Selbstzweifel im Chefsessel

Das Hochstapler-Syndrom

Viele Führungskräfte wirken nach außen souverän – doch innerlich zweifeln sie an ihrer eigenen Kompetenz. Erfolge? Zufall oder Resultat glücklicher Umstände. Dieses sogenannte Hochstapler-Syndrom bleibt in Unternehmen oft unsichtbar, kann aber Führungsqualitäten und Gesundheit der Betroffenen erheblich belasten.

Text: Daniel Salamon

AUF DEN PUNKT

  • Das Hochstapler-Syndrom ist kein Krankheitsbild, sondern ein psychologisches Wahrnehmungsmuster
  • Dauerhafte Selbstzweifel können Überarbeitung, Stress, geringere Zufriedenheit und langfristig Burnout begünstigen
  • Unternehmen können durch Feedbackkultur, psychologische Sicherheit und gezielte Entwicklungsangebote gegensteuern

Wenn Erfolg nicht überzeugt

Bei ungünstigem Verlauf sind Freudlosigkeit, schlechte Führung, Fehlbesetzungen und Burnout die Konsequenzen. Präventive Maßnahmen und ein bewusster Umgang mit dem inneren Kritiker helfen, Potenziale besser zu nutzen und den psychischen Belastungsgrad langfristig zu senken.

Das Hochstapler-Syndrom – im Fachjargon „Imposter-Phänomen“ genannt – ist in der Berufswelt weit verbreitet. Dabei handelt es sich entgegen vielen Annahmen nicht um eine klinische Diagnose, sondern um ein weit erforschtes psychologisches Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster. Seine Entstehung hat selten nur eine Ursache, sondern erwächst aus einem Zusammenspiel von Persönlichkeit, Erfahrungen und organisationalen Rahmenbedingungen. Es beschreibt die relativ stabile Neigung, erbrachte Leistungen trotz objektiver Belege nicht als Ausdruck des eigenen Sachverstands zu akzeptieren.

Mit Aussagen wie „Das war doch nichts Außergewöhnliches“ oder „Das hätte jeder geschafft“ betreiben selbsternannte Blender sogenanntes „Discounting“ – sie entwerten oder relativieren ihr Schaffen. Dahinter steckt oftmals die Sorge, früher oder später vom Umfeld als Angeber enttarnt zu werden.  

Betroffene schreiben Erfolge stattdessen äußeren Faktoren zu. Gleichzeitig nehmen sie sich Misserfolge besonders stark zu Herzen und interpretieren diese als persönliches Versagen.

Ein bekanntes Phänomen

Lange Zeit galt Imposter als primär weibliches Thema. Neuere Untersuchungen belegen jedoch, dass Männer und Frauen in ähnlichem Umfang betroffen sind – Frauen pflegen lediglich einen offeneren Umgang damit.

Studien verdeutlichen, dass impostorische Gedanken geschlechterunabhängig in beträchtlicher Zahl in den Köpfen von Arbeitnehmern herumspuken. Eine systematische Auswertung von 62 Studien mit insgesamt über 14.000 Teilnehmern der Stanford University kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen 9 und 82 Prozent der Befragten im Laufe ihres Berufslebens entsprechende Erfahrungen machen. Durchschnittlich rund 70 Prozent aller Befragten berichten zumindest zeitweise von solchen Zweifeln.1 Auch in Leitungs- sowie Unternehmerkreisen sind diese Tendenzen verbreitet. Etwa ein Drittel zeigt ein moderates bis signifikantes Imposter-Erleben.2

Moderne Arbeitswelten befeuern Selbstzweifel

Auf individueller Ebene spielen Faktoren wie Perfektionismus, hohe Leistungsansprüche oder hochgradiges Streben nach externer Anerkennung eine Rolle. Wer seinen Selbstwert in Korrelation zu Performance stellt, tendiert dazu, Lob eher anderen zuzusprechen.

