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- „Das Ziel ist, Gefährdungen zu vermeiden“
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- Schleichend in die Erschöpfungsfalle
- Wenn Alarm zur Gewohnheit wird
- Ausgebrannt – oder bis zur Erschöpfung gelangweilt?
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Ausgebrannt – oder bis zur Erschöpfung gelangweilt?
Burn-out und Bore-out

Foto: deagreez – stock.adobe.com
Überlastung am Arbeitsplatz kann genauso krank machen wie Unterforderung. Arbeitspsychologin Michelle Müller erklärt im Interview, welche Ursachen dem Burn-out zugrunde liegen, welche Warnzeichen Führungskräfte ernst nehmen sollten und was hinter den Phänomenen Bore-out und Burn-on steckt.
Interview: Holger Toth (Redaktion)
Der Begriff Burn-out wird seit Jahren inflationär verwendet, häufig um auf besonders hohe Arbeitsbelastung aufmerksam zu machen. Was kennzeichnet denn einen wirklichen Burn-out?
Michelle Müller: Ein Burn-out lässt sich im Kern durch drei zentrale Symptome beschreiben. Zum einen handelt es sich um eine emotionale und körperliche Erschöpfung. Zum zweiten entsteht eine innere Distanz zur Arbeit. Das kann sich etwa durch Zynismus oder Sarkasmus äußern. Betroffene versuchen dann, sich innerlich von der Arbeit abzugrenzen. Und der dritte Aspekt ist eine reduzierte Leistungsfähigkeit. Wichtig ist dabei: Burn-out entsteht nicht plötzlich. Es handelt sich meist um einen schleichenden Prozess, der sich über Monate oder sogar Jahre hinweg entwickelt und häufig mit einer dauerhaften Überbelastung verbunden ist.
Treten diese Symptome gleichzeitig auf?
Müller: Sie können durchaus zeitgleich auftreten. Meistens ist es ein Prozess, der in Phasen verläuft. Es beginnt mit einer sinkenden Leistungsfähigkeit oder einer höheren Fehleranfälligkeit. Danach entwickelt sich zunehmend eine innere Distanz zur Arbeit, bis man später bei dieser völligen Erschöpfung angekommen ist.
Der Unterschied zwischen Burn-out und Depression
Ist Burn-out eigentlich eine Krankheit?
Müller: Burn-out ist nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Man spricht stattdessen von einem arbeitsbezogenen Syndrom. Allerdings wird seit Jahren darüber diskutiert, ob Burn-out nicht doch als eigenständige Diagnose aufgenommen werden sollte. Lange Zeit wurde es beispielsweise häufig als Zusatzdiagnose zu einer Depression gestellt.
Was unterscheidet denn eine Depression von einem Burn-out?
Müller: Ein wichtiger Unterschied ist die Antriebslosigkeit. Bei einer Depression gehört sie zu den zentralen Symptomen. Betroffene schaffen es häufig nicht, aktiv zu werden oder soziale Kontakte zu pflegen. Menschen mit Burn-out sind dagegen grundsätzlich oft noch motiviert und möchten eigentlich etwas unternehmen oder sich mit Freunden treffen. Sie sind dazu aber häufig zu erschöpft. Außerdem unterscheiden sich die Ursachen: Eine Depression kann sehr unterschiedliche Auslöser haben, während Burn-out arbeitsbezogen ist.
Kann ein Burn-out in eine Depression übergehen?
Müller: Das kann durchaus passieren. Zwischen Burn-out und Depression gibt es häufig Wechselwirkungen. In der Psychologie spricht man hier auch von komorbiden Erkrankungen, also dem gleichzeitigen Auftreten mehrerer Störungen. Die starke emotionale und körperliche Erschöpfung, die beim Burn-out entsteht, kann zum Beispiel eine Depression begünstigen. Umgekehrt kann aber auch eine bestehende Depression dazu führen, dass jemand stärker belastet ist und dadurch schneller in ein Burn-out gerät.
Die häufigsten Ursachen für Burn-out
Was sind die häufigsten Ursachen für Burn-out?
