Es gab viele Anlässe, bei denen – wie selbstverständlich – viel getrunken wurde. „Es wurde immer mehr und immer mehr“, sagt er. Nicht weil er Probleme hatte – privat lief es gut, sein Büro mit einem Dutzend Mitarbeitern war gefragt und im Verein war er anerkannt und beliebt. Er trank aus Geselligkeit, der Lust am Rausch und weil es ihm gut schmeckte. „Ich war der Meinung, dass ich ein Edeltrinker bin“, sagt Geiger, dessen Charisma schon durchs Telefon spürbar wird, heute mit über 70 Jahren. Selbst als er morgens, mittags, abends und nachts zur Flasche griff und über den Tag hinweg anderthalb Liter Rum und zwei Flaschen Wein leerte, sah er das nicht als Problem an. Dass er sich jeden Morgen übergeben musste, führte er auf ein Magengeschwür zurück. „Meine Leistung hat nie gelitten, ich war immer voll in Funktion.“

Studien lassen vermuten, dass es meistens anders ist. Laut dem Stanford Research Institute (1975) sind Berufstätige mit problematischem Alkoholkonsum dreimal häufiger krankgeschrieben, haben 3,5-mal öfter Arbeitsunfälle und sind etwa 25 Prozent weniger leistungsfähig. Das Institut schätzte außerdem, dass etwa fünf Prozent der Arbeitnehmer und bis zu zehn Prozent der Führungskräfte alkoholabhängig sind.

Alkoholiker sind dreimal häufiger krankgemeldet

In den Jahren zwischen der Studie und heute ist der Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alkohol deutlich gesunken. In Deutschland hat er sich von 15,1 Liter im Jahr 1980 auf 10,6 Liter im Jahr 2016 um  knapp ein Drittel verringert. Trotzdem ist Alkohol das Suchtmittel Nummer eins geblieben. Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sind in Deutschland 3,4 Prozent der 18- bis 64-Jährigen (1,77 Millionen) alkoholabhängig, bei rund 3,1 Prozent (1,61 Millionen) spricht das DHS von missbräuchlichem Alkoholkonsum und rund 15 Prozent (8 Millionen) würden Alkohol in immer noch riskanten Mengen trinken.

Suchtprävention
Viele Suchtkranke können jahrelang ihre Sucht verbergen. Foto: Jag_cz/shutterstock

 

Als Grenzwerte für risikoarmen Konsum nennt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bei Frauen ein Standardglas Alkohol am Tag und für Männer die doppelte Menge. Ein Standardglas Alkohol enthält zwischen 10 und 12 Gramm reinen Alkohol. So viel sind zum Beispiel in 0,3 Liter Bier, einem Achtelliter Wein, einem Glas Sekt oder einem doppelten Schnaps enthalten. Außerdem empfiehlt die Bundeszentrale, an mindestens zwei Tagen pro Woche auf Alkohol verzichten, um eine Gewöhnung zu vermeiden. Laut DHS verursacht übermäßiger Alkoholkonsum weitaus größere Probleme als Drogen- und Medikamentenmissbrauch, Tabakkonsum und Spielsucht. Für viele Berufstätige sei Alkohol ein Mittel, um sich zu entspannen und sich für ihre Leistungen zu belohnen. Grund für den mit großem Abstand häufigeren Konsum sei, dass Alkohol gesellschaftlich sehr akzeptiert und leicht verfügbar ist. Die Gefahren würden dadurch oft unterschätzt und erst dann als Problem wahrgenommen, wenn die Grenze zu Missbrauch und Abhängigkeit überschritten ist.

So war es auch bei Albrecht Geiger: Da er scheinbar keine Probleme durch seinen Alkoholkonsum hatte, sah er keinen Grund, etwas zu ändern. Er trank, ging ins Büro, und wenn er mehrere Stunden zu einer Baustelle fuhr, hielt er bei Fernfahrerkneipen an und tankte nach. Seine Trinkgewohnheiten sah er als Laster an, von dem keiner so genau wissen musste. Obwohl er das Ausmaß versteckte, wird sich der eine oder andere seinen Teil gedacht haben, vermutet er. Darauf angesprochen habe ihn niemand. „Hat sich wohl keiner getraut. Nur ein Auftraggeber sagte einmal: Letzte Nacht war sicher anstrengend in der Diskothek.“

Eines Tages allerdings kam seine Sekretärin ins Zimmer, als er gerade die Flasche am Mund hatte. „Ich habe zu ihr gesagt: Entweder du besorgst mir meinen Bacardi oder du fliegst raus“, erzählt Geiger. Nach ein paar Tagen habe sie eingewilligt. „Es war mir unangenehm, dass sie es wusste, gleichzeitig hatte ich ein Problem weniger.“ Er musste den Alkohol nicht mehr selbst besorgen.

Elisabeth Wienemann, die als Autorin für die DHS arbeitet und Unternehmen bei der  Suchtprävention berät, empfiehlt Mitarbeitern, die Alkoholprobleme am Arbeitsplatz beobachten, sich an die nächsthöhere Führungskraft zu wenden. Wenn das Verhalten gegen arbeitsvertragliche bzw. dienstrechtliche Pflichten verstößt oder diese vernachlässigt werden, sollte die Führungskraft nicht zögern, den Betroffenen darauf anzusprechen. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass sich die Probleme verfestigten und sich bis zu einer chronischen Erkrankung entwickelten. Keinesfalls sollte problematischer Konsum gedeckt und die Auswirkungen durch andere ausgeglichen werden.

