Radium Girls – Strahlende Farbe

Im frühen 20. Jahrhundert gelten radioaktive Stoffe als vielseitige Wundermittel. Radium als Wasserzusatz oder Thorium in Zahnpasta sind Teil nuklearer Quacksalberei. Doch auch Dinge von praktischem Wert werden entwickelt, etwa selbstleuchtende Farbe. Die Gefahr wird spät erkannt – mit gravierenden Folgen.

Text: Phillip Berg

Bereits 1898 entdecken Marie und Pierre Curie Radium als neues Element. Ihnen und weiteren Wissenschaftlern fällt auf, dass der Stoff ein Leuchten der Probenbehälter erzeugt – die Gefährlichkeit dieser Strahlung erkennen sie nicht. Im Gegenteil: Dem aufwendig gewonnenen Material wird eine heilende oder potenzsteigernde Wirkung nachgesagt, es wird zu Medikamenten oder Kosmetika verarbeitet. Die abenteuerlichsten Dinge werden mit Radium versetzt, etwa Unterwäsche und Kondome. Außerdem entsteht aus Radium zusammen mit Wasser, Gummiarabikum und Zinksulfid die selbstleuchtende Farbe „Undark“.

Angewendet wird diese Farbe auf Ziffernblättern von Uhren sowie Flugzeug- oder Fahrzeuginstrumenten. Einer der größten Hersteller ist die US Radium Corporation, die das Farbrezept 1914 erwirbt. Bedingt durch den Ersten Weltkrieg steigt der Bedarf rapide an. 1918 beschäftigt das Unternehmen rund 200 Frauen, die die Farbe mit feinen Kamelhaarpinseln auftragen. Fast 4.000 Arbeiterinnen haben insgesamt Kontakt zu Leuchtfarbe aus Radium. Die Arbeit wird gut bezahlt: Eine Arbeiterin verdient das Doppelte eines durchschnittlichen Arbeiterlohns. Einen Schutz vor der radioaktiven Farbe gibt es nicht, obwohl die Risiken inzwischen bekannt sind. Während in den Laboren mit Atemschutzmaske und Bleischürze gearbeitet wird, empfehlen Vorgesetzte den Arbeiterinnen, die feinen Pinsel mit den Lippen in Form zu bringen.

Die Arbeiterinnen bemalen ihre Fingernägel oder Zähne

Der Umgang bleibt sorglos. Arbeiterinnen bemalen ihre Fingernägel oder Zähne. Es wird ihnen nachgesagt, in der Dunkelheit zu leuchten. Bald ­zeigen sich jedoch die Folgen der strahlenden Farbe, die mit jedem Anspitzen des Pinsels – fünf oder sechs Mal je Ziffernblatt, bei 200 Ziffernblättern pro Tag – in den Körper gelangt. Arbeiterinnen klagen über Zahnschmerzen, ihre Zähne fallen aus, es bilden sich Geschwüre, Kieferknochen brechen. 1924 ist erstmals vom „Radiumkiefer“ die Rede. Vier Jahre später klagen fünf Arbeiterinnen gegen die US Radium Corporation. Statt der geforderten 250.000 Dollar erhalten sie je 10.000 Dollar und eine monatliche Rente von 600 Dollar – im Jahr 1935 sind alle Klägerinnen tot.

Eine genaue Opferzahl lässt sich kaum ermitteln, teilweise wird von einer vierstelligen Zahl ausgegangen. Jedoch führen die Ereignisse zur Einführung von Arbeitsschutzmaßnahmen und Strahlungsgrenzwerten. Radioaktive Leuchtfarbe wird indes noch bis in die 1960er-Jahre verwendet.

Literatur: Kate Moore: The Radium Girls. The Dark Story of America’s Shining Women. Naperville 2017. Ross Mullner: Deadly Glow. The Radium Dial Worker Tragedy. Washington 1999.

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DER AUTOR:
Unser Autor Phillip Berg arbeitet als Kurator bei der DASA Arbeitswelt ­Ausstellung in Dortmund. Dort erstrecken sich auf einer Größe von fast zwei Fußballfeldern spannende Erlebniswelten zum Entdecken und Mitmachen. Hier macht Arbeit sogar Spaß! www.dasa-dortmund.de