Auch die Psyche braucht Ersthelfer

In jedem Betrieb muss es Ersthelfer geben, die in medizinischen Notfällen eingreifen können. Für psychische Erkrankungen gilt das nicht. Dabei kann die Ausbildung zu Ersthelfern für mentale Gesundheit dazu beitragen, das Arbeitsumfeld zu einem sichereren Ort zu machen.

Text: Dr. Stefanie Schöler

Peter saß schon seit Wochen still und zurückgezogen an seinem Schreibtisch. Die einst lebhafte und engagierte Persönlichkeit schien verschwunden zu sein. Seine Kollegin Anna nahm diese Veränderung wahr und fragte ihn, ob alles in Ordnung sei. Peter winkte ab. Ja, es sei alles in Ordnung. Er habe nur schlecht geschlafen. Anna glaubte ihm nicht so recht, wollte ihm aber auch nicht zu nahe treten. Sie fragte sich, wie sie jemanden ansprechen könnte, wenn sie denke, dass etwas nicht stimme.

So wie Anna geht es vielen von uns. Wir möchten helfen, aber keine Grenzen überschreiten. Manchmal trauen wir uns gar nicht, nachzubohren: Was, wenn das Teammitglied wirklich ein Problem hat und wir gar nicht helfen können? Dabei ist es wichtig, angemessen nachzubohren. Denn wenn sich Kollegen in ihrem Verhalten stark verändern und der Zustand lange anhält, kann dies ein Warnzeichen für eine psychische oder Suchterkrankung sein. Und das passiert öfter, als wir vielleicht vermuten würden.

AUF DEN PUNKT

  • Bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung ist es wichtig, die Betroffenen proaktiv anzusprechen
  • Ersthelfer für mentale Gesundheit helfen bei akuten Krisen
  • Kommunikation mit den Betroffenen und Tipps für Hilfsangebote spielen eine entscheidende Rolle

Alarmierender Anstieg der Ausfalltage aufgrund psychischer Krankheit

Der Anstieg der Ausfalltage im Bereich der psychischen Erkrankungen ist sehr auffällig. Im Jahr 2019 entfielen allein in Deutschland 17,5 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage auf psychische Erkrankungen, was zu erheblichen Kosten für Unternehmen führt.1 2021 war der Arbeitsausfall wegen psychischer Erkrankungen mit 276 Fehltagen je 100 Versicherte um 41 Prozent höher als vor zehn Jahren.2 Auch die AOK meldet, dass sich das Arbeitsunfähigkeitsvolumen aufgrund psychischer Dia­gnosen im vergangenen Jahrzehnt um gut 50 Prozent erhöht hat.3 In diesem Bericht stehen psychische Erkrankungen an dritter Stelle nach Beschwerden des Atemsystems und Herz-Kreislauf-Beschwerden.4 In Berichten der BKK5 und TK6 stehen sie sogar an zweiter Stelle. Fakt ist: Diese Zahlen sind alarmierend und zeigen den Handlungsbedarf.

Um auf Peter zurückzukommen: Er ist auch einer von vielen Betroffenen. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass wir alle Kollegen, Freunde oder Familienangehörige haben, die mit psychischen Erkrankungen oder Krisen konfrontiert sind.

Bedeutung des Themas mentale Gesundheit am Arbeitsplatz

Das menschliche Leid, das durch psychische Erkrankungen entsteht, ist immens. Allerdings ist das Thema in Deutschland mit einem Stigma behaftet. Selten sprechen wir offen darüber. Doch es gibt viele Hilfsangebote und Einrichtungen, die Menschen in diesen Zeiten unterstützen können. Oft ist der erste, proaktive Schritt des Ansprechens wichtig, damit Betroffene Hilfe finden und annehmen können.

Erfreulicherweise hat das Thema mentale Gesundheit am Arbeitsplatz in den vergangenen Jahren erheblich an Aufmerksamkeit gewonnen. Unternehmen erkennen zunehmend die Notwendigkeit, die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu fördern und zu schützen, da sie einen direkten Einfluss auf das Wohlbefinden, die Produktivität und letztendlich auf den Unternehmenserfolg hat.

So hat sich als ein Ansatzpunkt in den vergangenen Jahren die Ausbildung von sogenannten Ersthelfern für mentale Gesundheit (EFMG) etabliert, die wir nachfolgend beleuchten.

Was ist ein EFMG?

Ein EFMG (manchmal auch als psychologische Ersthelfer oder auf Englisch als Mental Health First Aider bezeichnet7) ist eine Person, die speziell für die Erkennung und Unterstützung von Personen mit mentalen Gesundheitsproblemen geschult wurde. Ähnlich wie ein Ersthelfer in körperlichen Notfällen verfolgt ein Ersthelfer für mentale Gesundheit das Ziel, in einer akuten Krise zu helfen und den Betroffenen zu unterstützen, bis professionelle Hilfe verfügbar ist. Der EFMG ist gerade im beruflichen Kontext schnell zur Stelle und kann dem Betroffenen Informationen geben, wo er sich weitere Hilfe holen kann.

