Eine(r) für alle

Ob eine Produktionsanlage geplant, eine beruflich bedingte Erkrankung untersucht oder die Arbeits­organisation an Corona-Bedingungen angepasst werden muss: Der Betriebsarzt muss mit im Boot sein, wenn es um arbeitsmedizinische Prävention und Versorgung geht. Ein Interview über jemanden, der – oder die – in keinem Unternehmen fehlen darf.

Eine(r) für alle: Portraitfoto Stephan Letzel
Foto: Stephan Letzel

Univ.-Prof. Dr. med. Dipl.-Ing. Stephan Letzel (66) ist Direktor des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin sowie Leiter des Instituts für Lehrer­gesundheit an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Außerdem ist er Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM).

Herr Prof. Letzel, warum ist der Betriebsarzt wichtig?

Letzel: Weil er den medizinischen Gesundheitsschutz in Unternehmen betreut, also die Wechselbeziehung zwischen Arbeit und Gesundheit beziehungsweise Krankheit. Im Idealfall kennt der Betriebsarzt den Arbeitsplatz, die entsprechende Gefährdungsbeurteilung und den Menschen. So kann er im Einzelfall feststellen, welche beruflichen und gesundheitlichen Beanspruchungen zusammenkommen und was gegebenenfalls zu unternehmen ist.

Was ist der wesentliche Unterschied zu anderen Ärzten?

Letzel: Die meisten Ärzte sind primär kurativ tätig und kümmern sich um Menschen, die bereits ein gesundheitliches Problem haben. Der Betriebsarzt arbeitet vor allem präventiv: Er versucht mit seinem Fachwissen einer berufsbedingten Erkrankung entgegenzuwirken, bevor sie überhaupt auftritt, und die Gesundheit der Beschäftigten zu fördern.

Wo setzt die präventive Arbeitsmedizin an?

Letzel: Wir unterscheiden drei Bereiche. In der Primärprävention geht es um die Frage: Was können wir tun, damit überhaupt keine gesundheitlichen Probleme auftreten? Das schließt beispielsweise die Beratung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu gesundheitlichen Fragen oder den Blick auf die Einhaltung von Grenzwerten ein. Die Sekundärprävention widmet sich der Früherkennung: Wie erfahren wir durch arbeitsmedizinische Vorsorge von gesundheitlichen Schäden oder der Disposition dafür, um dann Schlimmeres zu verhindern? Oft vergessen wird die Tertiärprävention: Wie können wir jemanden mit einer chronischen oder nach einer schweren Erkrankung wieder eingliedern, sodass er im Arbeitsleben bleiben kann?

Welche Fähigkeiten erfordert diese Aufgabe?

Letzel: Neben der medizinischen Expertise für allgemeine und außerdem arbeitsmedizinische Fragestellungen benötigt der Betriebsarzt eine Affinität zum Bereich Arbeit allgemein, zu Abläufen und Organisation. Er muss den gesetzlichen Rahmen des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz kennen. Ganz wichtig ist außerdem eine ausgeprägte Beratungskompetenz. Er muss mit Beschäftigten, Arbeitgebern, Fachkräften für Arbeitssicherheit gleichermaßen gut umgehen und sie verstehen können. Kurz: Der Betriebsarzt muss fähig und bereit dazu sein, den interdisziplinären Austausch wahrzunehmen.

DEN KRANKHEITSBEDINGTEN AUSFALL EINES BESCHÄFTIGTEN BEZIFFERN GROSSE UNTERNEHMEN MIT 250 BIS 500 EURO PRO TAG.

Zahlt sich das für ein Unternehmen auch finanziell aus?

Letzel: Untersuchungen belegen: Jeder Euro, den ein Unternehmen in die Prävention am Arbeitsplatz investiert, bringt im Return on Investment mehrere Euro. Folgendes Beispiel: Ein größeres Unternehmen bietet – über den Betriebsarzt – seinen Beschäftigten eine freiwillige Grippeschutzimpfung an und senkt die Anzahl der Grippefälle dadurch um zehn Prozent. Jeder einzelne Fall bedeutet fünf bis zehn Arbeitsunfähigkeitstage. Den krankheitsbedingten Ausfall eines Beschäftigten beziffern große Unternehmen mit 250 bis 500 Euro pro Tag. Durch eine Grippeschutzimpfung lassen sich demnach erhebliche Kosten einsparen, das gilt auch für andere Präventivmaßnahmen am Arbeitsplatz.

Sind sich die Unternehmen dessen bewusst?

Letzel: Nur bedingt. In der Betriebsmedizin wird das Kosten-Nutzen-Verhältnis viel häufiger diskutiert als in anderen Bereichen der Unternehmen. Will ein Unternehmen seine IT optimieren, holt es sich einen IT-Berater – um den Erfolg zu steigern. Das lässt sich auch auf die Medizin übertragen: Nur gesunde, zufriedene Beschäftigte bringen die optimale Leistung. Dazu kann der Betriebsarzt beitragen!

