An der Tür ein Schild: „Bühnenmaschinerie – Lebensgefahr“. Wir betreten einen stockdunklen Raum, der auch nicht viel heller wird, als Hendrik Brüggemann das Licht, besser gesagt einige trübe Funzeln, einschaltet. Polternde Schritte sind zu hören und laute Stimmen. Direkt über uns ist die Bühne, wir hören jedes Wort der Schauspieler laut und deutlich. Für uns gilt umgekehrt: wenn überhaupt sprechen, dann nur in Flüsterlautstärke, denn die Akteure auf der Bühne wären wohl irritiert, wenn aus dem Off Stimmen zu hören wären. Wir sind in der Untermaschinerie.

Der Raum besteht aus zwei Etagen, in der oberen befindet sich das Bedienfeld für die Bühnenmaschinerie, ein abgeteilter kleiner Raum beherbergt die Server der Kommunikationsanlage für das „Kleine Haus“. Eine enge Metallleiter führt in die untere Ebene und wir stehen vor der in Ehren ergrauten Technik, die die Bühne oder Teile davon hebt, senkt und dreht. Große Elektromotoren und gewaltige Zahnstangen sind im Halbdunkel zu erkennen.

„Wir brauchen die Technik für dieses Stück nicht, deswegen können wir uns gefahrlos hier aufhalten“, sagt Stefan Reitz, der Maschinist, der in der Regel die Anlage bedient. Dass „Lebensgefahr“ im Zusammenhang mit Bühnenmaschinerie keine Übertreibung ist, musste das Staatstheater im Jahr 2016 schmerzlich erfahren. Während einer Opernvorstellung geriet ein Mitarbeiter in die Maschinerie der sich drehenden Bühne und wurde lebensgefährlich verletzt.

Der Bühnenmeister in seinem Büro. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag

„Seitdem hat sich die Sicherheitskultur in unserem Theater erheblich verändert“, sagt der Bühnenmeister Hendrik Brüggemann, „der Unfall hat uns eindeutig gezeigt, wie gefährlich der Arbeitsplatz Theater sein kann.“ Nicht zuletzt die Theaterleitung widmet dem Arbeitsschutz deutlich mehr Aufmerksamkeit.

DIE INSPIZIENTIN KOORDINIERT DEN GESAMTEN ABLAUF DER VORSTELLUNG

Im Kleinen Haus des Staatstheaters Karlsruhe läuft gerade ein Kindermusical nach Motiven aus „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch. Es ist eine laute Vorstellung mit viel Musik, die vielen Kin- der im Publikum sind begeistert, für Erwachsene, nun ja. Neben der Bühne, nicht sichtbar vom Zuschauerraum aus steht eine Frau an einem Pult, das mit Bildschirmen und Tasten bestückt ist. Das ist der Arbeitsplatz der Inspizientin. Sie koordiniert den kompletten künstlerischen und technischen Ablauf der Vorstellung und muss daher die Inszenierung gut kennen. Bereits während der Proben hat sie ein Inspizientenbuch erarbeitet, in dem alle Regieanweisungen, alle Einsätze der Bühnentechnik, die Beleuchtung und der Ton für jede Szene genau festgelegt sind. Mittels Handzeichen, mündlicher Anweisungen und Lichtzeichen kommuniziert sie während der Aufführung mit den beteiligten Gewerken.

Bühnenaufbau: Dekorationselemente werden fest mit dem Boden verschraubt. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag

Zwei Stunden vorher: Die Bühnenarbeiter schleppen allerlei Dekorationsteile für das Bühnenbild, von aufklappbaren Häuschen aus Holz und Metall bis hin zu Plastikpflanzen, aus dem Fundus herbei, der in einer großen Halle neben der Bühne und dem Zuschauerraum gelagert wird. Alles wird fest untereinander und mit dem Bühnenboden verschraubt, damit während der Vorstellung nichts umfällt oder verrutscht. Der Boden ist übersät mit kleinen Löchern von den Schrauben. „Irgendwann werden wir ihn austauschen müssen, bevor er nur noch aus Löchern besteht“, sagt Brüggemann lachend. Er ist als Bühnenmeister des Kleinen Hauses für alles verantwortlich, was mit Technik und Gegenständen auf, unter und über der Bühne zu tun hat. Und nicht zuletzt verantwortet er den Arbeitsschutz im Kleinen Haus. Nach einer Ausbildung zum technischen Assistenten für Metallografie und Werkstoffkunde studierte er in Berlin Theater- und Veranstaltungstechnik und ist seitdem dem Arbeitsort Theater verbunden.

