Vor gar nicht langer Zeit war der Satz „Dann geh doch ins Kloster“ kein wohlmeinender Rat, sondern er verspottete Menschen, die eine Sache allzu ernst nahmen. Seit einigen Jahren aber gehen tatsächlich viele Menschen ins Kloster, wenn auch nur für ein paar Tage, um eine Auszeit zu nehmen.

Die Welt ist kurzlebiger geworden und Klöster anscheinend zu einem Sehnsuchtsort, an dem es sich durchatmen lässt. Die Nachfrage ist jedenfalls stark gestiegen – auch bei Menschen, die keinen christlichen Hintergrund haben – und die Auswahl ist groß. In Deutschland nehmen mehr als 300 evangelische und katholische Klöster Gäste auf. Doch was genau suchen die Menschen dort? Und was finden sie?

Wer das Zisterzienserkloster Helfta in der Lutherstadt Eisleben besucht, findet erst mal einen Ort, von dem eine erstaunliche Ruhe ausgeht. Erstaunlich auch deswegen, weil es nur ein paar Schritte von einer Schnellstraße entfernt liegt, an der sich Baumärkte, Autohäuser und Fast-Food-Ketten aneinanderreihen. Um einen schilfbewachsenen Weiher gruppieren sich zehn Gebäude, darunter das Gästehaus, der Klosterladen, die Kirche und der Konvent, in dem zehn Nonnen als Gemeinschaft leben. Einmal drum herum spaziert und schon ist die Welt auf der anderen Seite der Klostermauer ein ganzes Stück weggerückt.

Der schlichte Bau der Kirche Helfta helfe vielen, zu sich selbst zu kommen. Foto: Ulrich Schrader, Kloster Helfta

„Zu uns kommen Menschen, die Ruhe brauchen und Abstand zu ihrem Alltag“, sagt Priorin Christiane, die Klostervorsteherin. Darunter sind Menschen, die sich beruflich umorientieren möchten, sich überarbeitet fühlen, die sich mit einem Trauerfall oder einer Sinnkrise auseinandersetzen wollen oder die das Gefühl haben, eine Beziehung neu aufziehen zu müssen. „Das Kloster ist ein guter Ort, um sein Leben mit etwas Distanz zu betrachten“, sagt die Priorin. „Wenn Sie ein Bild an die Wand hängen, brauchen Sie auch etwas Distanz, um zu sehen, ob es gut ist.“

KLÖSTER SIND ZU EINEM SEHNSUCHTSORT GEWORDEN, AN DEM ES SICH DURCHATMEN LÄSST. AUCH FÜR MENSCHEN OHNE CHRISTLICHEN HINTERGRUND.

Kommen kann jeder, der kommen möchte. Also auch Menschen, die bisher keine Berührung mit dem Glauben hatten. Im Mansfelder Land, wo sich das Kloster befindet, gehören über 80 Prozent der Menschen keiner Religion an. „Die meisten unserer Gäste haben schon einen kirchlichen Hintergrund, aber es ist sehr unterschiedlich, wie sie ihn in ihrem täglichen Leben beachten.“

Egal, ob gläubig oder nicht, alle Gäste sind ein geladen, am Chorgebet der Schwesterngemeinde teilzunehmen, das zwischen 5.30 Uhr und 19.45 Uhr fünfmal am Tag stattfindet. Dazwischen nehmen sich die Schwestern gerne Zeit für Gespräche. „Viele, die wegen ihrer Arbeit zu uns kommen, fühlen sich leer und ausgepowert und stehen kurz vor dem Burnout“, erzählt Schwester Klara Maria. Sie ist 73 Jahre alt und eine der Gründungsschwestern des Klosters. Oft sei das Problem, dass in der modernen Arbeitswelt ständige Abrufbereitschaft erwartet werde „Ich finde Leistung gut, aber das ist eine Katastrophe“, sagt Schwester Klara Maria, die gerne Klartext redet, aber auch gerne lacht und selbst schon viel geleistet hat.