Es ist wichtig zu betonen, dass EFMGs kein Ersatz für professionelle Therapeuten oder Psychologen sind, sondern eine wichtige Rolle bei der Erstversorgung spielen. Ähnlich wie reguläre Ersthelfer.

Während jedoch die Ausbildung regulärer Ersthelfer gesetzlich vorgeschrieben ist, sind es EFMG (noch) nicht. Dies könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Schließlich gewinnt das Thema psychische Belastungen im Rahmen des Arbeitsschutzes immer mehr an Bedeutung. Nicht nur die oben genannten hohen Ausfallzahlen spielen dabei eine Rolle. Auch die Tatsache, dass seit nunmehr zehn Jahren die Berücksichtigung der psychischen Belastungen bei der Gefährdungsbeurteilung explizit in § 5 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) genannt wird, unterstreicht die Bedeutung dieses Feldes.

Was sind die Aufgaben eines EFMG?

1. Erkennen von Anzeichen und Symptomen:
EFMG sollten in der Lage sein, Anzeichen von psychischen Gesundheitsproblemen zu erkennen. Dazu zählen beispielsweise Stimmungsschwankungen, der soziale Rückzug, erhöhter Stress, Angst oder depressive Verstimmungen. Durch gute Beobachtung, gezieltes Ansprechen und aktives Zuhören kann er Hinweise auf eine mögliche Krise identifizieren.

2. Sofortige Unterstützung und Erstintervention:
Sobald EFMG Anzeichen für eine psychische Krise erkennen, ist es wichtig, dass sie aktiv auf die betroffene Person zugehen, sie ansprechen, unterstützen und Sicherheit vermitteln. Dies kann beinhalten, einen ruhigen Raum zu finden, aktiv zuzuhören und einfühlsam zu reagieren, Verständnis zu zeigen und Unterstützung anzubieten. Als Besonderheit ist die proaktive Rolle des EFMG zu sehen. Er spricht Betroffene gezielt an und wartet nicht passiv darauf, angesprochen zu werden. Dies unterscheidet EFMG beispielsweise von klassischen Vertrauenspersonen.

3. Kommunikation und Verweis auf Hilfsangebote: EFMG sollte über Ressourcen und Hilfsangebote informiert sein, um Betroffenen geeignete Unterstützung anzubieten. Dies kann den Verweis an professionelle Therapeuten, psychologische oder psychosoziale Beratungsstellen, ein Employee Assistance Program (EAP) oder andere geeignete Dienstleistungen umfassen. Die Kommunikation mit der betroffenen Person und die Vermittlung von Informationen über verfügbare Ressourcen sind entscheidend, um eine angemessene Unterstützung zu gewährleisten.

Zusammenfassend lässt sich sagen: EFMG sind besonders geschulte Mitarbeiter, die aufgrund ihres Wissens Symptome psychischer Belastungen und Erkrankungen eher als andere Mitarbeiter wahrnehmen. Zugleich sind sie kommunikativ geschult und wissen, was wichtig ist, wenn Menschen in einer solchen Belastungssituation angesprochen werden. Sie kennen die Hilfsangebote im und auch außerhalb des Unternehmens und können betroffene Kollegen darauf hinweisen .

Wie werden EFMG ausgebildet?

Damit EFMGs ihren anspruchsvollen Aufgaben gerecht werden können, sollten sie passend ausgebildet sein. Eine gute Ausbildung zum EFMG umfasst verschiedene Inhalte, die darauf abzielen, Teilnehmern die Fähigkeiten und das Wissen zu vermitteln, um in psychischen Krisensituationen Erste Hilfe leisten zu können. Die fünf wichtigsten Inhalte der Ausbildung zu EFMGs sind:

1. Erkennen von Warnzeichen und Symptomen: Die Ausbildung vermittelt den Teilnehmern das Wissen über die Anzeichen und Symptome verschiedener psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen. Dadurch werden sie befähigt, frühzeitig mögliche Warnzeichen zu erkennen.

2. Kriseninterventionstechniken: Die Ausbildung vermittelt effektive Kommunikations- und Interventionsstrategien in akuten Krisensituationen. Teilnehmer lernen, wie sie angemessen reagieren und Unterstützung anbieten können.

3. Empathie und Verständnis: Ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung zum EFMG ist die Förderung von Empathie und Verständnis für Menschen mit psychischen Problemen. Die Teilnehmer lernen, Vorurteile und Stigmatisierung abzubauen und eine unterstützende und nicht urteilende Haltung einzunehmen.

4. Ressourcen und Hilfsangebote: Die Ausbildung zum EFMG vermittelt den Teilnehmern Kenntnisse über verfügbare Hilfsangebote und Ressourcen im Bereich der psychischen Gesundheit. Sie lernen, angemessene Verweise auf professionelle Hilfe und Unterstützungsnetzwerke zu geben, um Betroffenen langfristige Unterstützung zu ermöglichen.

