Was die Sibe-Reduzierung für Führungskräfte bedeutet

KMU im Fokus

Im Zuge des geplanten Bürokratieabbaus soll die Zahl der Sicherheitsbeauftragten in kleinen und mittleren Unternehmen deutlich sinken. Was nach formaler Entlastung klingt, berührt zentrale Fragen der betrieblichen Sicherheitsorganisation. Entscheidend wird sein, wie Betriebe die entstehende Lücke schließen.

Text: Stefan Ganzke

AUF DEN PUNKT:

  • Fallen Sibe weg, liegt die operative Präventionsarbeit noch stärker bei Führungskräften
  • Auswirkungen auf den Arbeitsschutz hängen von Branche, Risiken und Sicherheitskultur ab
  • Ohne Sibe steigt der Qualifizierungs- und Zeitbedarf im Management für den Arbeitsschutz

Die politischen Diskussionen um einen Rückbau von Bürokratie im Arbeits- und Gesundheitsschutz gewinnen an Dynamik. Im Fokus stehen dabei insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die administrativ entlastet werden sollen. Doch nicht jede formale Vereinfachung bleibt ohne Folgen für die betriebliche Praxis. Ein Beispiel ist die Reduzierung der Zahl von Sicherheitsbeauftragten (Sibe).

Im Konzept für einen effizienten und bürokratiearmen Arbeitsschutz des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) wurde im sogenannten „Paket 1“ beschlossen, dass Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten keine Sibe mehr bestellen müssen. In Betrieben mit 50 bis 250 Beschäftigten ist seit dem 1. Januar 2026 nur noch ein Sicherheitsbeauftragter erforderlich.

Zwar bleibt es Arbeitgebern unbenommen, weiterhin Sibe zu bestellen. Die gesetzliche Verpflichtung wurde jedoch deutlich reduziert. Damit stellt sich die Frage: Handelt es sich um eine rein formale Schwellenwertanpassung – oder um einen strukturellen Eingriff in die Sicherheitskultur und den Arbeitsschutz von KMU?

Rolle und Bedeutung der Sibe

Um die Auswirkungen sachlich zu bewerten, lohnt zunächst ein Blick auf die Funktion selbst. Sicherheitsbeauftragte sind Beschäftigte, die diese Aufgabe zusätzlich zu ihrer eigentlichen Tätigkeit übernehmen. In seltenen Fällen erfüllen heute noch Führungskräfte diese Funktion, was allerdings nicht empfehlenswert ist, da es zu Rollenkonflikten führen kann.

Ziel ist es, dass Sibe eine wirksame Rolle in der Gestaltung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes einnehmen. Umso wichtiger ist es, dass von Beginn an Mitarbeiter ausgewählt werden, die auch eine angemessene Grundmotivation mitbringen. Wer Sibe auswählt, die ihre Funktion nicht ernst nehmen, wird sehr wahrscheinlich nur eine geringe Wirksamkeit feststellen.

Sibe werden vom Arbeitgeber schriftlich bestellt und üben ihre Funktion ehrenamtlich aus. Ihre Aufgaben sind vielfältig und sollten auf ihre Fähigkeiten und Kenntnisse zugeschnitten sein. Sibe …

  • unterstützen den Arbeitgeber bei der Erstellung und Durchführung von Unterweisungen
  • begleiten bei Sicherheitsbegehungen
  • melden unsichere Zustände an Maschinen und anderen Arbeitsplätzen an die Führungskraft
  • wirken bei der Erstellung von Gefährdungsbeurteilungen mit
  • sprechen unsichere Verhaltensweisen an
  • unterstützen bei der Analyse von Arbeits- und Beinaheunfällen

In der betrieblichen Praxis fungieren Sicherheitsbeauftragte häufig als Bindeglied zwischen Führungskräften, Fachkraft für Arbeitssicherheit (Sifa) und Belegschaft. Gerade in KMU, in denen Sifas nur zeitweise vor Ort sind, übernehmen sie eine wichtige Rolle im betrieblichen Alltag: Sie sind näher am operativen Geschehen, sprechen Kolleginnen und Kollegen auf Risiken an und geben Rückmeldungen aus der Praxis an die Verantwortlichen weiter.

