Eine abgeschottete Welt, umgeben von Mauern: Im Untersuchungsgefängnis in Frankfurt sind rund 600 Männer inhaftiert. Für die Sicherheit innerhalb der Mauern sorgen hohe technische Standards – und die Fähigkeit der Mitarbeiter, gut zuzuhören.

Der kritischste Moment ist morgens um 6 Uhr. Für die Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Frankfurt I endet dann eine lange Nacht. Der Frühdienst beginnt seine Schicht mit der Lebendkontrolle. Das bedeutet: Die Beamten gehen von Zelle zu Zelle, kontrollieren, ob alle Häftlinge da und vor allem, ob sie am Leben sind. Einen Gefangenen tot oder schwerstverletzt in der Zelle finden – „das ist das Schlimmste“, sagt der Justizvollzugsbeamte Michael Volk. „Für uns ist das extrem belastend.“

Arbeitssicherheit im Knast
Blick in den Innenhof der JVA Frankfurt mit Basketballfeld. Sport ist wichtig für den Aggressionsabbau. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag

 

Arbeitssicherheit in der JVA Frankfurt

Die JVA Frankfurt I ist ein Untersuchungsgefängnis. Rund 600 Männer sind hier inhaftiert, etwa 300 Personen arbeiten in der noch neuen Haftanstalt. Sie wurde 2011 fertiggestellt und entspricht höchsten Sicherheitsstandards. Bis zu 21 Meter hohe und von Stacheldraht gekrönte Mauern trennen den Komplex vom Rest der Stadt. Eine abgeschottete Welt mit eigenen Regeln.

Michael Volk ist Justizvollzugsbeamter
Michael Volk arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Justizvollzugsbeamter.
Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag

Justizvollzugsbeamte machen den größten Teil der Beschäftigten aus. Sie beaufsichtigen, betreuen und versorgen die Häftlinge. Oder sie übernehmen wie Volk die Gefangenentransporte. Bevor er vor 23 Jahren als Justizvollzugsbeamter anfing, ist er für den Rettungsdienst gefahren. „Viel Erfahrung in anderen Berufen bedeutet viel Menschenkenntnis. Das hilft hier drin ungemein“, sagt der 43­-Jährige. In der JVA Frankfurt I hat er die Arbeitssicherheit mit implementiert. Belastungen durch Schichtarbeit, Eigensicherung im Umgang mit den Häftlingen oder auch ergonomisches Arbeiten am Computer – die Themen hinter Gittern sind vielfältig.

„Wir sind nicht nur da, um Türen auf­- und zuzuschließen“, sagt Volk. Die Beamten sind dafür verantwortlich, dass der Gefängnisalltag reibungslos funktioniert, dass sich alle Insassen an die vorgegebenen Abläufe halten. „Gleichzeitig sind wir wichtige Ansprechpartner für die Gefangenen.“ Gerade in den ersten Tagen sind sie manchmal auch die einzigen Gesprächspartner. Wie die Beschäftigten mit den Gefangenen umgehen, ob es ihnen gelingt, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, hat wesentlichen Einfluss auf die Atmosphäre in der JVA. Und damit auch auf die Sicherheit innerhalb der Mauern.

Welche Regeln hier gelten, wissen die Neuen nicht.

Um die Arbeit der Justizvollzugsbeamten und die damit verbundenen Belastungen und Gefährdungen besser zu verstehen, muss man etwas über die Gefangenen und ihr Leben in der JVA Frankfurt I wissen. Untersuchungshaft – das heißt: Keiner der Männer ist hier, weil er von einem Richter verurteilt wurde. Für alle gilt die Unschuldsvermutung. Untersuchungshaft bedeutet aber auch: Bei allen hier drin besteht dringender Tatverdacht und Flucht­ oder Verdunklungsgefahr. Die mutmaßlichen Straftaten sind vielfältig. Sie reichen von wiederholtem Ladendiebstahl über Wirtschaftskriminalität bis hin zu schwersten Gewaltverbrechen. Im Schnitt warten die Häftlinge hier etwa ein halbes Jahr auf ihr Urteil.

Was das Leben hinter Gittern bedeutet, welche Regeln hier gelten, wissen die Neuen nicht. Die Untersuchungsgefangenen werden, wie Volk formuliert, „von der Straße weg verhaftet“. Sie verlieren von jetzt auf gleich ihr altes Leben, ihre sozialen Kontakte, ihre Selbstständigkeit. Dazu kommt die Ungewissheit, wie es nach dem Urteil weitergeht. „Manche haben einen Inhaftierungsschock“, erzählt Volk. Entsprechend ist die Suizidgefahr in den ersten Tagen der Untersuchungshaft besonders groß – das bestätigt auch eine Studie des Kriminologischen Dienstes im Bildungsinstitut des niedersächsischen Justizvollzugs.