Während der Aufbauarbeiten ist die Bühne, die rund einen halben Meter über den Boden des Kleinen Hauses ragt, mit einem rot-weißen Absperrband zum Zuschauerraum hin gesichert. Eine typische Arbeitsschutzmaßnahme zur Absturzsicherung. Das Ensemble, das das Stück in rund einer Stunde aufführen wird, spielt das auch hinter einem Absperrband? „Natürlich nicht“, sagt Brüggemann und grinst. „Aber das ist einer der üblichen Kompromisse, die wir im Theater im Arbeitsschutz eingehen müssen.“ Nachdem alles aufgebaut ist, kleben Bühnenarbeiter an die Kanten der Bühne weiße Streifen, die den Schauspielern Orientierung bieten. Die Atmosphäre im Team des Kleinen Hauses ist familiär und freundlich, die Männer lachen viel.

Bühnenaufbau: Auch die Nebelmaschine wird geprüft. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag

VOR ZWEI JAHREN HAT SICH EIN SCHAUSPIELER SCHWER VERLETZT, ALS ER WÄHREND EINER PROBE EINEN TREPPENSTURZ SPIELEN SOLLTE.

„Regisseure machen sich oft wenig Gedanken über die Sicherheit der Schauspieler, sie sind sich der Gefahren und der Konsequenzen nicht bewusst, wenn sie ein Stück erarbeiten“, meint Brüggemann. Vor zwei Jahren habe sich ein Schauspieler schwer verletzt, als er während einer Probe einen Treppensturz spielen sollte. „Wenn wir so was sehen, reden wir natürlich mit dem Regisseur, damit wir gemeinsam eine Lösung finden.“ Die Rechtslage ist hier verzwickt. Nach den Regelungen der gesetzlichen Unfallversicherung bedarf es für jede riskante szenische Darstellung einer eigenen Gefährdungsbeurteilung. Dazu zählen beispielsweise Darstellungen mit zerbrechendem Glas, Kampfszenen oder die bereits genannten Treppenstürze. Weiter sieht die Regel vor, dass solche Szenen nur von Spezialisten gespielt werden dürfen, beispielsweise einem Schauspieler mit Stuntausbildung. Wenn die Gefährdung auch durch Arbeitsschutzmaßnahmen wie rutschhemmende Schuhe, eng anliegende Kleidung oder umfangreiche Proben nicht ausreichend minimiert werden kann, darf die Szene so nicht gespielt werden.

Optische Absturzsicherung: Das weiße Band signalisiert den Schauspielern das Ende der Bühne. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag

DAS THEATER MACHT FAST ALLES SELBST.

Das Badische Staatstheater ist ein eigener Kosmos. Verschlungene, lange Gänge durchziehen den Untergrund des Gebäudes, Büros, Werkstätten und Lagerräume sind hier untergebracht. Immer wieder finden wir neue Seitengänge und Treppen. Nahezu unmöglich, sich hier ohne Führung nicht zu verirren. Das Zentrum des Theaters sind die Spielstätten, das Große Haus mit rund 1.000 Besucherplätzen, das Kleine Haus mit rund 330 sowie das Studio mit 130. „Die Probe im Großen Haus beginnt in 15 Minuten“, tönt es aus einem Lautsprecher in Brüggemanns kleinem Büro. Wie fast alle Räumlichkeiten im Theater ist es an das hauseigene Kommunikationssystem angeschlossen. Die vielen Beteiligten an einer Vorstellung wissen so, wann und wo sie gebraucht werden.

Das Theater ist ein Mehrspartenhaus, wie die meisten deutschen Stadt- und Staatstheater. Sparte bedeutet im Theaterjargon, dass es für jede davon ein komplett eigenständiges Ensemble gibt. Auf den Karlsruher Bühnen finden Schauspiel, Ballett, Oper und Konzert statt, seit 2011 hat man mit dem „Jungen Staatstheater“ und dem „Volkstheater“ zwei weitere Sparten gegründet.

Die Vorstellung ist zu Ende. Nach dem Schlussapplaus leert sich der Zuschauerraum zügig, die Schauspieler sind bereits in ihre Garderoben verschwunden. Jetzt muss es schnell gehen. Das Bühnenbild von „Max und Moritz“ muss komplett abgebaut werden, damit der Aufbau für das nächste Stück am Abend termingerecht fertig wird. Der Blick von hoch oben, aus der sogenannten Arbeitsgalerie, zeigt, wie planvoll, zügig und präzise das Zusammenspiel der Bühnenarbeiter funktioniert. Sie bilden genau wie die Schauspieler ein Ensemble, nur mit anderen Aufgaben und ohne Zuschauer.

Die Vorstellung steht kurz bevor, die Deko wird platziert. Foto: Andreas Arnold/Universum Verlag

DAS BÜHNENBILD MUSS SCHNELL VERSCHWINDEN. PLATZ FÜR DAS NÄCHSTE STÜCK.

Die Arbeitsgalerie ist durch die vielen Scheinwerfer, die dort hängen, ein sehr warmer Ort. Zusätzlich befindet sich hier die sogenannte Obermaschinerie, zu dieser gehören viele Zugeinrichtungen für Vorhänge und Teile des Bühnenbilds. Der „Schnürmeister“ hat dafür einen rechnergestützten Bedienstand.

Grafik: LIEBCHEN + LIEBCHEN/Universum Verlag

 

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