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Akustiknorm: Viel Lärm um nichts?

Illustration: peterschreiber.media – stock.adobe.com
Eine Norm soll eigentlich Orientierung bieten – und kein Chaos anrichten. Doch genau das drohte, als ein fehlerhafter Entwurf der Akustiknorm ISO 1999 kurz davor stand, verabschiedet zu werden. Plötzlich hätten selbst Staubsauger zu gefährlichen Lärmquellen zählen können.
Text: Holger Toth (Redaktion)
AUF DEN PUNKT:
- Beim Entwurf fehlte eine valide wissenschaftliche Grundlage
- Neufassung der ISO 1999 hätte bei zu niedrigen Schwellenwerten Schutzmaßnahmen ausgelöst
- Die Version von 2013 bleibt weiterhin gültig
Es gibt Normen, die leise daherkommen – und solche, die richtig Krach machen. Die ISO 1999 („Akustik – Bestimmung des lärmbedingten Hörverlusts“) gehört zur zweiten Kategorie. Seit Jahrzehnten dient sie weltweit als Referenz, wenn es darum geht, den lärmbedingten Hörverlust von Beschäftigten einzuschätzen. Auch im EU-Arbeitsschutzrecht ist sie verankert und damit eine tragende Säule, wenn Unternehmen ihre Gefährdungsbeurteilungen erstellen oder Schutzmaßnahmen festlegen.
Doch 2024 geriet genau diese Norm ins Wanken. Eine Neufassung stand an. Was zunächst nach einer sinnvollen Aktualisierung klang, entpuppte sich rasch als wissenschaftlich fragwürdiges Unterfangen. Die Kommission Arbeitsschutz und Normung (KAN) erkannte gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) gravierende methodische Fehler. Die deutschen Arbeitsschutzorganisationen positionierten sich klar gegen die Neufassung.
Dünne Datenbasis als Problem
Die ISO 1999 enthält ein mathematisches Modell, mit dem zu erwartende Hörverluste für Menschen mit und ohne Lärmbelastung berechnet werden können. Grundlage für die Berechnung waren Daten aus mehreren Studien, die zwar aus dem Jahr 1984 stammen, aber valide geprüft sind (ISO 7029 „Akustik; Luftleitungshörschwelle in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht otologisch normaler Personen“).
Der Entwurf sah nun vor, die Modellierung des Hörverlusts auf eine extrem schmale Datenbasis von nur zwei Untersuchungen zu stellen. Die KAN bezog dazu Stellung: „Der für das neue Modell zugrunde gelegte natürliche Hörverlust für Gruppen ohne Lärmbelastung wird als niedriger als bisher eingeschätzt. Dies führt dazu, dass bei den Gruppen mit Lärmbelastung nach der Berechnung im neuen Entwurf der ISO 1999 die Wirkung des Lärms auf das menschliche Gehör höher eingeschätzt wird als nach dem bisherigen Modell.“ Schon eine jahrelange Lärmbelastung mit 80 Dezibel würde laut den beiden Untersuchungen zu einem zusätzlichen Hörverlust führen – das deckt sich nicht mit den Ergebnissen anderer Untersuchungen.
Gehörschutz beim Staubsaugen?
Im Ergebnis hätte die Neufassung der Akustiknorm bereits bei sehr niedrigen Lärmpegeln zwingend Schutzmaßnahmen ausgelöst. In der aktuell gültigen ISO 1999 aus dem Jahr 2013 ist das bei einem Tages-Lärmexpositionspegel von 85 dB der Fall, nach dem Neuentwurf würden bereits bei 77 dB Maßnahmen erforderlich. „Und das, obwohl es hierfür keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt“, teilt die KAN mit. Beispiele: Das Kabinenpersonal in Passagierflugzeugen oder Reinigungskräfte beim Staubsaugen hätten demnach Gehörschutz als persönliche Schutzausrüstung (PSA) verwenden müssen.
Dieser Automatismus hätte massive Folgen gehabt: nicht nur praxisferne Interpretationen im Arbeitsschutz, sondern auch erhebliche zusätzliche Kosten und Rechtsunsicherheiten für Arbeitgeber. Kurz: Eine Norm, die schützen sollte, wäre selbst zur Gefährdung geworden.
Auch die Technische Spezifikation fällt durch
Dass es nicht so weit kam, ist einem ungewöhnlich geschlossenen Vorgehen des Arbeitsschutzes zu verdanken. Die KAN stellte klar, dass die wissenschaftlichen Grundlagen des Entwurfs unzureichend und die daraus abgeleiteten Schwellenwerte nicht haltbar waren. In den Abstimmungen des deutschen Spiegelausschusses (die deutsche Vertretung im Normungsgremium) fiel der Entwurf durch – und wurde später auch auf ISO-Ebene abgelehnt.
Der Versuch, die fehlerhafte Fassung in eine Technische Spezifikation (ISO/TS) umzuwandeln, scheiterte 2025 endgültig. Damit setzte sich die Position des deutschen Arbeitsschutzes auch international durch.
Warum das ein wichtiger Erfolg ist
Die Entscheidung, die Neufassung zu stoppen, war keineswegs ein normungspolitischer Reflex. Sie war notwendig. Denn Normen, die im Arbeitsschutz Anwendung finden, müssen nicht nur wissenschaftlich sauber, sondern auch verhältnismäßig sein. Eine fehlerhafte Modellierung hätte zu einer Überregulierung geführt, die realitätsfern und fachlich unbegründet gewesen wäre.
Für Unternehmen bedeutet das: Rechtssicherheit bleibt gewahrt und Gefährdungsbeurteilungen können weiterhin auf einer bewährten Grundlage erstellt werden. Der Einsatz von Gehörschutz bleibt dort verpflichtend, wo wirklich ein Risiko besteht – nicht in Alltagslärmsituationen.
Wie es mit der Norm nun weitergeht
So klar der Fehler im Entwurf war, so klar ist auch: Eine fachlich solide Weiterentwicklung der ISO 1999 wäre durchaus sinnvoll. Die heutige Fassung basiert noch immer auf Daten, deren Ursprung Jahrzehnte zurückliegt. Moderne Arbeitswelten mit veränderten Lärmbelastungen sprechen für eine Neuauflage, die auf einer breiteren Datenbasis und transparenten Modellierungsmethoden beruht. Doch dafür braucht es valide Daten, robuste Berechnungsmodelle und einen offenen wissenschaftlichen Prozess. Genau daran mangelte es dem zurückgewiesenen Entwurf.
Für den Moment bleibt alles beim Alten: Die ISO 1999 aus dem Jahr 2013 bleibt gültig, und eine neue Fassung ist nicht in Sicht. Ob – und wann – ein neuer Anlauf gestartet wird, hängt davon ab, ob eine belastbare wissenschaftliche Grundlage geschaffen werden kann. Sicher ist: Der Arbeitsschutz hat deutlich gemacht, dass er bereit ist, sich einzubringen – aber ohne Schnellschüsse.