Sie war erst 18, als sie ins Kloster ging, studierte Theologie und Psychologie, leitete eine Klosterschule und verließ mit Anfang 50 schweren Herzens ihre Schwesterngemeinschaft in Baden-Württemberg, weil sie eine zweite Berufung spürte. Ab 1999 half sie dabei, das aufgegebene Kloster Helfta neu zu gründen, das in der DDR „Volkseigenes Gut“ gewesen war. Sie baute das Gästehaus auf, übernahm viele Jahre die Geschäftsführung und das Amt der Klostervorsteherin. Heute ist sie Datenschutz- und Präventionsbeauftragte.

„Viele brauchen jemanden, der zuhört, ohne zu bewerten, und der ihnen hilft wahrzunehmen, was sie beschäftigt“, sagt sie. Die Gespräche seien ein geschützter Raum, in dem die Menschen das ganze Spektrum an Gefühlen zulassen dürften.

Im Kloster Helfta werden Gäste in Einzel- oder Doppelzimmern unter-gebracht. Foto: Ulrich Schrader, Kloster Helfta

Neben überarbeiteten Menschen kämen oft auch solche, die mit dem Sinn ihrer Arbeit hadern. „Ich hatte mal jemanden von einem Callcenter, der wollte den Kunden gerne helfen, konnte ihnen selbst aber keine Lösung anbieten.“ Das habe eine andere Stelle bearbeitet, er habe immer nur den Ärger abgefangen. „Das hat ihm viel Energie abgezogen und gefördert, dass er sich hilflos fühlt.“ Auf Dauer führe das in die Resignation. „Das System muss durchlässiger werden. Jeder Mitarbeiter muss das Gefühl haben, etwas zu bewirken.“

Die Zahl der Gäste sei in den vergangenen Jahren gestiegen. Woran das liegt, vermag Schwester Klara Maria aber nicht genau zu sagen. Was heute „Gästehaus“ heißt, hieß anfangs noch „Bildungs- und Exerzitienhaus“. „Ich denke, dass da viele nicht so richtig rangehen wollten – zu viel Religiöses schreckt ab“, sagt sie. Ein Türöffner sei das gemischte Kursprogramm: Auch beim autogenen Training, Yoga oder Bogenschießen könne der Mensch zu sich kommen.

„DAS KLOSTER IST EIN GUTER ORT, UM SEIN LEBEN MIT ETWAS DISTANZ ZU  BETRACHTEN. WENN SIE EIN BILD AN DIE WAND HÄNGEN, BRAUCHEN SIE AUCH ETWAS DISTANZ, UM ZU SEHEN, OB ES GUT IST.“

Und wobei kommen Gäste im Klosteralltag am besten zu sich? „Im Komplet“, sagt Priorin Christiane, ohne überlegen zu müssen. Beim letzten Gebet des Tages, bei dem immer die gleichen Psalmen gesungen werden, entstehe eine besondere Atmosphäre. „Die Schwestern mögen es am liebsten und auch den Gästen gibt es am meisten“, sagt sie. Danach reden die Schwestern bis zum Morgengebet nicht mehr. „Das ist, wie wenn man den Computer ausschalten will und noch mal gefragt wird: Wollen Sie den Computer wirklich herunterfahren? Und dann geht jeder für sich in den Abend.“ Der Vergleich klingt plausibel, trotzdem bringt es einen zum Lachen, wenn eine Nonne im Ordenskleid es so formuliert.

Auch im Kloster Huysburg stolpert man schnell über seine mitgebrachten Klischees. Das rund 1.000 Jahre alte Benediktinerkloster wirkt von Weitem zwar, als wäre es tatsächlich im Mittelalter stehen geblieben – auf einem bewaldeten Höhenzug erhebt es sich ehrwürdig über das Land nördlich des Harzes. Der Parkplatz aber ist videoüberwacht und auf der Anlage gibt es für Gäste Wlan.

DAS LETZTE GEBET DES TAGES, DAS KOMPLET, MÖGEN SCHWESTERN UND GÄSTE AM LIEBSTEN. DAS SEI EIN BISSCHEN WIE COMPUTER HERUNTERFAHREN.

