Die systemische Beurteilung der Arbeitsbedingungen

Sichere und gesunde Arbeitsplätze sind ein Garant für erfolgreiche und zukunftsfähige Unternehmen. Die systemische Beurteilung der Arbeitsbedingungen ist ein herausragendes Instrument und die Basis exzellenter Sicherheitskultur.

Text: Waldemar Junior

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) gibt in ihrem „Handbuch Gefährdungsbeurteilung“ umfassende Hilfestellung für eine ganzheitlich-systemische Vorgehensweise bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen (BdA).1 In der 2019 grundlegend neu gestalteten Ausbildung der Fachkräfte für Arbeitssicherheit (Sifa) bildet der ganzheitlich-systemische Ansatz den Kern der Qualifizierung.2 Im Folgendem sollen die wichtigsten Umsetzungsprinzipien näher dargestellt werden.

Die systemische Beurteilung der Arbeitsbedingungen (sBdA) setzt den Willen zu einer prozessualen und systematischen Vorgehensweise voraus (siehe Abbildung 1).

AUF DEN PUNKT

  • Innere und äußere ­Einflüsse auf die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit berücksichtigen
  • Risikobeurteilung lässt sich anhand verschiedener Modelle durchführen

Abb. 1: Die 9 Prozessschritte bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen3

Grafische Darstellung: Liebchen+Liebchen GmbH

Möglichst viele innere und äußere Einflüsse auf die betrieblichen Prozesse und ihre Auswirkungen auf Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (SGA) sollen berücksichtigt werden. Die Basis dazu schafft das „Arbeitssystem-Modell“. Mit der Anwendung dieses Modells werden die dem Arbeitssystem immanenten Wechselwirkungen zwischen allen Systemelementen erkennbar und entsprechend steuerbar.

Alle Teilelemente des Arbeitssystems stehen für Gefahrenquellen, denen eine Fülle von Gefährdungsfaktoren immanent ist. In der sBdA werden sie als Einwirkungen bezeichnet. Deren Risikobewertung beschränkt sich aber nicht nur auf mögliche Unfall- und Verletzungsgefahren, sondern bezieht sowohl die individuellen Belastungen und Beanspruchungen des Menschen als auch seine persönlichen Ressourcen (etwa Kompetenzen, Eigenschaften) mit ein (siehe Abbildung 2).

Abb. 2: Das Arbeitssystem-Modell4

Um Produkte und Dienstleistungen zu erzeugen (von der Eingabe zur Ausgabe), ist der Mensch während der Arbeit (Arbeitsablauf) vielen Einwirkungen ausgesetzt. Diese können durch die Arbeit selbst, aber auch durch die Umgebung hervorgerufen werden. Grafische Darstellung: Liebchen+Liebchen GmbH

Zur Risikobeurteilung werden in der praktischen Umsetzung dazu die drei nachfolgend skizzierten Modelle herangezogen.

1. Das Gesundheitsschaden-Modell5

Das Gesundheitsschaden-Modell ist nicht neu und wird in der Ausbildung vermittelt. Es zeigt, wie Verletzungen und Erkrankungen zustande kommen können und welche Umstände dabei zusammenwirken. Entscheidend, ob es überhaupt zu einer Gefährdung (und daraus resultierendem Schaden) kommen kann, ist die Möglichkeit des Zusammentreffens von Mensch und Einwirkung. Zur ganzheitlichen Beurteilung ist es unerlässlich, neben den arbeitsbezogenen Einwirkungen immer auch das „System“ Mensch mit seinen individuellen Leistungsmöglichkeiten und Belastungsgrenzen in die Analyse einzubeziehen.

2. Belastungs-Beanspruchungs-Modell

Alle externen wie internen Bedingungen und Anforderungen im Arbeitssystem ergeben in irgendeiner Form Belastungen. Sie wirken sowohl auf die physiologische als auch psychologische Verfasstheit des Menschen ein. Eine Beanspruchung hingegen kennzeichnet die Wirkung der Belastung im Menschen selbst. Das Ausmaß der Belastungen in Form von körperlichen, geistigen und / oder emotionalen Beanspruchungen kann individuell sehr unterschiedlich sein und hängt vor allem von den persönlichen Leistungsvoraussetzungen des Menschen ab. Die Auswirkungen der Beanspruchung können positiv (Gesunderhaltung, Verbesserung der Leistungsfähigkeit) oder negativ (Krankheit, Beeinträchtigung des Wohlbefindens) sein.

3. Systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell6

Jedes Individuum verfügt über eine mehr oder weniger ausgeprägte Fülle an individuellen Eigenschaften und Ressourcen. So zum Beispiel:

  • interne Eigenschaften wie erworbene Fähigkeiten, Persönlichkeitsmerkmale, psychische Verfassung, körperliche Fitness
  • externe Ressourcen wie etwa soziale Stützsysteme, intakte Beziehungen, Einkommen, Arbeitsbedingungen, Bildungsmöglichkeiten

Es gilt, die Anforderungen des Arbeitssystems und verfügbare Ressourcen möglichst passgenau aufeinander abzustimmen. Das setzt ein gutes Verständnis der Person voraus und erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Sifas, Arbeitsmedizinern, Arbeitspsychologen und Personalentwicklern. Die Zusammenführung und Interpretation der erhobenen Daten bedingen neben dem Sachverstand auch hohe Sensibilität und Verantwortung im Umgang damit.

Ziele setzen / Lösungen und Maßnahmen entwickeln7

Klare Definitionen notwendiger Mindestziele (Muss-Ziele) und weiterführender Optimierungsziele (Soll-Ziele) fördern erfolgversprechende Lösungsmaßnahmen und verhindern Aktionismus, Energie- sowie Ressourcenverschwendung.

Insbesondere die Mitarbeiter mit ihrem Know-how zu beteiligen, führt oft zu passgenauen, kostengünstigen und schnellen Lösungen. Datenbanken und Regelwerke bieten ebenso vielfältige Hilfen und Best-Practice-Beispiele. Es empfiehlt sich, in mehreren Hierarchie-Ebenen des Arbeitssystems nach Lösungen zu suchen. Oft wird beispielsweise nur auf die technische Verbesserung des Arbeitsplatzes geschaut, ohne auf den nächsthöheren Ebenen der Arbeitsorganisation Alternativen zu entwickeln.

Fazit

Eine gemäß der in Abbildung 1 dargestellten Systematik erstellte sBdA wird komplex und anspruchsvoll. Gerade Unternehmen mit einer exzellenten Sicherheits- und Gesundheitskultur scheuen keine Investitionen, um die bestehenden Risiken auf ein Minimum zu reduzieren. Zugleich erleben sie, dass sich sicheres und produktives Arbeiten nicht gegenseitig ausschließen, sondern – im Gegenteil – signifikante Synergieeffekte zu Produktivität, Qualität und letztlich auch Unternehmensattraktivität entstehen.

DER AUTOR:
Waldemar Junior leitet beim Verband für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz bei der Arbeit (VDSI) den Fachbereich Demografie und Beschäftigungsfähigkeit. Er ist Experte auf den Gebieten Personalentwicklung und Training im Verhaltensorientierten Arbeitsschutz (BBS).


1 vgl. M. Kittelmann et al. (Hrsg.): Handbuch Gefährdungs­beurteilung. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2021
2 vgl. https://www.dguv.de/sifa-online/weiterentwicklung/index.jsp
3 vgl. Sifa-Lernwelt (7.0), Bibliothek, Themenfeld 5: Beurteilung der Arbeitsbedingungen, 5.02 Vorgehen bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen ff DGUV public: Themenfelder
4 vgl. Sifa-Lernwelt (7.0), Bibliothek, Themenfeld 4: Erklärungs- und Beschreibungsmodelle, 4.01 Das Arbeitssystem und seine Elemente, DGUV public: Themenfelder
5 vgl Sifa-Lernwelt (7.0), Bibliothek, Themenfeld 4: Erklärungs- und Beschreibungsmodelle, 4.03 Gesundheits-Schadenmodell, Gesundheitsschaden-Modell (dguv.de)
6 vgl. Sifa-Lernwelt (7.0), Bibliothek, Themenfeld 4: Erklärungs- und Beschreibungsmodelle, 4.05 Systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell ff, Systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell (dguv.de)
7 vgl. Sifa-Lernwelt (7.0), Bibliothek, Themenfeld 5: Beurteilung der Arbeitsbedingungen, 5.12 Setzen von Arbeitsschutz- und Gestaltungszielen, Setzen von Arbeitsschutz- und Gestaltungszielen (dguv.de)