Fassaden sicher begrünen

Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsgründe sprechen für die Gebäudebegrünung in unseren urbanen Ballungsräumen. Die Pflege von Dach- und Fassadenbegrünung erfordert jedoch besondere Arbeitsschutzmaßnahmen. Das Gebäude „KÖ-Bogen II“ in Düsseldorf ist dafür ein Beispiel.

Text: Klemens Simon

Beim KÖ-Bogen II handelt es sich um Europas größte Grünfassade. Die verwendeten Pflanzen binden etwa so viel CO2 wie 80 ausgewachsene Laubbäume. Die Begrünung von Gebäuden kann also einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten und dürfte in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen. Doch bereits bei der Planung und beim Bau sowie bei der späteren Unterhaltung und Pflege der Fassadenbegrünung ist gärtnerisches Know-how gefragt.

Der KÖ-Bogen II in Düsseldorf: eine Menge Arbeit für die Grünpflege. Foto: Adobe Stock / shokokoart

AUF DEN PUNKT

  • Befahranlagen und Laufroste verhindern als ­technische Maßnahmen Abstürze bei der Arbeit in großen Höhen
  • Richtiger Umgang mit PSA gegen Absturz muss regelmäßig trainiert werden
  • Auch andere Belastungen wie UV-Strahlung, Lärm oder Vibrationen müssen in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden

Herausforderungen annehmen

Für den Arbeits- und Gesundheitsschutz ergeben sich aus diesem Arbeitsumfeld besondere Herausforderungen. Durch die zielgerichtete Zusammenarbeit zwischen Bauherrn, Architekten, den beteiligten Fachfirmen und den Präventionsexperten der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) als zuständige Berufsgenossenschaft konnten am KÖ-Bogen II von Anfang an wirksame Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen konsequent umgesetzt werden. Alle ­Beteiligten verfolgten dabei das Ziel, Arbeitsplätze zu schaffen, die eine sichere Ausführung der Kontroll- und Pflegearbeiten an der Grünfassade ermöglichen. Mithilfe einer detaillierten Gefährdungsbeurteilung wurden alle Gefahren und Belastungen ermittelt, die möglicherweise auf die Beschäftigten einwirken können. Da­raus resultierend wurden die passenden Schutzmaßnahmen abgeleitet und zeitliche Korridore festgelegt, bis wann die Verantwortlichen diese Maßnahmen umzusetzen hatten.

TOP-Maßnahmen gegen Absturz

Technische, organisatorische und persönliche Schutzmaßnahmen gewährleisten die Arbeitssicherheit auch in der Vertikalen. Das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) verpflichtet die Verantwortlichen, bei der Einleitung von Schutzmaßnahmen deren Rangfolge nach dem TOP-Prinzip zu beachten. Dabei haben kollektiv wirkende technische Schutzmaßnahmen, zum Beispiel ein Geländer an der Absturzkante, Vorrang gegenüber organisatorischen oder persönlichen Schutzmaßnahmen. Zu den persönlichen Schutzmaßnahmen zählt bei Arbeiten in der Vertikalen zum Beispiel die persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA).

Befahranlagen und Laufroste

Stürze aus großer Höhe ziehen meist schwerste Verletzungen nach sich. Bei gärtnerischen Arbeiten an Bauwerken müssen deshalb bereits ab einer Absturzhöhe von zwei Metern geeignete Maßnahmen gegen Abstürze ergriffen werden. Bei Arbeiten auf Dächern gilt diese Anforderung ab einer Absturzhöhe von drei Metern. Gärtnerinnen und Gärtner verrichten ihre Arbeiten an der Fassade des KÖ-Bogens II von Laufrosten oder von individuell für das Gebäude entwickelten Befahranlagen aus. Beide Einrichtungen sind dauerhaft am Gebäude angebracht.