Zu den besonderen Risiken zählt die Infektionsgefahr

Wie oft morgens, bei der Lebendkontrolle, ein Häftling reglos in der Zelle liegt? „Es gibt Bedienstete, die hatten noch keinen Suizid. Bei anderen geschieht es direkt am ersten Tag“, erzählt Volk. Dann müssen die Vollzugsbeamten einschätzen, ob die Situation ernst oder nur gespielt ist, legen Druckverbände an oder reanimieren. Zu den besonderen Risiken zählt die Infektionsgefahr. Persönliche Schutzausrüstungen wie Handschuhe sind deshalb selbstverständlich. Besonders gravierend sind für die Helfer aber die psychischen Folgen. „Jeder hat Angst vor einer Reanimation“, sagt Volk. Schuldgefühle, Schlafstörungen, Burn­out – die Folgen eines Suizids für die Helfer können vielfältig sein. In der JVA Frankfurt I gibt es deshalb ein Kriseninterventionsteam für die Mitarbeiter.

Sprengschnüre warten auf Verwendung.
Die Küche: Auch bei der Zubereitung der Mahlzeiten sind Insassen im Einsatz. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag

 

Wie oft morgens, bei der Lebendkontrolle, ein Häftling reglos in der Zelle liegt? „Es gibt Bedienstete, die hatten noch keinen Suizid. Bei anderen geschieht es direkt am ersten Tag“, erzählt Volk. Dann müssen die Vollzugsbeamten einschätzen, ob die Situation ernst oder nur gespielt ist, legen Druckverbände an oder reanimieren. Zu den besonderen Risiken zählt die Infektionsgefahr. Persönliche Schutzausrüstungen wie Handschuhe sind deshalb selbstverständlich. Besonders gravierend sind für die Helfer aber die psychischen Folgen. „Jeder hat Angst vor einer Reanimation“, sagt Volk. Schuldgefühle, Schlafstörungen, Burn­out – die Folgen eines Suizids für die Helfer können vielfältig sein. In der JVA Frankfurt I gibt es deshalb ein Kriseninterventionsteam für die Mitarbeiter.

Körperliche Konflikte zwischen Gefangenen sind nicht an der Tagesordnung

Dennoch kann es auch in der JVA Frankfurt I zu Auseinandersetzungen zwischen Gefangenen kommen. In einem solchen Fall lösen die Vollzugsbeamten sofort Alarm aus. Innerhalb kürzester Zeit ist dann Verstärkung da. Oft genügt schon die reine Überzahl, um einen Konflikt zu beenden. Ansonsten müssen die Beamten dazwischengehen. Sie trennen die Kontrahenten und fixieren sie gegebenenfalls an Armen oder Beinen. Das Training solcher Situationen ist fester Bestandteil der Ausbildung. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Körperliche Konflikte zwischen Gefangenen sind nicht an der Tagesordnung. „Da passiert sonntags auf jedem Fußballplatz mehr“, sagt einer der Beamten.

Arbeitssicherheit im Knast
Rund elf Quadratmeter Lebensraum für die Gefangenen mit Bett, Schrank, Wasserkocher und Kühlschrank. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag

 

Untersuchungshaft bedeutet viele untätige Stunden. Ein Platz in der Arbeitstherapie oder in einer der Sportgruppen ist begehrt – aber während der Untersuchungshaft nicht selbstverständlich. Die Resozialisierung beginnt erst mit der eigentlichen Haftstrafe nach dem Urteil. So ist der Freigang im Hof für viele das High-light des Knast­Tages. Jetzt ist der Innenhof leer. Die umliegenden Wände sind grün gestrichen – die Farbe soll beruhigend wirken. Einige Tischtennisplatten mit verwaisten Schlägern, zwei Basketballkörbe, Sitzgelegenheiten. Im umliegenden Komplex die Zellen. Aus einem der Gitterfenster dringt Klaviermusik, aus einem anderen Rap.

Eine Stunde pro Tag sind die Gefangenen hier draußen, in der Regel die Insassen von zwei Stationen. Auf dem Weg durchlaufen die Gefangenen Sicherheitskontrollen. Mithilfe eines Metalldetektors werden sie auf verbotene Gegenstände überprüft. Karten spielen, Körbe werfen, rumlaufen und reden – alles hier draußen läuft in der Regel sehr friedlich. Niemand will sein Privileg leichtfertig aufs Spiel setzen.

Dennoch sind überall Überwachungskameras angebracht. „Es gibt keine toten Winkel im Gefängnis“, sagt Volk. Außer in den Zellen, dort sind die Häftlinge unbeobachtet. Schwere Türen trennen einen Trakt vom anderen. Jeder Gang, jedes Treppenhaus kann nur betreten werden, wenn man den richtigen Transponder besitzt.

Typischer Arbeitsunfall in der JVA: eingeklemmter Finger

Abends endet der Tag mit dem letzten Einschluss. Für die Gefangenen bleiben lange Stunden alleine in der Zelle. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Radio. Für die Justizvollzugsbeamten beginnt die Nachtschicht. Normalerweise eine ruhige Zeit. Aber auch hier gilt: „Man sollte immer mit allem rechnen“, sagt Volk. „Die größte Gefahr ist die Routine.“

Infografik Justizvollzugsanstalten in Deutschland
Grafik: LIEBCHEN + LIEBCHEN/Universum Verlag

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