5. Selbstfürsorge: Die Ausbildung thematisiert außerdem die Bedeutung der eigenen psychischen Gesundheit und Selbstfürsorge der Teilnehmer. Sie lernen Strategien zur Stressbewältigung und Achtsamkeit kennen, um ihre eigene Resilienz und Widerstandsfähigkeit zu stärken, während sie anderen helfen. Denn ihre Aufgabe kann mitunter sehr belastend sein.

Diese Inhalte unterstützen den EFMG dabei, angemessen auf psychische Krisensituationen reagieren und Menschen in Not effektive Unterstützung bieten zu können, bis professionelle Hilfe verfügbar ist.

Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GB Psyche)

Im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GB Psyche) werden potenzielle Risikofaktoren für die psychische Gesundheit der Mitarbeiter identifiziert, um entsprechende Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu ergreifen. Nur wenn die Maßnahmen auch wirklich umgesetzt und in ihrer Wirksamkeit überprüft werden, ist die GB Psyche abgeschlossen.

Je nach der analysierten Gefährdung ist eine mögliche Maßnahme, die aus der GB Psyche hervorgehen kann, die Ausbildung von EFMGs.

Vorteile für Unternehmen durch die Ausbildung von EFMGs

Indem Unternehmen Mitarbeiter zu Ersthelfern für mentale Gesundheit ausbilden (lassen), können sie

  • sicherstellen, dass in ihrem Betrieb geschulte Personen vorhanden sind, die Anzeichen von psychischen Gesundheitsproblemen frühzeitig erkennen und erste Unterstützung anbieten können,
  • Behandlungszeiten von psychischen Erkrankungen verkürzen,
  • das Bewusstsein für psychische Gesundheit schärfen und zur Destigmatisierung beitragen,
  • eine unterstützende Unternehmenskultur sowie die Fürsorge am Arbeitsplatz fördern,
  • eine offene Unternehmenskultur fördern, in der Mitarbeiter ermutigt sind, über ihre Herausforderungen und Probleme zu sprechen sowie
  • eine Brücke zu Gesprächen mit Betriebsärzten und einem vielleicht bereits vorhandenen EAP (Employee Assistance ­Program) schlagen.

Fazit

In einer zunehmend stressigen Welt, in der an Mitarbeiter hohe Anforderungen gestellt werden und in der der Fachkräftemangel omnipräsent ist, ist es elementar wichtig, den Arbeitsschutz weiterzudenken und die psychischen Faktoren stärker miteinzubeziehen.

Auch Peters und Annas Arbeitgeber entschied sich im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung für die Ausbildung von EFMG. Als Anna davon erfuhr, meldete sie sich gleich an und nahm in den folgenden Wochen an einer der mehrtägigen Qualifikationen teil. Sie lernte zu erkennen, wenn Hilfe benötigt wird und wie sie ihre Mitmenschen ansprechen kann. Sie erwarb außerdem wertvolle Fähigkeiten, um in Krisensituationen zu unterstützen. Mit ihrem neu gewonnenen Wissen und ihrer Empathie konnte Anna nicht nur Peter helfen, sondern trägt dazu bei, dass die gesamte Arbeitsumgebung zu einem Ort der Unterstützung und des Wohlbefindens wird. Peter fand langsam den Weg zur Genesung und erkannte, dass er nicht alleine war – dank einer mutigen Kollegin und der Einführung von Ersthelfern für mentale Gesundheit im Unternehmen.

DIE AUTORIN:
Dr. Stefanie Schöler bringt mit ihrer Unternehmensberatung „Arbeitsschutz-Universum“ den Arbeits- und Gesundheitsschutz mit Spaß und großem Praxis­bezug in die Betriebe. Die Psychologin gründete den ersten digitalen Sifa-Stammtisch Deutschlands mit und beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Innovationen, Digitalisierung, New Work und Arbeitsschutz.


1https://gesund.bund.de/psychische-gesundheit-am-arbeitsplatz#einleitung, abgerufen am 22.06.2023
2vgl. DAK Psychreport 2022
3https://aok-bv.de/hintergrund/zahlen-fakten/#arbeitsunfaehigkeit, abgerufen am 19.06.2023
4https://www.dak.de/dak/download/dak-gesundheitsreport-2023-ebook-pdf-2615822.pdf, DAK – Gesundheitsreport 2023, S. 18
5https://www.bkk-dachverband.de/fileadmin/user_upload/BKK_Gesundheitsreport_2022.pdf, BKK Gesundheitsreport 2022, S. 102
6https://www.tk.de/resource/blob/2146912/44b10e23720bf38c1559538949dd1078/gesundheitsreport-au-2023-data.pdf, S. 5
7Abzugrenzen ist das Konzept von psychologischen Erstbetreuern, die Menschen nach schweren traumatischen Ereignissen zur Seite stehen. Diese traumatischen Ereignisse können Teil des Berufsalltags bei Feuerwehr und Polizei sein.