Der Eisberg der Kultur

Sich an die Normen und Regeln im Arbeitsschutz zu halten, ist notwendig, aber nicht hinreichend. Wer sein Unternehmen zukunftsfähig aufstellen will, muss den Blick weiten.

Text: Franz Roiderer (Redaktion)

Arbeitsschutz ist ein Eisberg! Wie bitte? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Das klärt sich auf, wenn man den sogenannten Unfall-Eisberg betrachtet. Bei einem realen Eisberg, der im Meer schwimmt, ragt nur ein kleiner Teil über die Wasseroberfläche, die weitaus größere Masse befindet sich darunter.

Der Unfall-Eisberg nimmt dieses Bild auf. „Sichtbare“ Arbeitsunfälle mit Verletzungen oder gar Todesfolge sind zahlenmäßig weitaus geringer als „unsichtbare“ unsichere Zustände oder Handlungen. Laut Zahlen der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) kommen auf rund 40 Unfälle 30.000 unsichere Umstände im Arbeitsprozess (siehe Abbildung unten).

Mit der Befolgung von Arbeitsschutzregeln und -normen versuchen Unternehmen, die Zahl der Arbeitsunfälle zu senken. Natürlich möchten sie damit auch Verhältnisse vermeiden, die potenziell gefährlich sind. Aber wie beim Eisberg bekommt man damit den größten Teil sicherheitsrelevanter Versäumnisse und Fehlhandlungen gar nicht in den Blick. Wie also lassen sich diese verborgenen Gefahrenquellen ins Bewusstsein heben?

AUF DEN PUNKT

  • Eine Unternehmenskultur ist größtenteils nicht „sichtbar“
  • Für einen Kulturwandel müssen aber diese unsichtbaren Themen angepackt werden
  • Sechs Handlungsfelder bestimmen eine Kultur der Prävention

Der Unfall-Eisberg

„Unsichtbare“ Gefährdungen sind weit häufiger als sichtbare Folgen von Sicherheitsmängeln.

Grafik Eisberg über und unter Wasser
Illustration: Adobe Stock/blauananas

Das Modell des Unfall-Eisbergs ist ein Spezialfall eines allgemeineren Modells. Beruhend auf Arbeiten der Sozialwissenschaftler William T. Hall und Edgar Schein spricht man dabei von einem Eisberg der Kultur. Der Abschnitt oberhalb der Wasserlinie sind die beobachtbaren Elemente der (Unternehmens-)Kultur, derer wir uns bewusst sind. Das können offensichtlich kommunizierte Ziele sein, Regeln, ausgesprochene Verhaltensnormen, Arbeitsmethoden oder eingesetzte Technologien.

Der zweite und nicht sichtbare Teil ist der deutlich größere Anteil der Unternehmenskultur, er enthält Werte, Gefühle, Bedürfnisse sowie leitende Grundannahmen, die das sichtbare Verhalten an der Oberfläche aber erheblich prägen. Das Eisbergmodell ­verdeutlicht, dass in der Entwicklung einer Kultur auch an Haltungen, Denkweisen und Grundannahmen gearbeitet werden muss, um eine Transformation zum Besseren erfolgreich zu meistern.

Für die Sicherheitskultur oder allgemeiner Unternehmenskultur bedeutet das: Die Arbeit an der Oberfläche führt nicht zu ausreichend Wirkung, da sie den Unterbau wenig berührt. Kulturwandel entsteht nicht durch verschriftlichte Unternehmensleitbilder. Wenn die Anteile unter der Wasserlinie nicht angegangen – im übertragenen Sinne zum Schmelzen gebracht – werden, werden solche gut gemeinten Versuche wenig bewirken.

Kultur der Prävention

Unternehmen müssen daher eine Bestandsaufnahme ihrer unbewussten und eingeübten Kulturmuster vornehmen, um die Themen Sicherheit und Gesundheit nach vorn zu bringen. Auf dieser Grundlage können sie eine nachhaltige Präventionskultur etablieren. Dafür sind vor allem Führung, Kommunikation und Beteiligung wichtige Handlungsfelder. Sie werden ergänzt durch eine gute Fehlerkultur und ein angenehmes Betriebsklima sowie eine selbstverständliche Einbettung von Sicherheit und Gesundheit in den Betriebsalltag.

Hilfsangebote auf dem Weg zur Präventionskultur

Unternehmen, die sich auf den Weg machen wollen zu einer Kultur der Prävention, können auf eine Reihe von Hilfsangeboten zurückgreifen, die sie dabei unterstützen. Das sind beispielsweise:

  • „Kulturdialoge: Prävention“ der DGUV
    Die Kulturdialoge bestehen aus 30 Dialogkarten, die allen Beteiligten in Unternehmen und Einrichtungen dabei helfen, Beispiele für Sicherheit und Gesundheit aus ihrem eigenen Arbeitsalltag zu finden. Sie regen dazu an, über die eigenen Erfahrungen zu sprechen. Die Dialogkarten, die eigenen Beispiele sowie erste Verbesserungsideen für die genannten Situationen können auf dem beiliegenden Arbeitsposter gesammelt werden. So wird der Dialog dokumentiert und die Ergebnisse nachgehalten.
  • 5-Stufen-Modell
    Das 5-Stufen-Modell der DGUV hilft bei der Einschätzung, wo ein Betrieb oder eine Einrichtung mit Blick auf die Kultur der Prävention steht und welche Veränderungen möglich sein könnten (siehe auch Interview auf S. 14). Vom jeweiligen Startpunkt aus können die nächsten Schritte geplant werden.
  • Kurz-Analyse-Präventionskultur (KAP) der VBG
    Die Online-Anwendung liefert nach kurzer Zeit eine Aus­wertung über die Bedeutung der Werte Sicherheit und Gesundheit im Unternehmen. Die Kurzanalyse sollte gemeinsam von der Unternehmensleitung mit einem Teil der Beschäftigten vorgenommen werden. Dabei können erste mögliche Ideen für Veränderungen gesammelt werden.
  • KulturCheck
    Der KulturCheck des Instituts für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG) ist ein Analysetool zur Bestandsaufnahme und Weiterentwicklung der Kultur der Prävention in Unternehmen und Einrichtungen ab einer Größe von mindestens 50 Beschäftigten. Das Tool ist deutlich umfangreicher und umfassender als die vorgenannten Hilfsmittel.Im StrukturCheck werden zunächst die strukturellen Gegebenheiten für jedes Handlungsfeld erfasst. Im BeschäftigtenCheck, einer standardisierten Online-Befragung der Beschäftigten, wird die Sicht der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die einzelnen Handlungsfelder erhoben. Die Web-Applikation bietet neben einer umfassenden Anleitung zur Durchführung die Möglichkeit, die Befragungen digital durchzuführen und automatisch auswerten zu lassen.