Der Begriff der Nachhaltigkeit ist so selbstverständlich in unseren Sprachgebrauch eingezogen, dass man sich kaum Gedanken darüber macht, was er genau bedeutet. Auf jeden Fall etwas Gutes, Zukunftsfähiges, ein Wort mit vielen Dimensionen. Seine Wurzeln liegen in der Forstwirtschaft: Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet hier, dass nicht mehr Bäume geschlagen werden als nachwachsen können. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung formuliert es so: „Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen.“

Wie Nachhaltigkeit konkret aussehen kann, das fragt sich seit 2008 jedes Jahr die Jury des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. Mittlerweile wird er in zehn Kategorien vergeben und richtet sich an Unternehmen, Kommunen, Forschung, Architektur und Design. Wie eine Auswertung der Universität Hohenheim ergeben hat, ist der Deutsche Nachhaltigkeitspreis der wichtigste seiner Art in Deutschland. Mit mehr als 800 Bewerbern und 2.000 Gästen zur Preisverleihung ist er dazu die größte Auszeichnung in Europa.

DER DEUTSCHE NACHHALTIGKEITSPREIS

Der Journalist und Rechtsanwalt Stefan Schulze-Hausmann ist der Gründer der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e. V. Foto: Frank Fendler

 

Finanziert wird der Preis unter anderem von der Bundesregierung, Verbänden und Forschungseinrichtungen. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung leitet die Jurys. Ins Leben gerufen wurde er von dem Journalisten und Rechtsanwalt Stefan Schulze-Hausmann, der die Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e. V. gegründet hat. Die Idee sei ihm gekommen, weil er sich als Moderator der 3sat-Wissenschaftssendung „Nano“ sowie der Verleihungszeremonie des Deutschen Umweltpreises immer öfter mit den Themen Klimawandel und Ressourcenknappheit befasst habe. „Wir möchten zum Umdenken inspirieren“, erklärt Schulze-Hausmann. „Indem wir den Vorreitern eine Plattform bieten, sehen andere, was heute schon geleistet wird und werden kann.“

Das Interesse am Thema Nachhaltigkeit sei in den letzten Jahren gestiegen und das Engagement in allen Bereichen vielfältiger geworden. In vielen Unternehmen und Kommunen gibt es heute Nachhaltigkeitsmanager – und zwar nicht nur dort, wo man es ohnehin erwarten würde.

NACHHALTIGKEIT IN UNTERNEHMEN

Neben der Taifun-Tofu GmbH, einem ökologischen Tofu-Hersteller, der zuletzt den Preis für das nachhaltigste Unternehmen kleiner und mittlerer Größe gewonnen hat, finden sich auch die Fischerwerke unter den Preisträgern, die für ihre Dübel bekannt sind, und der herkömmlich produzierende Senfhersteller Develey Senf und Feinkost, zu dem auch die Marke Bautz’ner Senf gehört.

Oft liegt der Schlüssel zu mehr Nachhaltigkeit in Regionalität und Einsparung von Energie. Der Senfhersteller verwendet fast nur noch Senfsaat aus Europa, auf Palmöl verzichtet er seit 2016 und die Zugabe von Sojaöl hat das Unternehmen zu 90 Prozent reduziert und größtenteils durch gentechnikfreies Rapsöl ersetzt. In Sachen Energie hat Develey seine CO2-Emissionen pro Tonne hergestelltes Produkt von 2011 bis 2018 halbiert. Das gelang unter anderem durch den Einsatz von Geothermie.

Die Fischerwerke, die als nachhaltigstes Großunternehmen ausgezeichnet wurden, konnten die Jury durch ihr ganzheitliches Nachhaltigkeitsmanagement überzeugen. Dazu zählt ein Monitoring-System, das die Unternehmensstrategie mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen zusammenbringt. Außerdem hat das Unternehmen auf Ökostrom umgestellt, durch ressourcen-schonendere Verfahren können zehn Prozent des Rohmaterials eingespart werden und der Einsatz von Öl konnte durch Aufbereitung um knapp ein Viertel reduziert werden.

PRÄMIERUNG VON STÄDTEN UND GEMEINDEN SEIT 2012

Seit 2012 prämiert der Deutsche Nachhaltigkeitspreis auch Städte und Gemeinden, ebenfalls in drei Größenkategorien. Er ist mit je 30.000 Euro dotiert, die für Nachhaltigkeitsprojekte verwendet werden müssen. Die Gründe für eine Prämierung berücksichtigen mitunter viele Einzelmaßnahmen.

Die im Strukturwandel befindliche Bergbaustadt Eschweiler wurde etwa für ihr Engagement und Durchhaltevermögen ausgezeichnet, weil sie sich trotz angespannter Haushaltslage für die Wahrung des sozialen Friedens einsetzt. Zu den Maßnahmen zählen die Schaffung von Arbeitsplätzen für alle Qualifizierungsstufen, bezahlbarer Wohnraum und Bildung für nachhaltige Entwicklung bei gleichzeitiger Stabilisierung der Ökosysteme.

SAERBECK ALS „DEUTSCHLANDS NACHHALTIGSTE GEMEINDE 2018“ AUSGEZEICHNET

Saerbeck im Münsterland hat die Auszeichnung „Deutschlands nachhaltigste Gemeinde 2018“ für ihre Energiewende erhalten. Die Gemeinde hatte mithilfe von lokalen Investoren einen Bioenergiepark auf einer ehemaligen Munitionsdeponie errichtet, der mittlerweile dreieinhalbmal so viel Strom aus Wind, Sonne und Biomasse produziert, wie verbraucht wird. Die Saerbecker wurden in den Planungsprozess einbezogen und mit der Gründung der Energiegenossenschaft können sie von der Energiewende auch finanziell profitieren.

