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Unterdrücken kann helfen
Kopfhörer gegen Lärm

Foto: J.P. – stock.adobe.com
Geräuschunterdrückende Kopfhörer liegen im Trend. Als Werkzeuge des hybriden Arbeitens sind sie aus Großraumbüros kaum mehr wegzudenken. Doch bei zu hoher Lautstärke bergen die Geräte Risiken fürs Gehör – und sie ersetzen keine gute Raumakustik.
Text: Redaktion PRÄVENTION AKTUELL
AUF DEN PUNKT
- Noise-Cancelling-Kopfhörer sind keine PSA
- Moderate Laustärke und regelmäßige Hörpausen sind wichtig
- Bewusster Einsatz der Technik reduziert die Risiken
Sie sind längst ein Statussymbol: Kopfhörer mit ANC-Technologie („Active Noise Cancelling“). Über eingespielte Gegenschallwellen werden Umgebungsgeräusche reduziert. Das hilft nicht nur in Flugzeugen oder in der Bahn. Auch in Großraumbüros schotten sich immer mehr Beschäftigte mit lärmunterdrückenden Kopfhörern ab. „Seit Videokonferenzen und offene Büroflächen im Arbeitsalltag deutlich zugenommen haben, nehmen viele Mitarbeitende die Kopfhörer kaum noch von den Ohren“, sagt André Siegl, Experte für Arbeits- und Gesundheitsschutz beim TÜV-Verband. Allerdings könne die vermehrte Kopfhörernutzung Gesundheitsrisiken auslösen – und sie droht geltende Arbeitsschutzvorschriften auszuhebeln.
Dabei gilt: Auch bei Büroarbeit greifen die Vorgaben des Arbeitsstättenrechts. Arbeitgeber sind verpflichtet, Arbeitsräume so zu gestalten, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Lärm vermieden werden. Maßgeblich sind hier insbesondere die Arbeitsstättenverordnung und die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A3.7 „Lärm“. Sie definiert Beurteilungspegel für unterschiedliche Tätigkeiten. Für überwiegend geistige Arbeiten, bei denen hohe Konzentration erforderlich ist, sollen demnach in der Regel 55 dB(A) nicht überschritten werden; bei besonders hohen geistigen Anforderungen sind niedrigere Pegel anzustreben. Ziel ist es, Räume so zu planen und auszustatten, dass konzentriertes Arbeiten grundsätzlich ohne individuelle Abschirmung möglich ist.
Die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung kommt hingegen vor allem bei gehörgefährdenden Lärmbelastungen – etwa in Produktion oder Bau – zur Anwendung. Solche Pegel werden in klassischen Büroumgebungen in der Regel nicht erreicht.
Noise-Cancelling-Kopfhörer sind keine PSA
Viele Beschäftigte empfinden die Geräuschkulisse in Mehrpersonen- oder Großraumbüros dennoch als störend. Noise-Cancelling-Kopfhörer können das subjektive Wohlbefinden steigern, indem sie Gesprächsfetzen oder Tastaturgeräusche ausblenden. Wichtig ist jedoch die Abgrenzung: Auch wenn Over-Ear-Modelle optisch an Kapselgehörschützer erinnern, gelten sie rechtlich nicht als persönliche Schutzausrüstung (PSA). Sie sind nicht als Gehörschutz im Sinne der PSA-Verordnung zertifiziert und verfügen in der Regel über keine ausgewiesenen Dämmwerte.
Entscheidend ist außerdem die Lautstärke. Moderne Kopfhörer können Pegel von deutlich über 85 dB(A) erreichen. Wird über längere Zeit zu laut gehört, drohen Hörschäden bis hin zu Tinnitus. Funktionen wie eine elektronische Lautstärkebegrenzung können helfen, das Risiko zu reduzieren. Orientierung bieten beispielsweise Empfehlungen, die Lautstärke moderat zu wählen und regelmäßige Hörpausen einzulegen.
Noise Cancelling selbst gilt nicht als gesundheitsschädlich. Bei manchen Menschen können jedoch vorübergehend Schwindel, Druckgefühl oder leichte Übelkeit auftreten. Diese Effekte sind individuell unterschiedlich ausgeprägt. „Es geht darum, die Technik sinnvoll und sicher einzusetzen. Unternehmen sollten Mitarbeitende über Risiken aufklären“, sagt Siegl. „Lärmschutz ist keine Kür, sondern eine Voraussetzung für produktive, gesunde Arbeit – besonders in Zeiten von hybriden Teams und Dauer-Videokonferenzen.“
Der sozialen Isolation entgegenwirken
Neben möglichen Auswirkungen auf das Hörvermögen werden auch kognitive Effekte diskutiert. Einige Fachleute vermuten, dass eine dauerhafte akustische Abschirmung die Verarbeitung von Umgebungsgeräuschen verändern könnte. Gesicherte Langzeitstudien hierzu liegen bislang jedoch nicht vor.