Eine(r) für alle: Infektionsschutz durch Fiebermessen im Betrieb
Erkältungssymptome bewerten, Infektionsschutz optimieren, Hygienepläne basteln: In der Pandemie sind Unternehmen noch mehr auf betriebsärztliches Know-how angewiesen. Foto: stock.adobe.com/maxbelchenko

Warum gelingt das nicht immer?

Letzel: Erstens kann grundsätzlich nicht jeder mit jedem, es menschelt am Arbeitsplatz wie in anderen Lebensbereichen auch. Zweitens gibt es Graubereiche der Zuständigkeiten, etwa bei der Beurteilung geeigneter persönlicher Schutzausrüstung – da sollten sich die Fachkraft für Arbeitssicherheit und der Betriebsarzt fachlich ergänzen. Idealerweise sind beide personell direkt dem Arbeitgeber (z.B. in großen Unternehmen dem Vorstandsvorsitzenden) unterstellt und berichten diesem – ohne Zwischenebene. So sieht es das Arbeitsschutzgesetz auch vor.

Was kann ein Unternehmen tun, um die Betriebs­medizin optimal zu nutzen?

Letzel: Missverständnisse lassen sich vermeiden, wenn man die Aufgaben des Betriebsarztes transparent macht. Beschäftigte wissen oft gar nicht, wofür er zuständig ist und welche Befugnisse er hat. Jeder weiß: Wenn ich Hals- oder Zahnschmerzen habe, gehe ich zum entsprechenden Arzt, weil ich etwas von ihm will. Der Betriebsarzt geht aber teilweise selbst auf die Beschäftigten zu, das irritiert manche: Was soll das? Ich will von dem gar nichts! Das lässt sich verhindern, wenn man den Beschäftigten im Unternehmen klarmacht, welche Aufgabe der Betriebsarzt hat und wie sie davon profitieren.

Was kann ein Unternehmen tun, um die Betriebs­medizin optimal zu nutzen?

Letzel: Missverständnisse lassen sich vermeiden, wenn man die Aufgaben des Betriebsarztes transparent macht. Beschäftigte wissen oft gar nicht, wofür er zuständig ist und welche Befugnisse er hat. Jeder weiß: Wenn ich Hals- oder Zahnschmerzen habe, gehe ich zum entsprechenden Arzt, weil ich etwas von ihm will. Der Betriebsarzt geht aber teilweise selbst auf die Beschäftigten zu, das irritiert manche: Was soll das? Ich will von dem gar nichts! Das lässt sich verhindern, wenn man den Beschäftigten im Unternehmen klarmacht, welche Aufgabe der Betriebsarzt hat und wie sie davon profitieren.

Eine(r) für alle: Checkliste: Arbeitsmedizin im Betrieb
Illustration: Liebchen+Liebchen GmbH

CHECKLISTE: ARBEITS­MEDIZIN IM BETRIEB

Wird Ihr Betriebsarzt bei der Planung sozialer oder sanitärer Einrichtungen einbezogen? Begeht er die Arbeitsstätten in regelmäßigen Abständen? Untersucht er die Ursachen arbeits­bedingter Erkrankungen und schlägt er Verhütungsmaßnahmen vor? Ob in Ihrem Unternehmenarbeitsmedizinisch alles im grünen Bereich ist oder Verbesserungsbedarf besteht, können Sie systematisch überprüfen: mit unserer Checkliste „Arbeitsmedizin im Betrieb“.

Herunterladen unter: www.praevention-aktuell.de/praxis

Fällt es vielen schwer, gesundheitliche Beschwerden im Arbeitsumfeld offenzulegen?

Letzel: Beschäftigte wissen oft nicht, dass auch für den Betriebsarzt – wie für alle Ärzte – die ärztliche Schweigepflicht gilt. Deswegen ist die Angst, ihm gegenüber thematisierte Probleme – die nicht immer ausschließlich aus dem betrieblichen Bereich kommen müssen – könnten an Vorgesetzte oder den Arbeitgeber weitergegeben werden, unbegründet.

Vor welche neuen Herausforderungen stellt COVID-19 die Arbeitsmedizin?

Letzel: Beratung zum Infektionsschutz, Aufstellen von Hygieneplänen, Umgang mit Erkältungssymptomen, korrektes Lüften, Regelungen für besonders schutzbedürftige Beschäftigte und chronisch Kranke, Nutzung von Mund-Nasen-Bedeckungen: Zahllose Fragen mussten plötzlich und müssen weiterhin geklärt werden – für die gesamte Belegschaft und für viele Einzelfälle. Das geht meist nur auf Basis medizinischer Expertise, die in der Regel nur eine Person im Unternehmen bietet: der Betriebsarzt. Er kennt die Bedingungen vor Ort und kann medizinisch beurteilen, wie sie das Infektionsrisiko der Beschäftigten beeinflussen.