Müller: Meist handelt es sich um eine chronische Überbelastung über längere Zeit. Dazu gehören etwa hoher Arbeitszeitdruck oder eine große Verantwortung. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle: Konflikte am Arbeitsplatz, Rollenkonflikte, fehlende Anerkennung oder mangelnde Wertschätzung können ebenfalls dazu beitragen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Handlungsspielraum. Wenn Beschäftigte wenig Kontrolle über ihre Aufgaben haben und vieles stark vorgegeben ist, kann das ebenfalls belastend wirken.
Gibt es Branchen, die besonders stark betroffen sind?
Müller: Hohe Arbeitsintensität findet man in vielen Branchen. Studien zeigen, dass etwa 60 Prozent der Unternehmen eine solche Belastung angeben. Besonders häufig betroffen sind jedoch das Gesundheitswesen sowie Bereiche wie Bildung, Kultur und Medien.
Was können Unternehmen präventiv tun?
Müller: Eine wichtige Grundlage ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. Dabei werden Arbeitsbedingungen systematisch analysiert, um mögliche Risikofaktoren für die psychische Gesundheit zu erkennen. Auf dieser Basis lassen sich Maßnahmen entwickeln und umsetzen. Ebenso wichtig sind regelmäßige Mitarbeitergespräche. Sie helfen dabei, Belastungen frühzeitig zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu finden, um Arbeitsabläufe anzupassen und zu optimieren.
Was liegt in der Verantwortung des Betroffenen und was in der des Vorgesetzten?
Müller: Führungskräfte haben eine wichtige Rolle, weil sie Veränderungen bei Mitarbeitenden oft als Erste bemerken können. Sie sollten aufmerksam sein, wenn sich Verhalten oder Leistungsfähigkeit verändern, und solche Beobachtungen auch ansprechen. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass Beschäftigte selbst das Gespräch suchen, wenn sie merken, dass die Belastung zu hoch wird. Häufig lassen sich Arbeitsbedingungen anpassen oder Aufgaben umstrukturieren, wenn man frühzeitig darüber spricht.
Warnzeichen: Weniger Leistung, mehr Fehler
Welche Warnzeichen gibt es?
Müller: Ein häufiges Signal ist die schon angesprochene reduzierte Leistungsfähigkeit oder eine zunehmende Fehleranfälligkeit. Auch wenn Termine häufiger vergessen werden oder jemand sich stärker zurückzieht, kann das ein Hinweis sein. Manche Beschäftigte, die früher sehr gesellig waren, isolieren sich plötzlich stärker. Allerdings gilt: Diese Anzeichen sind kein eindeutiger Beweis für Burn-out – dahinter können auch andere Gründe stecken. Trotzdem sollte man solche Veränderungen ernst nehmen.
Wenn Führungskräfte merken, dass etwas nicht stimmt: Wie sollten sie reagieren und was sollten sie vermeiden?
Müller: Wichtig ist ein offener und wertschätzender Umgang. Führungskräfte sollten sich Zeit für ein Gespräch nehmen und die Veränderungen ansprechen, die sie beobachtet haben. Gleichzeitig sollten sie Unterstützung anbieten – etwa durch Anpassungen der Arbeitsbedingungen oder durch professionelle Hilfe. Was man unbedingt vermeiden sollte, sind Schuldzuweisungen, zusätzlicher Druck oder das Herunterspielen der Situation.

Sie bilden mentale Ersthelfer aus. Was steckt dahinter und welche Rolle können diese Personen in der Prävention spielen?
Müller: Mentale Ersthelfer sind geschulte Ansprechpersonen im Unternehmen, die erste Auffälligkeiten wahrnehmen und Betroffenen eine niedrigschwellige Unterstützung anbieten können. Sie sprechen Mitarbeitende an, wenn sie Veränderungen bemerken, und können dabei helfen, das Gespräch zu suchen oder weitere Hilfsangebote zu vermitteln. Grundsätzlich kann diese Rolle fast jede Person im Unternehmen übernehmen. Häufig sind es Mitarbeitende, die ohnehin schon als Vertrauenspersonen gelten – etwa aus der Personalabteilung oder Personen, die im Kollegenkreis als besonders empathisch und ansprechbar wahrgenommen werden. Wichtig ist vor allem, dass sie eine entsprechende Schulung erhalten und sensibel mit dem Thema umgehen.