Diese Nähe zum Arbeitsprozess ist ihre besondere Stärke. Sie ermöglicht es, Sicherheitsfragen nicht nur formal, sondern kontinuierlich im Arbeitsalltag zu verankern. Kurzum: Sibe leisten einen großen Beitrag zur Steigerung sicherer Arbeitsweisen und umgekehrt zur Reduzierung von Arbeitsunfällen und unsicheren Situationen.

Unfallgeschehen: KMU besonders betroffen

Die Diskussion erhält zusätzliches Gewicht durch die Zahl der Arbeitsunfälle. Laut Bericht der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zum Arbeitsunfallgeschehen 2024 ist die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle in Unternehmen mit 10 bis 49 sowie mit 50 bis 249 Vollzeitbeschäftigten im Verhältnis zur Beschäftigtenzahl besonders hoch. Gerade dort also, wo die Zahl der Sibe sinken soll, ist das Unfallrisiko statistisch überdurchschnittlich groß. KMU stehen also im Arbeitsschutz vor besonderen Herausforderungen – organisatorisch wie kulturell.

Unterschiedliche Wirkung je nach Gefährdungslage

Sicherheitsbeauftragte sind allerdings nicht immer der entscheidende Faktor, denn das Unfallgeschehen hängt auch immer vom betrieblichen Kontext ab. In einem reinen Verwaltungsunternehmen mit 249 Beschäftigten ist das Gefährdungspotenzial in der Regel geringer. Ergonomie, psychische Belastung oder organisatorische Risiken stehen im Vordergrund. Hier kann eine funktionierende Führungs- und Kommunikationsstruktur die Sibe-Aufgaben überwiegend bis komplett kompensieren.

Anders stellt sich die Situation in einem Lackierbetrieb mit 49 Beschäftigten dar. Der Umgang mit Gefahrstoffen, Lösemitteln oder explosionsfähigen Atmosphären erfordert eine hohe Aufmerksamkeit im täglichen Arbeitsprozess. Wirksame Sicherheitsbeauftragte tragen hier häufig zur kontinuierlichen Überwachung der Schutzmaßnahmen bei. In solchen Betrieben kann eine Reduzierung dieser Funktion stärker ins Gewicht fallen.

Diese Beispiele verdeutlichen: Die Beschäftigtenzahl allein ist kein verlässlicher Indikator für das tatsächliche Risikoprofil eines Unternehmens. Eine pauschale Bewertung ist daher nicht sachgerecht. Die Lösung über die Gefährdungsbeurteilung scheint fachlich sinnvoller zu sein.

Wer übernimmt die Bindegliedfunktion?

Mit der Reduzierung oder dem Wegfall von Sicherheitsbeauftragten stellt sich eine zentrale organisatorische Frage: Wer übernimmt die kontinuierliche Rückmeldung aus dem operativen Tagesgeschäft, wenn das Bindeglied zwischen Führungskräften und Mitarbeitern entfällt?

Zwar wäre es aus kultureller Sicht wünschenswert, dass alle Beschäftigten Verantwortung für Sicherheit übernehmen. In der Praxis ist dieser Idealzustand jedoch nur in wenigen Unternehmen vollständig erreicht. Der Aufbau einer ausgeprägten Sicherheitskultur ist ein langfristiger Prozess und dauert Jahre.

Inwiefern durch das fehlende Bindeglied eine Auswirkung spürbar wird, hängt davon ab, wie wirksam der Sibe in der Vergangenheit war. In Unternehmen, in denen Sicherheitsbeauftragte bislang eher formal bestellt waren und keine aktive Rolle im Arbeitsalltag spielten, dürfte die Auswirkung gering sein. In solchen Fällen war die Funktion ohnehin nur schwach ausgeprägt. In Betrieben hingegen, in denen Sicherheitsbeauftragte aktiv in Begehungen eingebunden waren, regelmäßig Hinweise gaben und als Ansprechpartner fungierten, kann eine Reduzierung eine spürbare Lücke hinterlassen.