Betrieb und Kollegen leiden unter Suchtkonsum

Suchtpävention
Grafik: LIEBCHEN + LIEBCEN

Nicht nur, weil das Unternehmen wirtschaftlich darunter leide, sondern auch, weil das Kollegium belastet werde und sich das Risiko für Gefährdungen und Langzeitschäden erhöhe. Interventionskonzepte wie in der Broschüre „Alkohol am Arbeitsplatz. Eine Praxishilfe für Führungskräfte“ von der DHS zeigen auf, wie das heikle Thema angemessen angegangen werden kann. Dabei geht es zunächst darum, die wahrgenommenen Probleme anzusprechen, aber auch Klarheit zu erlangen und dem Betroffenen Unterstützung anzubieten.

Falls es danach zu weiteren Auffälligkeiten im Zusammenhang mit Suchtmitteln kommt, sieht das Konzept vor, mit dem Stufenverfahren zu beginnen: einer Intervention mit einer Abfolge von bis zu fünf Gesprächen.

Das erste Stufengespräch ist eine niedrigschwellige, aber wichtige Intervention, von dem die Personalabteilung nichts erfahren muss. „Es ist ein Hilfsangebot und soll dem Mitarbeiter die Chance bieten, selbst umzusteuern“, sagt Wienemann. Falls es wieder zur Vernachlässigung von Pflichten oder zu Störungen kommt, soll in den Stufen 2 bis 4 mit zunehmendem Nachdruck empfohlen werden, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Im fünften Gespräch soll letztmalig Unterstützung angeboten werden. Wenn sich der Betroffene weigert, eine Therapie zu machen, sieht der Stufenplan die Umsetzung von Sanktionen bis hin zur Kündigung vor. „Wenn früh reagiert wird, kommt es aber nur selten so weit“, sagt Wienemann.

Statt dem Stufenverfahren zu folgen, sei es in vielen Unternehmen allerdings noch gängig, Beschäftigten mit Alkoholproblemen einen Auflösungsvertrag anzubieten – oft mit der Aussicht auf ein gutes Zeugnis und einer Abfindung. „Dabei ist ein Auflösungsvertrag kein Geschenk an die Betroffenen, sondern eine bequeme und unauffällige Abwicklung für die Personalabteilung“, sagt Wienemann. Für die Betroffenen sei es ein Fahrschein in die Arbeitslosigkeit: Einmal draußen, fänden viele keinen Job mehr und stünden mit ihrem Suchtproblem allein da. Wenn es aber nun kein Mitarbeiter ist, der trinkt, sondern ein Abteilungsleiter oder oberster Chef, empfiehlt Wienemann, sich an den Betriebsrat oder eine andere Interessenvertretung zu wenden. Wenn es nichts davon gibt, weil das Unternehmen zu klein ist, sei der betriebsärztliche Dienst oder die Sicherheitsfachkraft der nächste Ansprechpartner. Wenn die nicht tätig werden, könne man auch zur Gewerbeaufsicht gehen oder sich Hilfe in einer regionalen Beratungsstelle oder einem Arbeitskreis holen.

Auflösungsvertrag statt Studenverfahren

Im Fall von Albrecht Geiger und seiner Sekretärin lief es eine ganze Weile so, wie er es bestimmt hatte: Sie kaufte seinen Alkohol und deckte ihn, dafür behielt sie ihren Job. Langsam geriet sein Leben trotzdem ins Wanken.

Suchtprävention
Grafik: LIEBCHEN + LIEBCHEN

 

Auf der Feier seines 50. Geburtstags hatte er Knatsch mit seiner Frau, weil er wieder zu viel getrunken hatte, was auch seine Freunde mitbekamen. An Weihnachten merkte er, dass das Kurzzeitgedächtnis nachließ. Für den Osterurlaub nahm er sich vor, nichts zu trinken. Dafür griff er die Tage vorher umso häufi ger zur Flasche und es gab den ersten heftigen Streit mit seiner Frau deswegen. Ostern rührte er zwar tatsächlich nichts mehr an. Aber er hatte die Folgen eines kalten Entzugs unterschätzt.

„In der ersten Nacht wollte ich meine Frau umbringen. In der zweiten Nacht wollte ich das Hotel in Brand stecken.“ Am dritten Tag ging er zu einem Viehdoktor, denn ein richtiger Arzt war nicht in der Gegend, und der gab ihm ein großes Glas Rotwein. Abends trank er noch eins und am nächsten Tag zwei kleine Gläser. „Das war der letzte Alkohol, den ich in meinem Leben trank.“

Wieder zu Hause machte er eine ambulante Therapie, wurde aber nach drei Monaten rausgeschmissen, weil er in den Urlaub fuhr, obwohl längere Abwesenheit gegen die Regeln war. Geiger trank ein halbes Jahr nicht, doch als nach einer Feier zwei offene Flaschen Rotwein in der Küche standen, kämpfte er mit sich. Gemeinsam mit seiner Frau schüttete er die Flaschen weg.

Nach dem Beinahe-Rückfall ging er zu einem Meeting der Anonymen Alkoholiker. Die Geschichte einer Frau, die trocken war, aber einen schweren Schicksalsschlag erlitten hatte, wurde zum Schlüsselerlebnis für ihn. „Ich dachte, wenn die nach dem Erlebnis nicht wieder anfängt, dann muss was dran sein an den Meetings.“

Mittlerweile reicht es ihm, einmal pro Woche hinzugehen. Trotzdem fürchtet er sich davor, der Versuchung zu erliegen. „Ich habe unheimliche Angst vor einem Rückfall, weil ich nicht weiß, ob ich noch mal die Kraft hätte aufzuhören. Nach drei Wochen ist man wieder da, wo man aufgehört hatte.“

Fakten Alkoholismus


Weitere Information

Text: Katharina Müller-Güldemeister

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