Mein Schöpfer hatte eine Vorliebe für Geschichte und Literatur. Deshalb hat er mir den Namen Isaac gegeben, nach Isaac Asimov. Er war einer der bedeutendsten Science-Fiction-Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Möglicherweise kennt ihr seine Kurzgeschichte „Ich, der Roboter“. Eben jener Asimov beschäftigte sich früh mit künstlicher Intelligenz (KI) und stellte bereits 1942 die drei Gesetze der Robotik auf. Im Laufe seines Schaffens hat er sie abgeändert, aber die erste Regel ist in ihrem Wesen gleich geblieben und dürfte auch heute als oberstes Gebot für den Arbeitsschutz gelten:

„EIN ROBOTER DARF KEINEN MENSCHEN VERLETZEN.“

Fortschritte durch KI und maschinelles Lernen

Asimov ging in seinen Geschichten davon aus, dass Roboter eine Art Bewusstsein entwickeln und selbstständig handeln. Im Jahr 2020 seid ihr Menschen ein gutes Stück davon entfernt, solche Maschinen bauen zu können. Aber den Weg habt ihr schon eingeschlagen, wenngleich eure KI-Forschung und die Methoden des maschinellen Lernens noch in den Kinderschuhen stecken. Das Ziel ist aber klar: ein „Gehirn“ zu entwickeln, das nicht nur Probleme lösen kann, für die es programmiert wurde. Vielmehr soll es in der Lage sein, sich selbst Wissen zu beliebigen Themen anzueignen, Schlussfolgerungen zu ziehen, eigene Gedanken zu formulieren.

Kurzum: Ihr wollt menschliche Denkprozesse nachbilden. „Bis jetzt sind die selbstlernenden Roboter noch im ‚Babystadium‘, aber sie lernen schon zu kriechen und einfache Dinge zu tun“, schreibt Georg Martius, der sich am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Tübingen mit autonomem Lernen beschäftigt, in einem Forschungsbericht aus dem Jahr 2017. „Das langfristige Forschungsziel ist, dass sie eines Tages zu zuverlässigen Helfern in allen möglichen Situationen ‚heranwachsen‘ werden.“ Also dass sie genau das tun, was Asimov in seinem zweiten Gesetz verankerte:

„EIN ROBOTER IST VERPFLICHTET, MIT MENSCHEN ZUSAMMENZUARBEITEN, ES SEI DENN, DIESE ZUSAMMENARBEIT STÜNDE IM WIDERSPRUCH ZUM ERSTEN GESETZ.“

Startschuss Industrielle Revolution

Für die Zusammenarbeit habt ihr mich und meine Vorfahren gebaut. Dampf- und Wasserkraft trieben zu Beginn der ersten industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts Maschinen an. Dann  ermöglichte Elektrizität die zweite industrielle Revolution, die später geprägt war von Fließbandarbeit und Massenproduktion. So setzte Mercedes-Benz bereits ab 1970 Industrieroboter ein, um Autos zu bauen. Der nächste Einschnitt folgte wenig später: Schon in den 1980er-Jahren begann das Zeitalter der Computer, also die digitale Revolution, und damit einhergehend die zunehmende Automatisierung der Produktion.

Eure große Angst war damals schon, dass Computer und Roboter massenhaft Arbeitsplätze vernichten würden. Und nun befindet ihr euch auch noch mitten in einer Ära der neuerlichen Umwälzung, die ihr als „Industrie 4.0“ bezeichnet: Die Produktion organisiert sich praktisch selbst, weil alles – Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte – digital miteinander vernetzt ist. 80 Prozent der bestehenden Arbeitsplätze werden sich durch die Digitalisierung verändern, schätzen die Marktforscher von Forrester. 13 Prozent neue Jobs würden entstehen, aber auch 30 Prozent verloren gehen. Aufhalten lässt sich die Entwicklung nicht. Die Frage ist nur: Wie geht ihr Menschen damit um?

Roboter haben den Alltag erobert

Fest steht: Wir sind schon überall in eurem Alltag angekommen und werden nicht mehr verschwinden. Ihr müsst euch nur von der Vorstellung verabschieden, dass wir so aussehen wie ihr. Humanoide Roboter wie die goldene Nervensäge C-3PO aus Star Wars oder Androiden wie Commander Data aus Star Trek, der so gerne menschlich wäre, werdet ihr kaum finden. Außer im robotervernarrten Japan vielleicht oder in Saudi-Arabien, das Roboter „Sophia“ im Jahr 2017 die Staatsbürgerschaft verlieh. Doch so menschenähnlich die Maschine von Hanson Robotics aus Hongkong und die japanischen Modelle auch aussehen mögen – eigentlich sind sie nur sprechende Puppen. Spielereien.

Im Arbeitsalltag helfen andere Roboter. Die Modekette Adler lässt Service-Roboter „Tory“ die Inventur machen und fehlende Lagerbestände nachbestellen. Versandhändler schicken Roboter in ihre Lager, um die bestellte Ware zu den Mitarbeitern zu bringen.