Hinzu kommen strukturelle Veränderungen in der Job-Welt. In Berufen mit schwer messbarer Leistung und spürbaren Vergleichsdynamiken – wie sie oft in der Wissenschaft, in der Kreativ- oder Beratungsbranche und bei Start-ups vorkommen – stößt das Hochstapler-Syndrom auf besonders nahrhaften Boden. Digitalplattformen und soziale Medien wirken als Verstärker, wenn der Triumph anderer permanent sichtbar und mühelos erreichbar scheint.

Auch neue Arbeitsformen bereiten innerer Unsicherheit den Weg. Hybride oder remote organisierte Unternehmen reduzieren unmittelbares Feedback und nonverbale Bestätigung. Mitarbeiter nehmen ihren Eigenbeitrag zum Firmenerfolg dadurch weniger wahr und sind zudem im Unklaren über das Leistungsvermögen ihrer Kollegen.

Ferner führt der Fachkräftemangel in vielen Branchen dazu, dass Beschäftigte verstärkt Verantwortung in ihrem Arbeitsbereich übernehmen müssen. Befördern Vorgesetzte einzelne Teammitglieder zwecks Personallücken schneller, als sich ein stabiles Kompetenz-Selbstkonzept entwickeln kann, steigt das Risiko für impostorische Gedankenkreisläufe.

Zwischen Übereifer und Erschöpfung

Für Organisationen ist das Imposter-Phänomen schwer zu erkennen. In der Außenwahrnehmung glänzen Betroffene durch überdurchschnittliche Performance und großes Engagement. Sie bereiten Aufträge intensiver vor, arbeiten länger als der Rest ihres Teams und geben sich schwer zufrieden. In Wahrheit verbirgt sich hinter diesem Verhalten ein Kompensationsmodus als Reaktion auf tiefsitzende Selbstzweifel. Kurzfristig kann dies sogar zu besseren Ergebnissen führen. Auf lange Sicht bedeutet diese Dynamik immense Risiken. Dauerhafte Übererfüllung und Selbstkontrolle begleitet von niedriger Arbeitszufriedenheit arten schnell in emotionale Erschöpfung, ungesunden Stress und schlimmstenfalls Burnout aus.

Das Hochstapler-Syndrom behindert auch Karrierepläne. Betroffene bewerben sich weniger auf anspruchsvolle Positionen oder fordern seltener Gehaltsanpassungen. Sie unterschätzen systematisch ihre Eignung, überschätzen potenzielle Risiken und sabotieren sich auf diese Weise faktisch selbst. Mitarbeiter impostorischer Führungskräfte leiden zumeist unter übermäßiger Kontrolle oder Mikromanagement durch den Vorgesetzten. Das wirkt vertrauensschädigend, entmündigend und hemmt die Eigenständigkeit der Teams.

Blinder Fleck

Trotz seiner Verbreitung schenken Unternehmen dem Imposter-Phänomen bislang nur geringe Beachtung. Ein Grund liegt darin, dass viele Organisationen Selbstzweifel noch immer als Schwäche abstempeln. Hinzu gesellt sich ein paradoxes Interesse der Firmen: Kurzfristig profizieren sie von der Imposter-getriebenen Machermentalität und Loyalität.

Eine intensive Wettbewerbskultur oder fehlende Reflexionsgespräche triggern impostorische Verhaltensmuster zudem unbewusst. Bewerten Unternehmen Einzelerfolge anhand von Vergleichssystemen und fehlt Beschäftigten darüber hinaus psychologische Sicherheit, mutiert das Arbeitsumfeld zum Haifischbecken.

Langfristige Einbußen durch krankheitsbedingte Ausfälle finden in dieser Rechnung keine Beachtung. Dabei ist die Führungsriege verantwortlich dafür, Leistung zu fördern, ohne Identität ausschließlich darüber zu definieren. Gelingt dieser Balanceakt, entstehen befähigende Arbeitsumfelder, die nachhaltig auf Expertise, Selbstvertrauen und Leistungskraft der Belegschaft einzahlen.