Die Befahranlage zur Heckenpflege ist dauerhaft am Gebäude angebracht. Foto: SVLFG
Hinweise für die Beschäftigten gibt es durch das Einscannen des QR-Codes am Pflanzkübel. Foto: SVLFG
Der Anschlagpunkt für die PSAgA ist gut gekennzeichnet. Foto: SVLFG

Bei den Befahranlagen handelt es sich um schienengebundene Personenkörbe, die manuell aus dem Korb heraus bewegt werden. Sowohl die Laufroste als auch die Befahranlagen sind über definierte Zugänge sicher erreichbar. Auf- und Überstiege zu den Arbeitsplattformen wurden sicher gestaltet. Anschlagpunkte für die PSAgA sind gekennzeichnet und so ausgelegt, dass sie den zu erwartenden Belastungen standhalten.

Der betriebssichere Zustand der Einrichtungen wird regelmäßig unter Beachtung der Herstellervorgaben von befähigten Personen überprüft. Die Prüfergebnisse werden über die gesamte Nutzungsdauer hinweg dokumentiert. Mitarbeitende, die solche Arbeitsmittel nutzen, müssen vor der erstmaligen Tätigkeitsaufnahme und danach mindestens einmal jährlich über möglicherweise auftretende Gefahren, über die bestimmungsgemäße und sichere Verwendung der Arbeitsmittel sowie über das Verhalten im Gefahren- und Notfall unterwiesen werden.

PSAgA richtig verwenden

Die Wirksamkeit einer PSAgA hängt wesentlich von der fachgerechten Verwendung ab. Fällt eine Person in den Auffanggurt und hängt dann möglicherweise bewusstlos unterhalb der Absturzkante am Gebäude, müssen alle in der Nähe befindlichen Personen wissen, wie eine zügige und sichere Bergung durchgeführt wird, ohne dass die hilfsbedürftige Person weiter zu Schaden kommt und ohne dass sich die Rettenden selbst in Gefahr begeben. Somit sind jährliche Rettungsübungen mit einer PSAgA obligatorisch.

Weitere Gefahren und Belastungen

Neben den Absturzgefahren muss die Gefährdungsbeurteilung weitere arbeitsplatzrelevante Risiken und Belastungen berücksichtigen. Dazu zählen zum Beispiel:

  • Ergonomie: Um ergonomisch arbeiten zu können, benötigen die Beschäftigten ausreichend freien Bewegungsraum und sicher begehbare Verkehrswege. Arbeitsplattformen mit seitlicher Umwehrung und ausreichend breite Laufstege gewährleisten dies.
  • Belastungen durch Lärm, Vibrationen und Abgase: Bei der Auswahl der Geräte, zum Beispiel der Heckenscheren, stellt sich die Frage nach der Antriebstechnik. Verbrennungsmotoren belasten durch ihre Abgase, durch Hand-Arm-Vibrationen und durch Lärm. Elektroantriebe helfen, diese Belastungen zu vermeiden oder zumindest erheblich zu verringern. Bei modernen Elektrogeräten mit Lithium-Ionen-Akkus gibt es solche, bei denen der Akku sich direkt an der Heckenschere befindet. Dadurch wird das Gerät schwerer. Alternativ gibt es Geräte, bei denen ein externer Akku auf dem Rücken getragen wird. Dies kann sich störend bei der Benutzung der PSAgA auswirken. Ein Testbetrieb unter Beteiligung der Belegschaft zeigt am besten, mit welcher Variante sicher und komfortabel am jeweiligen Einsatzort gearbeitet werden kann.
  • Sicherung von Gegenständen, die herabfallen können: Werkzeuge und Geräte wie etwa Heckenscheren, die den Beschäftigten aus den Händen gleiten und von oben mehrere Meter zu Boden fallen können, müssen mit einer Werkzeugsicherung zuverlässig (zum Beispiel am Arbeitskorb) gesichert werden. Die Sicherung verhindert nicht nur teure Maschinenverluste, sondern auch, dass Menschen verletzt werden und dass das Gebäude beschädigt wird. Wegen der Gefährdung durch herabfallende Gegenstände müssen Gefahrenbereiche unterhalb der Pflegearbeitsplätze so abgesperrt sein, dass Unbefugte sie nicht betreten können. Die Aufnahme des Schnittgutes erfolgt immer erst nach Beendigung der Schnittarbeiten.
  • Belastung durch natürliche UV-Strahlung und Hitze: Weißer Hautkrebs zählt zu den häufigsten Berufskrankheiten in der grünen Branche. Studien belegen, dass die natürliche UV-Strahlung ein maßgeblicher Auslöser der Hauterkrankung ist. Flexible Arbeitszeiten außerhalb der Mittagszeit (11 bis 15 Uhr), kopf-, nacken- und körperbedeckende Kleidung sowie Sonnenschutzcreme mit einem Lichtschutzfaktor ab 30 helfen, Sonnenbrand zu vermeiden. Leichte und luftige, an die Temperaturen angepasste Arbeitskleidung, Kühlfunktionskleidung sowie ausreichend Trinkwasser beugen Hitzeschäden vor.
  • Effiziente Arbeitsabläufe: QR-Codes auf den Pflanzkübeln der Fassadenbegrünung des KÖ-Bogens II unterstützen die Gärtner bei ihren Kontrollgängen, sodass sie effizienter arbeiten können. Mithilfe dieser Technik werden auftretende Probleme, zum Beispiel eine Störung der Bewässerung, schnell und genau lokalisiert und kommuniziert. Die Problemlösung kann zeitnah und zielgerichtet erfolgen. Die Maßnahme reduziert den Arbeitsaufwand, die Arbeit wird dadurch sicherer.
  • Rettung im Notfall: Ein typischer Unfall wäre zum Beispiel eine schwere Schnittverletzung durch unsachgemäße Verwendung einer Heckenschere. In solch einem Fall müssen die Voraussetzungen gegeben sein, dass Ersthelfer und Rettungskräfte die verletzte Person ohne Zeitverzug und Eigengefährdung erreichen können.