Burn-on: Die Vorstufe des Burn-outs
Neben dem Burn-out taucht zunehmend auch der Begriff Burn-on auf. Was versteht man darunter?
Müller: Burn-on kann man gewissermaßen als Vorstufe des Burn-outs verstehen. Betroffene stehen weiterhin auf einem hohen Funktionsniveau und leisten ihre Arbeit scheinbar problemlos. Innerlich sind sie jedoch bereits stark erschöpft. Gerade deshalb ist Burn-on schwer zu erkennen.
Ist das für Unternehmen besonders riskant?
Müller: Ja, denn die Warnsignale sind deutlich schwerer zu erkennen. Während beim Burn-out häufig Leistungsprobleme oder Rückzug sichtbar werden, funktioniert beim Burn-on zunächst alles weiter. Deshalb kann es passieren, dass Betroffene plötzlich einen Zusammenbruch erleiden, etwa in Form einer Panikattacke oder eines Nervenzusammenbruchs.
Bore-out: Wenn Langeweile krank macht
Das Gegenteil des Burn-outs ist der sogenannte Bore-out, also Unterforderung. Warum kann zu wenig Arbeit krank machen?
Müller: Im ersten Moment könnte man denken, dass es doch eigentlich ganz schön ist, wenn man nicht so viel Arbeit hat. Aber das ist ein Trugschluss. Auch chronische Langeweile oder Unterforderung kann psychisch genauso belastend sein wie chronische Überforderung.
Wie äußert sich das?
Müller: Das kann ähnlich sein wie beim Burn-out. Betroffene erleben ebenfalls Erschöpfung, Unzufriedenheit oder Demotivation.
Welche Maßnahmen helfen gegen Bore-out?
Müller: Zunächst ist es wichtig, überhaupt zu erkennen, dass ein Problem besteht – zum Beispiel durch regelmäßige Gespräche mit Beschäftigten. Danach kann man versuchen, neue Herausforderungen zu schaffen, etwa durch Weiterbildung oder neue Aufgaben. Ein Ansatz ist auch das sogenannte Job-Crafting: Dabei wird die Tätigkeit so angepasst, dass sie besser zu den Fähigkeiten und Interessen der Beschäftigten passt. Auch Job-Rotation, also ein Wechsel von Aufgaben innerhalb eines Teams, kann helfen.
Die Rolle der Unternehmenskultur
Ein abschließender Tipp: Was können Unternehmen tun, damit Beschäftigte langfristig gesund bleiben?
Müller: Entscheidend ist ein ausgewogenes Verhältnis der Arbeitsanforderungen. Weder chronische Überforderung noch dauerhafte Unterforderung sollten zum Normalfall werden. Führungskräfte sollten frühzeitig reagieren, wenn sich Belastungen abzeichnen. Wichtig sind außerdem die Sinnhaftigkeit in der Arbeit, Wertschätzung sowie ausreichend Handlungsspielraum für die Beschäftigten. All diese Faktoren hängen stark mit der Unternehmenskultur und der Qualität der Führung zusammen.
Zur Person
Michelle Müller ist leitende Arbeitspsychologin bei Betriebsarztservice, einem Unternehmen für ganzheitlichen Arbeits- und Gesundheitsschutz. Dort arbeitet sie gemeinsam mit Betriebsärzten und Fachkräften für Arbeitssicherheit an der Prävention gesundheitlicher Risiken am Arbeitsplatz. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der psychischen Gesundheit in Unternehmen, etwa durch Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastung. Außerdem engagiert sie sich in der Wissensvermittlung rund um psychische Gesundheit und bildet unter anderem Ersthelfer für mentale Gesundheit aus.
www.betriebsarztservice.de