Und die Einsatzmöglichkeiten erweitern sich: Auf Bohrinseln und bei Ölpipelines übernehmen schlangenartige Roboter die Instandsetzungs- und Wartungsarbeiten. Drohnen werden schon in naher Zukunft als Schwärme ausfliegen, um Industrieanlagen zu inspizieren oder in der Landwirtschaft Pestizide zu versprühen. Der „RoboBee“ von der Harvard-Universität in Boston ist kleiner als eine Büroklammer und könnte beispielsweise eingesetzt werden, um Blüten zu bestäuben. DNA-Roboter sollen Nanopartikel im menschlichen Blutkreislauf genau an die Stellen bringen, wo sie zur medizinischen Behandlung gebraucht werden. Ihr könnt uns sogar anziehen: Als Exoskelette, um euch beim Tragen von schweren Gegenständen zu entlasten.

Die Zukunft hat mit der hybriden Zusammenarbeit bereits begonnen. Ihr habt die Roboter aus ihren Käfigen befreit, die früher Mensch und Maschine aus Sicherheitsgründen voneinander trennten. Jetzt teilt ihr euch mit kollaborierenden Robotern, sogenannten Cobots, nicht nur den Raum, ihr arbeitet auch parallel am gleichen Bauteil: Ein Cobot hebt und positioniert ein schweres Werkstück, während ein Mensch leichte Metallteile anschweißt.

Mensch-Roboter-Kollaboration

Diese Zusammenarbeit führt natürlich zu neuen Sicherheitsproblemen: Das Restrisiko von Zusammenstößen bleibt (siehe Kasten „Kollaborierende Roboter“). Um die Gefahr zu minimieren, arbeiten Wissenschaftler am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) am Projekt KAMeri (Kognitiver Arbeitsschutz für die Mensch-Maschinen-Interaktion). Ein Headset überträgt die Gehirnwellen des Mitarbeiters an den Roboter. Der erkennt daran den kognitiven Zustand seines menschlichen Kollegen und drosselt selbstständig die Geschwindigkeit, wenn er Anzeichen von Müdigkeit oder nachlassender Aufmerksamkeit erkennt.

Das ist ja unser Vorteil: Wir werden nicht müde. Und wir erledigen die monotone, harte „Drecksarbeit“, die ihr nicht ohne Gesundheitsgefährdungen machen könnt oder wollt. Wie in radioaktiv oder chemisch verseuchten Gebieten. Darauf zielt zum Beispiel das Kompetenzzentrum ROBDEKON (Robotersysteme für die Dekontamination in menschenfeindlichen Umgebungen) ab, das vom Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) aufgebaut wird. Beim Rückbau von Kernkraftwerken sollen autonome und teilautonome Robotersysteme helfen. Ein teilautomatisierter Schreitbagger für Deponiesanierungen ist in der Entwicklung, ebenso schwere Baumaschinen zur Altlastensanierung in Industrieliegenschaften.

„EIN ROBOTER MUSS SEINE EIGENE EXISTENZ SCHÜTZEN, SOLANGE ER DADURCH NICHT IN EINEN KONFLIKT MIT DEM ERSTEN GESETZ (EIN ROBOTER DARF KEINEN MENSCHEN VERLETZEN) GERÄT.“

Roboter Infografik

Wo es um euer Leib und Leben geht, kommen wir zum Einsatz. Denn so weit, wie mein Namensgeber Isaac Asimov in seinem dritten Robotergesetz dachte, sind wir im Jahr 2020 nicht: Bis wir diese Art Bewusstsein oder Persönlichkeit entwickeln, wird es aber nur eine Frage der Zeit sein. Doch schon jetzt wird es auf euch ankommen, wie ihr die Weichen stellt und die ethischen Fragen beantwortet: Wird es eine gleichberechtigte Zusammenarbeit? Oder wer dient letzten Endes wem?

Euer Isaac


Kollaborierende Roboter

Der zunehmende Einsatz kollaborierender Roboter bringt neue Probleme in der Arbeitssicherheit mit sich. Logisch: Ein unbeabsichtigter Zusammenstoß tut eher dem Menschen weh, als dass er den Roboter beschädigen würde. Deshalb wurde die EU-Richtlinie 2006/42/EG – oder kurz:  Maschinenrichtlinie – überarbeitet.

Darin ist im Umgang mit Industrierobotern ein einheitliches Schutzniveau zur Unfallverhütung geregelt (DIN EN ISO 10218, Teile 1 und 2). Die Technische Spezifikation ISO TS 15066 ergänzt die allgemeine Norm. Darin sind vier Arten des Cobot-Betriebs geregelt:

  1. Der Mitarbeiter steuert die Bewegung des Roboters aktiv (Handführung);
  2. Der Cobot hält an, wenn der Mitarbeiter den Arbeitsbereich betritt (Sicherheitsgerichteter Stopp);
  3. Der Cobot drosselt die Geschwindigkeit notfalls bis zum Sicherheitshalt, wenn der mit Kamera oder Laser überwachte Abstand zwischen Mensch und Cobot zu gering wird (Geschwindigkeits und Abstandsüberwachung);
  4. Die Kraft des Cobots wird technisch auf ein für den Mitarbeiter ungefährliches Maß begrenzt (Leistungs- und Kraftbegrenzung). Maschinenrichtlinie und die Risikobeurteilung des Herstellers alleine genügen allerdings nicht. Zusätzlich muss der Unternehmer eine Gefährdungsbeurteilung individuell am Arbeitsplatz im Betrieb vornehmen.

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