Tipps: So beugen Unternehmen dem Hochstapler-Syndrom vor

  • Psychologische Sicherheit stärken: Kommunikation von Unsicherheiten zulassen und Fehler als Lernchance etablieren.
  • Feedbackkultur verbessern: Regelmäßiges Feedback unterstützt Mitarbeiter, ihre eigene Leistungskraft realistisch einzuschätzen.
  • Vergleichsdruck reduzieren: Rankings und ständige Leistungsbewertung kritisch hinterfragen.
  • Reflexionsräume schaffen: Peer-Coaching, Mentoring oder Entwicklungsprogramme für Führungskräfte eröffnen Räume für vertrauensvollen Austausch.
  • Selbstwirksamkeit fördern: Erfolgslogbücher oder strukturierte Reflexion begünstigen die Internalisierung von Erfolgen.
  • Führungskräfte sensibilisieren: Awareness für impostorische Dynamiken hilft, Übereifer und Überforderung frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Mit Coaching zu mehr Selbstwirksamkeit

Unternehmensberater und Coaches vertreten die Grundhaltung, dass das Imposter-Phänomen keiner Defizitkorrektur bedarf, sondern vielmehr Arbeit am Selbstkonzept. Betroffene sollen lernen, Selbstzweifel zu identifizieren, zu verstehen und zu integrieren anstatt sich gegen sie aufzulehnen. Im Coaching geschieht dieser Prozess typischerweise auf drei Ebenen:

  1. Kognitionsebene: Bewusstmachen und Benennung von Denkmustern und Attributionen
    Auf kognitiver Ebene geht es zunächst darum, geistige „Trampelpfade“ sichtbar zu machen. Durch Aufklärung und Reflexionsfragen lernen Klienten, automatische Zuschreibungen zu hinterfragen – etwa die Annahme, Erfolge seien vor allem Glück oder Zufall.
  2. Emotionsebene: Entwicklung und Stärkung von Selbstakzeptanz und Selbstmitgefühl
    Viele Betroffene legen an sich selbst deutlich strengere Maßstäbe an als an andere. Übungen für einen freundlichen Blick auf die eigene Person zielen darauf ab, den inneren Kritiker zu beruhigen und einen konstruktiven Umgang mit Unsicherheiten zu erlernen. Auch die Arbeit mit inneren Anteilen assistiert auf dem Weg, widersprüchliche Stimmen miteinander zu versöhnen. Erfolgs-Journals lenken den Fokus auf den Eigenanteil an gelungenen Entwicklungen und fördern Selbstwirksamkeit.
  3. Verhaltensebene: Erprobung neuer Handlungsweisen im Berufsalltag
    Ein dritter Fokus richtet sich auf das Verhalten im Arbeitsalltag. Führungskräfte experimentieren beispielsweise damit, Lob anzunehmen, Verantwortung stärker zu delegieren oder ihr Engagement sichtbarer zu machen. Solche Verhaltensänderungen führen häufig zu positiven Rückmeldungen aus dem Umfeld, die wiederum das neue Selbstbild stabilisieren.

Der Wandel verläuft meist in mehreren Phasen: von der ersten Erkenntnis über die Analyse individueller Denkweisen bis zu neuen Handlungsweisen. Bereits nach wenigen Sitzungen spürt der Großteil erste Entlastung. Die nachhaltige Umstellung passiert in der Regel mittelfristig, wenn Betroffene lernen, Triggerpunkte zu erkennen und wohlwollend mit ihnen umzugehen. Auf lange Sicht berichten Beschäftigte, die gecoacht werden, von zunehmender Gelassenheit, einer realistischeren Selbstwahrnehmung und mehr Authentizität in ihrer Rolle. Selbstzweifel lösen sich dabei nicht in Luft auf – sie verlieren jedoch ihre Bedrohlichkeit und Dominanz.

Der Autor

Daniel Salamon ist erfahrener Management-Diagnostiker und Karriere-Enabler mit Schwerpunkt auf dem Top-Management. Der Psychologe begleitet Unternehmen bei der Besetzung ihrer Management-Positionen von Eignungsdiagnostik über Coaching bis Onboarding. „Executive Coaching“-Angebote für Führungskräfte auf der Schwelle zum nächsten Schritt und Leadership-Pioniere vor dem Karrierewandel runden das Portfolio ab. Daniel Salamon lehrt an der EBS-Universität für Wirtschaft und Recht.
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