche mir, dass die Sicherheitsbeauftragten dass „schlechte Gewissen“ des Unternehmens sind.“ 

Herbert Rösgen, Werkleiter Hydro Aluminium

Beim Publikumsquiz durften alle mitmachen. 2 Saalhälften traten gegeneinander an. Fragen zu Beinahunfällen wurden nach den bekannten Mustern „Bilderrätsel“, „Wir haben 1.000 Leute gefragt…“ und „wahr oder gelogen“ gestellt. Die Teilnehmer riefen ihre Lösungen einem zuvor ausgewählten „Sprachrohr“ zu. Nach der Auflösung präsentierte Reinhard R. Lenz den fachlichen Hintergrund: „Selbst wenn es möglich wäre, alle Schlaglöcher eines Firmengeländes zu beseitigen ist das keine wirkliche Lösung. Wenn sich alle daran gewöhnt haben, dass es keine Schlaglöcher gibt: Das erste Schlagloch vor der Werkstor wird zur bösen Falle.“

Grafik: Institut Input GmbH
Grafik: Institut Input GmbH

Einen dynamischen Abschluss fand die Veranstaltung durch die Aufführung eines Leiterartisten. Das anschließende Interview klärte die Sichtweise eines Artisten auf Beinahunfälle. Ein Artist lebt davon, dass alles was er tut, gefährlich aussieht. Im Widerspruch zu klassischen Tätigkeiten gehören Beinahunfälle ein Stück weit zu seinem Berufsbild. Wie erlebt ein Artist „Beinahunfälle“ bei seiner Arbeit? Wie ernst muss er sie nehmen, um seinen Beruf und sein Leben nicht zu gefährden. Welche Konsequenzen zieht er?

Wem die Idee gekommen ist, Erfassungssysteme für Beinahunfälle einzuführen oder neu zu beleben, der konnte eine kostenfreie neue Broschüre mitnehmen (institut-input.de/argusaugen). In vielen Organisationen und Unternehmen ist es Tradition, dass zum Jahresabschluss Veranstaltungen als Anerkennung für die geleistete Arbeit der Sicherheitsbeauftragten durchgeführt werden. Vielleicht sind Beinahunfälle oder ErgoTipps ja auch ein Thema. Alle Downloads dürfen dort eingesetzt werden.

Die BASI organisiert den A+A Kongress.

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