Gemeinschaft des Klosters Huysburg mit Abt (4. v.l.) und Bruder Jakobus (1.v.r.). Foto: Ulrich Schrader, Kloster Helfta

 

Bruder Jakobus – schwarzes Gewand, Vollbart, rundliche Brille – ist Vorurteile gewohnt. „Viele Leute denken, bei uns gibt es nichts Richtiges zu essen, es wird nicht geheizt und es gibt kein warmes Wasser“, sagt der 52-Jährige mit einem Lächeln. Verübeln tut er einem das nicht. Man kleide sich ja auch wie noch vor Jahrhunderten und es gebe eben viel Skepsis gegenüber Glaube und Religion, was auch der Sozialisation geschuldet sei.

Oft fragen Besucher, ob die Mönche sich beim Gebet nicht gestört fühlen. „Nein“, sagt Bruder Jakobus entschieden, der sich im Kloster um den Gästeempfang, die Seminare und die geistliche Betreuung des Gästehauses kümmert. „Rückzug ist uns wichtig, aber nicht die Abgeschiedenheit. Und es ist uns wichtig, dass es Begegnungen zwischen Kirche und Nicht-Kirche gibt.“

VIELE DENKEN, DASS ES IM KLOSTER KEIN RICHTIGES ESSEN GIBT UND NICHT GEHEIZT WIRD – WEIT GEFEHLT.

Ein Kloster sei ein heilsamer Ort und es biete einen klaren Rhythmus, den auch viele Gäste hilfreich fänden. Manche überlegten, was sie davon mitnehmen können, sich zum Beispiel feste Zeiten im Alltag schaffen. „Ob etwas von unserem Glauben überspringt, darauf habe ich keinen Einfluss, aber es ist mir wichtig, dass jeder das Kloster als Erfahrungsort erleben kann.“

Zwischen den Gebeten nehmen sich die Mönche Zeit für Gespräche. Foto: Ulrich Schrader, Kloster Helfta

Neben Kursen und Seminaren finden Begegnung und Austausch in Einzel- und Gruppengesprächen statt. Um über Themen wie Lebenskrisen zu sprechen, zeigt Bruder Jakobus auch gerne mal den Spielfilm „Wie im Himmel“ oder „Das Beste kommt zum Schluss“. „Filme können helfen darüber nachzudenken, wie man mit Selbstverständlichkeiten umgeht, die wegbrechen. Oder was diese Themen mit einem selbst zu tun haben.“

Allerdings sei ein Klosteraufenthalt nicht für jeden etwas, beziehungsweise nicht in jeder Lebenslage. „Es ist schon sehr still hier und das kann einsam sein“, so Bruder Jakobus. In Vorgesprächen versuche er, die Gäste darauf vorzubereiten. Trotzdem komme es hin und wieder vor, dass Gäste vorzeitig abreisen. Wer einen begleiteten Einstieg in den Klosteralltag wünscht, dem bieten sich bei den „Klostererfahrungstagen“ Einführungen in die Gebete und in den Umgang mit Schweigen.

EIN KLOSTERAUFENTHALT IST NICHT FÜR JEDE LEBENSLAGE DAS RICHTIGE. DIE STILLE KANN AUCH EINSAM MACHEN.

Das im 16. Jahrhundert verwüstete Kloster Helfta wurde 1998 wieder aufgebaut. Foto: Ulrich Schrader, Kloster Helfta

 

Viele Gäste kommen mittlerweile regelmäßig auf die Huysburg. „Die einen möchten ihren Glauben vertiefen, die anderen merken einfach, dass es ihnen guttut.“ Mittlerweile verzeichne das Kloster rund 9.500 Übernachtungen im Jahr. Die Nachfrage sei in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen. Ob man bei Auszeiten im Kloster von einem Trend reden könne? „Dann einer, der seit 1.500 Jahren anhält“, sagt Bruder Jakobus und schmunzelt. „Für Benedikt war es ein wichtiges Anliegen, gastfreundlich zu sein, er sah Gastfreundschaft als Teil des Glaubens.“

Text: Katharina Müller-Güldemeister

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