Herr Dr. Becker, was fasziniert Sie am Fuß?

Dr. Becker: Der Fuß ist hoch interessant und komplex. Er verbindet uns mit dem Boden und trägt uns während unseres Lebens bis zu vier Mal um die Erde. Er ist gleichzeitig stabile Standfläche, flexi­bler Stoßdämpfer und rigider Abstoßhebel. Unsere Füße sind aber auch äußerst sensible Tastorgane, die unterschiedlichste  Untergründe erfühlen können. Er ist die Basis für das ganze Muskel­, Faszien­ und Skelettsystem und die Voraussetzung für den aufrechten Gang.

Warum packen wir dieses wertvolle Köperteil dann überhaupt in Schuhe?

Dr. Becker: In unseren Breiten benötigen wir den Schuh als Schutz, um all diese wertvollen Eigenschaften nicht zu  gefährden.

Was erwartet ein solch komplizierter, multifunktioneller Fuß von einem Schuh – besonders von einem Sicherheitsschuh?

Dr. Becker: Der Sicherheitsschuh soll die Eigenschaften des Fußes unterstützen, seine Individualität respektieren und ihn schützen. Fuß und Schuh bilden eine funktionelle Einheit und beeinflussen sich gegenseitig.

Was heißt das konkret für die Konstruktion eines Schuhs?

Dr. Becker: Ein Schuh, auch ein Sicherheitsschuh, wird in der Regel auf einem Leisten gefertigt, der im Ballenbereich nach unten gebogen ist. Dadurch fehlt dem Ballen ein belastbarer Untergrund. Das wiederum kann zu einer falschen Belastung des Vorfußes führen, zu Instabilität und zu Beschwerden im Fuß – und in der Folge zu Leistungseinschränkungen. Der vordere Bereich des Sicherheitsschuhs muss Raum für die Zehen geben. Dann  können die Zehen ihre Restgreiffunktion einsetzen und dem Fuß Stabilität geben. Werden die Zehen unnatürlich zusammengedrückt, führt das zu Instabilität des Fußes und kann eine Schiefzehenbildung fördern.

Das heißt, das falsche Schuhwerk kann uns krank machen.

Dr. Becker: Der Fuß ist aufgrund seiner Flexibilität in der Lage, sich unterschiedlichen Untergründen anzupassen. Aber eine  permanente Fehlbelastung des Fußes im Schuh und permanente falsche Belastung des Ballenbereichs können die stabilisierenden Strukturen überfordern. Das kann einen Spreizfuß auslösen oder den ganzen Halte-­ und Bewegungsapparat  destabilisieren.

Wie wirken sich Ihre Erkenntnisse auf die Entwicklung neuer Schuhe aus?

Dr. Becker: Bei der Entwicklung von Sicherheitsschuhen wird – zumindest bei qualitativ hochwertigen Produkten – darauf geachtet, dass der Schutz, der durch den Schuh gegeben wird, mit dem Fuß harmoniert. Das trifft auch auf die Fußwurzel zu, wo die einzelnen Faszienzüge auf engstem Raum zusammen-kommen. Bei der Entwicklung der neuen Sicherheitsschuh-­Kollektion von Haix haben wir auf diese Dinge besonderen Wert gelegt: auf einen stabilen Stand des Fußes im Schuh und eine Ökonomisierung der Belastungsvorgänge. Damit haben wir einen Schuh konstruiert, der auf den Fuß abgestimmt ist und der uns so ermüdungsfrei durch den Tag trägt.

Herr Dr. Schleip, was sind eigentlich Faszien genau?

Dr. Schleip: Faszien sind eine Art Verpackung, die unter unserer Haut liegt. Ein faseriges Netz aus Bindegewebe, das im Grunde alles miteinander verbindet. Die Faszien geben unserem Körper eine Form und halten alles zusammen. Sie können es sich  vorstellen wie die Pelle einer Weißwurst: Ohne die  Faszien würden unsere  Muskeln kaum Spannung haben, wie ein halbflüssiger Wackelpudding. Faszien haben außerdem großen Anteil an unseren Bewegungen. Sie wirken teilweise wie ein Katapult, indem sie Bewegungsenergie vorübergehend elastisch speichern und wieder entladen. Dynamische, federnde Bewegungen, wie beim Gehen und Laufen, nutzen weit weniger aktive Muskelfaser-­Kontraktionen als vielmehr die elastische Rückfederung der Faszien.

Was schädigt unsere Faszien?

Dr. Schleip: Überlastung oder  Unterforderung. Beides kann unser Gewebe schädigen. Bei Überlastung reißen Faszien ein, meistens nur ganz fein. Das kann Entzündungen verursachen. Gleichzeitig brauchen unsere Faszien aber ein gewisses Maß an Belastung, um gesund zu bleiben. Beim klassischen Stuben­hocker, der viel sitzt oder liegt, verkümmert das Bindegewebe. Es verfilzt regelrecht. Das kann auch passieren, wenn wir unsere Füße mit dem falschen Schuhwerk kaltstellen. Und natürlich Stress.

Wie kann ich meine Faszien trainieren?

Dr. Schleip: Zunächst brauchen Sie Geduld. Faszien lassen sich nicht in wenigen Wochen trainieren. Bei vielen Sportarten werden die Faszien mittrainiert. Sie müssen aber wissen, dass das Bindegewebe langsamer wächst als die Muskeln und dadurch leichter überlastet wird. Generell mögen Faszien keine mechanischen, gleichförmigen oder einseitigen Bewegungen. Für die Faszienfitness sind also Sportarten mit vielseitigen Bewegungsbelastungen ideal. Tanzen zum Beispiel, oder Turnen.

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