Eine(r) für alle: Vertrauliches Betriebsarztgepräch
Psychische Probleme? Ständige Überforderung? Mobbing? Niemand muss fürchten, dass Inhalte des Betriebsarztgesprächs an unerwünschter Stelle landen – dafür sorgt die ärztliche Schweigepflicht. Foto: stock.adobe.com/Seventyfour

Haben die Unternehmen entsprechend reagiert?

Letzel: Ja, die Nachfrage ist seit Pandemiebeginn deutlich größer geworden. Wem das vorher nicht bewusst war, der hat es durch Corona begriffen: Ohne medizinisch-fachliches Know-how geht es nicht. Arbeitgeber wären schlecht beraten, die Kompetenz des Betriebsarztes nicht zu nutzen.

Gibt es in Deutschland genug Arbeitsmediziner?

Letzel: Es gibt den Facharzt für Arbeitsmedizin und Fachärzte aus anderen klinischen Disziplinen, die die Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin erworben haben. Zusammengenommen haben in Deutschland nahezu 13.000 Ärztinnen und Ärzte die Qualifikation zum Betriebsarzt. Das ist im Vergleich zu anderen Fachärzten die siebtgrößte Arztgruppe.

Allerdings ist jeder zweite Betriebsarzt mindestens 60 Jahre alt. Wird das perspektivisch ein Problem?

Letzel: Das relativ hohe Durchschnittsalter lässt sich erklären. Viele erfahrene Kollegen wechseln eher spät aus einem kurativen Fach in die Arbeitsmedizin. Sie eignen sich das spezifische Wissen an, um – beruflich ausschleichend – als Betriebsärzte Unternehmen zu betreuen. Andersrum geht das nicht: Ein Arbeitsmediziner kann nicht am Ende seiner Karriere anfangen, als Chirurg zu operieren. Zweitens kann die Ausbildung zum Betriebsarzt mit diversen Zusatzqualifikationen relativ lang dauern. Und drittens ist die gesamte Medizin überaltert, auch demografisch bedingt.

Ein Engpass ist weder da, noch droht er in Zukunft?

Letzel: Richtig, denn der Nachwuchs ist auf dem Weg: Eine große Anzahl zukünftiger Betriebsärzte befindet sich derzeit in der Weiterbildung. Und schon heute gilt: Wer weiß, was ein Betriebsarzt für sein Unternehmen wert ist, und ihn adäquat bezahlt, der findet den passenden.

01

GESETZ(T) IN JEDEM BETRIEB:

Betriebsärzte haben nach § 3 Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG) „die Aufgabe, den Arbeitgeber beim Arbeitsschutz und bei der Unfall­verhütung in allen Fragen des Gesundheitsschutzes zu unterstützen“. Zu diesem Zweck beraten sie Unternehmer beziehungsweise die für den Arbeitsschutz und die Unfallverhütung verantwortlichen Personen – und zwar weisungsfrei. Das gewährleistet die unabhängige Beratung von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite.

02

POSITION IM UNTERNEHMEN:

Der Betriebsarzt ist ein externer oder beim Betrieb fest angestellter Mediziner. Er wird vom Unternehmer schriftlich bestellt, ist diesem direkt unterstellt und Mitglied im Arbeitsschutzausschuss. Nach § 9 ASiG muss er mit dem Betriebsrat zusammenarbeiten und diesen auf Wunsch fachlich beraten. Weisungsbefugt gegenüber Beschäftigten ist der Betriebsarzt nicht.

03

ARBEITSUMFANG:

Die Einsatzzeit des Betriebsarztes hängt von der Anzahl der Beschäftigten und deren Gefährdungsklassen ab, also den konkreten Belastungen, denen diese bei der Arbeit ausgesetzt sind. Die Mindesteinsatzzeit bestimmt der gesetzliche Unfallversicherungsträger über die DGUV
Vorschrift 2.

04

SCHWEIGEPFLICHT:

Wie für jeden anderen Arzt gilt auch für den Betriebsarzt die ärztliche Schweigepflicht ohne Ausnahme – auch gegenüber dem Arbeitgeber. Diesem darf der Betriebsarzt ausschließlich die Informationen weitergeben, die zur Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften nötig sind. Und der Rest? Bleibt ein Geheimnis zwischen Betriebsarzt und Beschäftigtem, solange Letzterer einer Weitergabe nicht zustimmt.

Interview: Stefan Layh