Je nach Unternehmensgröße und Führungsstruktur wird in den meisten Unternehmen der Geschäftsführer oder die Führungskraft mehr Aufgaben im täglichen Arbeitsablauf übernehmen müssen. Zeit, die in anderen strategischen und operativen Aufgaben fehlt.

Die Reduzierung der Sibe kann auch eine Chance bieten, Führungskräfte stärker in die operative Verantwortung zu bekommen und Arbeitssicherheit konsequenter in ihre Führungsarbeit zu integrieren. Dies setzt allerdings eine bewusste und organisatorische Entscheidung voraus. Sollte dagegen kein alternatives System aufgebaut werden, so kann je nach Branche und Unternehmensgröße das Schutzniveau sinken.

Übernahme der Aufgabe durch Führungskräfte realistisch?

In vielen KMU werden die vakanten Arbeitsschutzaufgaben zwangsläufig auf Geschäftsführer und Führungskräfte verlagert. Diese tragen ohnehin die Gesamtverantwortung für Sicherheit und Gesundheit. Sie müssen stärker in das operative Geschehen eingreifen.

Zwar achten die meisten Führungskräfte auf möglichst sichere und gesunde Arbeitsplätze. Aber sie müssen den Arbeitsschutz in der Regel noch bewusster in den Tagesablauf integrieren.

Das bedeutet konkret:

  • regelmäßige Präventionsgespräche vor Arbeitsbeginn
  • konsequente Einbindung von Beschäftigten bei Sicherheitsbegehungen und Unterweisungen
  • aktive Förderung von Meldungen zu Arbeits- und Beinaheunfällen
  • klare Kommunikation sicherheitsrelevanter Erwartungen

Damit Sicherheit nicht zur Randnotiz wird, muss sie systematisch in Führungsroutinen integriert werden. Das setzt Zeit, Präsenz und Fachwissen voraus. Gerade letzteres ist nicht selbstverständlich. Wenn Sibe als fachlich geschulte Multiplikatoren fehlen, steigt der Qualifizierungsbedarf bei Geschäftsführern und anderen Führungskräften. Denn sie sind durchaus bereit, sich für den Arbeits- und Gesundheitsschutz einzusetzen – es fehlt oftmals nur am Wissen zur praktischen Umsetzung.

Fazit

Die Auswirkungen der Reduzierung der Anzahl an Sibe werden von nicht spürbar bis sehr hoch variieren – je nach Branche, Risiken im Unternehmen sowie der derzeitigen Sicherheits- und Führungskultur. In den Unternehmen, in denen Sibe heute wirksam eingesetzt werden, dürften diese auch ohne gesetzliche Verpflichtung weiterhin ihre Funktion erfüllen.

Die pauschale Annahme, weniger gesetzliche Vorgaben führten automatisch zu weniger Sicherheit, greift ebenso zu kurz wie die Annahme, formale Funktionen seien verzichtbar. Entscheidend ist, ob Unternehmen die organisatorische Lücke bewusst schließen. Bürokratieabbau im Arbeitsschutz gelingt nur dann ohne Qualitätsverlust, wenn er nicht als bloße Reduzierung von Funktionen verstanden wird, sondern als Anlass, Sicherheitsorganisation und Führungsverantwortung neu zu justieren.

Der Autor:

Stefan Ganzke ist zusammen mit Anna Ganzke Gründer und Geschäftsführer der WandelWerker Consulting GmbH. Gemeinsam mit ihrem Team unterstützen die beiden mittelständische Unternehmen und Konzerne dabei, die Zahl der Arbeitsunfälle kontinuierlich und nachhaltig zu senken sowie eine gelebte Arbeitsschutzorganisation zu entwickeln.
www.wandelwerker.com