Hitze, Allergien, Infektionen

Herausforderungen für Arbeitsmediziner

Die Auswirkungen des Klimawandels sind spürbar: Das gesamte Ökosystem verändert sich, die Durchschnittstemperaturen steigen, Hitzetage und Hitzewellen treten häufiger auf. Dies alles hat auch Auswirkungen auf die Arbeitswelt und die Bedingungen an verschiedensten Arbeitsplätzen in den Betrieben.

Text: Dr. med. Stephanie Jung

Welche Auswirkungen können die Veränderungen auf die Gesundheit haben?

Die Effekte auf den Organismus können direkt und indirekt sein. Insbesondere vulnerable Gruppen wie ältere Menschen, Babys, Kleinkinder und Menschen mit Vorerkrankungen, die sich an Hitze schlechter anpassen können, sind stärker gefährdet.

Hitzebedingte Erkrankungen wie Kreislaufpro­bleme, Flüssigkeitsmangel und Elektrolytstörungen oder Überhitzung bis hin zum Hitzschlag können vermehrt auftreten. Hitze reduziert neben der körperlichen auch die mentale Leistungsfähigkeit: Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Ermüdungserscheinungen und psychische Beeinträchtigungen sind die Folgen. Es konnte zudem festgestellt werden, dass extreme klimatische Ereignisse zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Belastungsstörungen und Angstzuständen führen können.

AUF DEN PUNKT

  • Extreme Klimaveränderungen können zu psychischen ­Erkrankungen führen
  • Zunahme von Allergien, Neurodermitis und Asthma feststellbar
  • Arbeitsschutz muss alle Beschäftigten in den Blick nehmen

Durch die Zunahme der Sonnenstunden steigt auch das Ausmaß der UV-Strahlungsexposition. Körperpartien wie Haut und Augen werden dadurch stärker belastet und das Risiko für Hautkrebserkrankungen nimmt zu.

Für das vermehrte Auftreten von Infektionskrankheiten spielen verschiedene Mechanismen eine Rolle. Vektoren sind Krankheitsüberträger – sie nehmen Erreger auf, im Vektor kommt es zur Vermehrung oder Weiterentwicklung der Erreger und schließlich übertragen sie diese auf einen Zielorganismus, wie beispielsweise den Menschen. Unter anderem bilden Gliederfüßler wie Zecken, Insekten wie die Anopheles (Malariamücke) und Aedes-Mücke, Nagetiere wie Rötel- und Brandmäuse sowie Vögel solche Reservoire. Sind die klimatischen Bedingungen für diese Organismen günstiger, so können Infektionen wie FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) und Borreliose, Malaria und virusbedingte Fieberer­krankungen, Hanta-Virusinfektionen und weitere Infektionskrankheiten zunehmen oder die Verbreitungsgebiete können sich ausdehnen. Eine Erwärmung der Gewässer begünstigt das Auftreten von bakteriellen Infektionen, die sich als Durchfallerkrankungen, Wundinfektionen und schwere Allgemeininfektionen äußern können.

Des Weiteren treten Allergene in der Atemluft vermehrt auf, da die Pollenflugphase verlängert ist und durch die Zunahme der CO2-Konzentration die Pollenproduktion steigt. Zudem erhöht sich durch den Klimawandel der Anteil der Luftschadstoffe, der Ozongehalt und die UV-Strahlung, was sich auf die Beschaffenheit der Pollen auswirkt und diese aggressiver macht. Auch neue Allergene kommen hinzu, weil sich gebietsfremde Pflanzenarten vermehrt ausbreiten können.

Darüber hinaus ziehen Luftschadstoffe Lunge und Haut in Mitleidenschaft, indem sie Entzündungsprozesse an den Schleimhäuten unterstützen und die Hautbarriere beeinträchtigen. Diese komplexen Veränderungen führten bereits in den vergangenen Jahrzehnten zu einer deutlichen Zunahme von Allergien, Neurodermitis und Asthma.

Was bedeuten diese Veränderungen für den Arbeitsschutz?

Grundsätzlich müssen im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes nicht nur Beschäftigte berücksichtigt werden, die körperlich anstrengende Tätigkeiten ausüben oder im Freien beziehungsweise an wärmebelastete Arbeitsplätzen arbeiten. Aufgrund der umfassenden Auswirkungen gilt es, die Gesundheit und Sicherheit von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Blick zu nehmen.

Mithilfe der betrieblichen Gefährdungsbeurteilung, die laufend aktualisiert und immer bei wesentlichen Änderungen erneuert oder angepasst werden muss, lässt sich ein Überblick über die Situation an den verschiedenen Arbeitsplätzen und über die erforderlichen Präventionsmaßnahmen gewinnen. So kann auch den Veränderungen der Gefährdungsfaktoren unter dem Aspekt des Klimawandels Rechnung getragen werden.

Die im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung abgeleiteten Schutzmaßnahmen können von technischen Maßnahmen (wie Sonnenschutzvorrichtungen oder Filteranlagen) über organisatorische Lösungen (wie Erstellung von betrieblichen Hitzeschutzplänen, Anpassung von Arbeitszeiten oder Jobrotation) und persönliche Schutzmaßnahmen (wie Sonnen- und Insektenschutzmittel, geeignete Schutzkleidung und Sonnenbrillen) bis hin zur arbeitsmedizinischen Vorsorge im Hinblick auf Hautkrebs oder das Angebot von Schutzimpfungen reichen.

Aus arbeitsmedizinischer Sicht erwähnenswert ist in diesem Kontext die neue Arbeitsmedizinische Regel AMR Nr. 3.3 „Ganzheitliche Arbeitsmedizinische Vorsorge unter Berücksichtigung aller Arbeitsbedingungen und arbeitsbedingten Gefährdungen“. So können Beschäftigte individuell besser beraten und betreut werden. Auch das Instrument der arbeitsmedizinischen Wunschvorsorge kann nützlich sein, um beispielsweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit psychischen Beeinträchtigungen während der betriebsärztlichen Sprechstunde persönlich zu beraten.

Einen besonders wichtigen Stellenwert im Rahmen der Schutzmaßnahmen hat die umfassende Information der Beschäftigten über die Auswirkungen des Klimawandels sowie über die erforderlichen Präventionsmaßnahmen und empfohlenen Verhaltensweisen. Denn nicht zuletzt kann jeder selbst einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg der getroffenen Maßnahmen leisten. Die konsequente Anwendung von Sonnenschutzpräparaten, eine ausreichende Trinkmenge oder gesunde Ernährung sind nur ein paar wenige Beispiele dafür.

Fachliche Unterstützung und Beratung erhalten Betriebe und ihre Beschäftigten durch Betriebsärzte.

DIE AUTORIN:
Die Fachärztin für Arbeitsmedizin Dr. med. Stephanie Jung ist seit dem Jahr 2000 als Betriebsärztin für Unternehmen tätig. Über ihre arbeitsmedizinischen Fachkenntnisse hinaus ist sie Expertin für Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen und Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). www.stephanie-jung-­arbeitsmedizin.de