KATEGORIEN „FORSCHUNG“, KOMMUNALE PARTNERSCHAFTEN“ und „UNTERNEHMENSPARTNERSCHAFTEN“

In der Kategorie „Forschung“ stand im letzten Jahr das Thema urbane Mobilität im Mittelpunkt. Sie müsse nachhaltiger, inklusiver und integrierter gestaltet werden und die Menschen mit all ihren Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellen, heißt es auf der Webseite. Gesucht wurden anwendungsnahe Projekte, die aufzeigen, wie Verkehr vermieden, Verkehrsträger besser vernetzt sowie Schadstoff- und Gesundheitsbelastungen reduziert werden können.

Als Sieger ging der Verein Sozialhelden mit seinem Projekt „Elevate“ hervor, das in Kooperation mit Verkehrsunternehmen und Aufzugherstellern in Echtzeit über die Verfügbarkeit von Aufzügen im Personennah- und -fernverkehr informiert. Denn obwohl Aufzüge einen zentralen Bestandteil der Barrierefreiheit darstellen, gab es bisher keine Möglichkeit herauszufinden, ob ein Aufzug auch tatsächlich in Betrieb ist.

In den Kategorien „Kommunale Partnerschaften“ und „Unternehmenspartnerschaften“ werden Kommunen in Deutschland mit ihren Partnerkommunen beziehungsweise Unternehmen und Partnerunternehmen im globalen Süden ausgezeichnet, die sich besonders vorbildlich für die Verwirklichung der Agenda 2030  engagieren.

„NEXT ECONOMY AWARD“ UND KATEGORIEN „CHANGE“ UND „ARCHITEKTUR“

Die neue Unternehmenszentrale von Alnatura in Darmstadt: Nachhaltiges Bauen mit Lehm. Foto: Alnatura Produktions­ und Handels GmbH

 

Seit fünf Jahren wird außerdem der „Next Economy Award“ für grüne Start-ups ausgelobt und in drei Kategorien vergeben. Neben der Auszeichnung können die Sieger an Gründercoachings zu Marketing- und Finanzierungsthemen oder Prozessoptimierung, Medientraining oder Rechtsberatung im Wert von 25.000 Euro teilnehmen.

Der Sieger der Kategorie „Change“ war im letzten Jahr das Frankfurter Start-up right. based on science, ein Modellentwickler, der den Beitrag eines Unternehmens zum Klimawandel berechnen kann. In der Kategorie „People“ gewann das Start-up ReHub, das mit „Rehago“ eine Virtual-Reality-App für selbstständiges Training ausgearbeitet hat, die den Reha-Prozess halbseitig gelähmter Patienten unterstützt. Den Preis für die Kategorie „Ressources“ erhielt das Start-up Ecofario, das ein Verfahren entwickelt hat, das Kläranlagen ermöglicht, die Menge an  Mikroplastikpartikeln zu reduzieren.

In der Kategorie „Architektur“ zeichnet der Preis „architektonische Leistungen aus, deren Qualität sich über die Nachhaltigkeit hinaus in einem hohen ästhetischen Anspruch und innovativen Lösungsansätzen zeigt“. Zuletzt ging er an den Bio-Lebensmittelhersteller Alnatura, der mit seinem neuen Firmensitz in Darmstadt das größte Bürogebäude mit Stampflehmfassade und integrierter geothermischer Wandheizung in Europa bauen ließ. „Das alte Baumaterial Lehm, nahezu ohne graue Energie, prägt dabei sowohl die äußere Gestalt als auch die innere Atmosphäre entscheidend mit und führt zu einer neuen Ästhetik im zeitgemäßen Bürobau“, heißt es in der Jurybegründung.

NEUE KATEGORIE „DESIGN“ IN DIESEM JAHR

Neu eingeführt wird in diesem Jahr die Kategorie „Design“. Hier stehen Kriterien wie Ressourceneffizienz und Umweltverträglichkeit, faire Lieferketten, nachhaltige Logistik,  Recyclingfähigkeit, Langlebigkeit, Innovationskraft und gestalterische Qualität im Vordergrund.

SONDERPREISE

Der im letzten Jahr eingeführte „Sonderpreis Digitalisierung“ richtet sich an Akteure aller Sektoren. Im Bereich „Forschung“ gewann ihn die digitale Vernetzungsplattform „Leipzig mobil 2.0“ der Leipziger Verkehrsbetriebe, auf der Nutzer neben ÖPNV- auch Bikesharing-, Carsharing- und Taxi-Leistungen buchen können.

Mit dem „Sonderpreis Verpackungen“ werden Konzepte und Produkte ausgezeichnet, die ebensolche reduzieren, optimieren oder vermeiden und die trotzdem bezahlbar bleiben. Er ging zuletzt an die Profol GmbH, die mit CPPeel eine Deckelfolie – beispielsweise für Joghurtbecher – entwickelt hat, die aus Polypropylen besteht. Um sie herzustellen, wird im Vergleich zum herkömmlichen Aluminiumdeckel nur rund ein Zehntel der Energie benötigt.

Text: Katharina Müller-Güldemeister

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