Leicht verständliche Betriebsanweisungen helfen bei der Unterweisung

Betriebsanweisungen in der Sprache der Mitarbeiter helfen, Unfälle zu vermeiden. Sie sind Bestandteil der Mitarbeiterunterweisung und müssen vom Arbeitgeber individuell erstellt werden. Die Betriebsanweisung benennt die auftretenden Gefahren und Belastungen, die geeigneten Schutzmaßnahmen und das Verhalten im Gefahren- und Notfall.

Die besondere Verantwortung des Bauherrn

Richten sich Anforderungen zur Arbeitssicherheit und zum Gesundheitsschutz zumeist vorrangig an den Arbeitgeber und dessen Beschäftigte, so kommt bei der Errichtung eines Bauwerkes dem Bauherrn eine besondere Verantwortung zu. Zum Schutz der Beschäftigten schreibt die Baustellenverordnung (BaustellV) vor, dass für Bauvorhaben ab einer gewissen Größe ein Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator zu bestellen ist. Neben der Koordinierung der Schutzmaßnahmen aller am Bauvorhaben beteiligten Gewerke, wie etwa die gemeinsame Verwendung eines Schutzgerüstes, muss dieser ein Dokument über einzuleitende Schutzmaßnahmen bei späteren Arbeiten am Bauwerk verfassen. Instandhaltungs- und Pflegearbeiten an der Dach- und Fassadenbegrünung müssen hier unbedingt berücksichtigt werden. Dank der intensiven und zielführenden Kooperation aller Beteiligten konnten am KÖ-Bogen II die notwendigen Maßnahmen umgesetzt werden, die den Gärtnern bei ihrer fachkundigen Pflege der Fassaden- und Dachbegrünung immer einen adäquaten Schutz bieten.

MEHR INFORMATIONEN ONLINE
Hilfestellungen zum sicheren Arbeiten auf erhöht liegenden Arbeitsplätzen gibt es unter: www.svlfg.de/fassaden­begruenung

DER AUTOR:
Klemens Simon
ist Technische Aufsichtsperson bei der Sozial­versicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) und Fachmann für Prävention im Gartenbau.