Klar ist hingegen: Wer sich über Stunden mit Kopfhörern abschottet, reduziert zwangsläufig spontane Kommunikation. Das kann Teamprozesse und soziale Einbindung beeinflussen.
Viele Modelle verfügen über einen Transparenzmodus, der Umgebungsgeräusche teilweise durchlässt. Unabhängig davon gilt: „Unsere Ohren und auch unser Geist brauchen Pausen“, betont Siegl. „Man sollte die Kopfhörer in jedem Fall regelmäßig absetzen.“ Faustregel: Jede Stunde für fünf bis zehn Minuten auf die Kopfhörer verzichten.
Organisatorische Maßnahmen für mehr Ruhe
Arbeitgeber können den Trend konstruktiv begleiten. Bei Tätigkeiten mit erhöhter Lärmbelastung sind arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen für das Gehör vorgeschrieben. In klassischen Büros sind sie zwar nicht verpflichtend, können jedoch als freiwillige Präventionsmaßnahme sinnvoll sein – insbesondere bei intensiver Kopfhörernutzung. „Während Sehtests in einigen Arbeitsstätten vielfach verpflichtend sind, werden Hörtests oft vernachlässigt“, sagt Siegl.
Noch wichtiger sind jedoch bauliche und organisatorische Maßnahmen. Schallabsorbierende Wand- und Deckenelemente, akustisch wirksame Möbel, abgetrennte Besprechungszonen oder schallgedämmte Telefonkabinen können die Lärmbelastung wirksam reduzieren. Auch sogenannte Sound-Masking-Systeme – ein gleichmäßiger, leiser Hintergrundton – werden eingesetzt, um störende Sprachanteile zu überdecken. Sie müssen jedoch sorgfältig geplant und eingestellt werden, um selbst nicht zur Dauerbelastung zu werden.
Aufs Ohr oder ins Ohr – verschiedene Kopfhörer-Optionen
Bei der Wahl des richtigen Kopfhörers haben Nutzer verschiedene Optionen. Over-Ear-Kopfhörer unterdrücken in der Regel die Außengeräusche am effektivsten, da sie am meisten Platz für die Mikrofone bieten, die für die aktive Geräuschunterdrückung eingesetzt werden. Zudem schirmen sie passiv die Außengeräusche ab, weil sie die Ohrmuschel umschließen. Kompakte In-Ear-Kopfhörer, die direkt im Gehörgang sitzen, gelten als besonders praktisch und transportabel auch dank ihrer mitgelieferten Ladehülle. Ein guter Kompromiss aus Funktion und Kompaktheit sind On-Ear-Kopfhörer, die gepolstert auf dem Ohr liegen.
Musik oder auch Rauschen?
Welche akustische Untermalung die Konzentration unterstützt, ist Geschmackssache. Einige Menschen schwören auf klassische Musik und Klavierklänge, andere auf elektronische Lounge- und Chill-Out-Songs. „In aller Regel sind reine Instrumentalstücke besser geeignet als Musik mit Gesangseinlagen“, sagt Siegl.
Eine Alternative ist das „weiße Rauschen“ – ein monotones Hintergrundgeräusch, das verschiedene Frequenzen abdeckt und erwiesenermaßen beruhigend wirkt. In etwas tieferer Frequenz wirkt das „braune Rauschen“ ebenfalls stressabbauend und konzentrationsfördernd. In Apps und auch über Smartphone-Einstellungen lässt sich Rauschen – alternativ auch Regenprasseln oder Ozeanbrandung – problemlos und kostenlos erzeugen und auf die Kopfhörer legen.
Fazit
Geräuschunterdrückende Kopfhörer können im Büroalltag hilfreich sein, sie ersetzen jedoch keine gute Raumakustik. Lärmschutz ist Aufgabe des Arbeitgebers. Wer Kopfhörer nutzt, sollte auf angemessene Lautstärke, regelmäßige Pausen und soziale Balance achten.
