Mit offenen Augen und Ohren durch den Betrieb

Arbeitsunfällen vorbeugen, aus Fehlern lernen, die Mitarbeiter bei Arbeitsschutzmaßnahmen einbinden und als Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen – das alles zeichnet eine gute Sicherheitskultur aus. Die Firma KREISEL zeigt, wie das in der Praxis aussehen kann.

Text: Holger Schmidt (Redaktion)  Fotos: KREISEL GmbH & Co. KG

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Und wo gehämmert wird – da haut man sich auch schon mal auf die Finger. So etwas kommt halt vor. Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Das wissen sie bei der Firma KREISEL GmbH & Co. KG aus Krauschwitz. Der metallverarbeitende Anlagenbauer aus der Oberlausitz hat dennoch den Anspruch, die Zahl der Arbeitsunfälle so weit wie möglich gegen null zu reduzieren. Im laufenden Jahr ist das bisher gut gelungen, es gab bei insgesamt 150 Beschäftigten (80 davon in der Fertigung) nur einen meldepflichtigen Unfall: Ein Mitarbeiter stürzte beim Begehen eines Auftritts. Ansonsten blieb es bei kleineren Unfällen und Eintragungen ins Verbandbuch. „Das kann bei aller Prävention passieren“, sagt Betriebsleiter Dr. Philipp Tursch. „Wir sind überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

AUF DEN PUNKT

  • Umsetzung von Maßnahmenpaket
  • Führungskräfte haben Vorbildfunktion, Sicherheitsbeauftragte weitreichende Befugnisse
  • Präventionsarbeit fängt in den Köpfen der Beschäftigten an

Auszeichnung für die Präventionskultur

Die Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) bestätigte diese Überzeugung jüngst mit der Auszeichnung „Schlauer Fuchs“ für die Präventionskultur. „Wir wollten zeigen, dass Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bei uns großgeschrieben werden“, berichtet Miteigentümer und Arbeitsschutzkoordinator Matthias Kreisel. „Dazu haben wir unser Arbeitsschutzmanagementsystem von der BGHM begutachten lassen – und dürfen das Gütesiegel ,Sicher mit System‘ der BGHM führen.“

Um die passenden Arbeitsschutzmaßnahmen an der richtigen Stelle vorzunehmen, hatte das sächsische Unternehmen seine Mitarbeiter beteiligt. Basierend auf den Ergebnissen der Befragung schnürte das Unternehmen KREISEL ein Maßnahmenpaket – unter anderem Schallschutzwände und ergonomische Verbesserungen – und setzte es dann Stück für Stück um. „Das Ergebnis zeigt deutlich, dass der Betrieb dem selbsterklärten Ziel, gemeinsam besser zu werden, ein gutes Stück näher gekommen ist“, sagt BGHM-Aufsichtsperson Clemens Kube. „Mit dem Netz aus ineinandergreifenden Maßnahmen hat die KREISEL GmbH & Co. KG Vorbildliches für eine ganzheitliche Unternehmenskultur geleistet.“

Handverletzungen und SRS-Unfälle

Ganz konkret bedeutet Prävention in der Fertigung: Der Handschutz spielt eine wichtige Rolle. Auch SRS-Unfälle – also Stolpern, Rutschen, Stürzen – sind häufige und regelmäßig auftretende Gefährdungen. Außerdem sind der Fuß- und Augenschutz wichtig. „In den vergangenen zehn Jahren hatten wir aber nur eine sehr geringe Anzahl an Augenverletzungen“, sagt Betriebsleiter Tursch. Beim Schweißen gab es gar keine. „Ein Span kann aber schon einmal schief fliegen, trotz noch so guter Schutzbrillen.“

Wegeunfälle gebe es auch. Die könne man als Arbeitsschützer aber am wenigsten beeinflussen, so Tursch. Gegen andere Risiken haben sie bei der Firma KREISEL Maßnahmen ergriffen. Ein ganz einfaches Beispiel kommt aus dem Bereich der SRS-Unfälle. „Wir haben viele Transportwege zu bewältigen. Dafür nutzen wir auch Plattenwagen mit Deichseln“, erläutert Arbeitsschutzkoordinator Matthias Kreisel. „Ein Mitarbeiter ist über eine dieser Deichseln gestürzt.“ Der Arm war angebrochen, der Beschäftigte fiel für einige Zeit aus. Die Konsequenz aus dem Unfall: „Alle Deichseln sind nun gelb markiert, damit sie optisch besser erkennbar sind“, führt Matthias Kreisel aus.

Späne und Bohrmilch als gefährliche Mischung

Einen deutlich größeren Aufwand bedeutete es, die CNC-Fräse sicherer zu machen. Die große Maschine, mit deren Hilfe auch komplexe Werkstücke automatisch bearbeitet werden können, war ebenfalls Schauplatz eines Arbeitsunfalls. An der Fräse gibt es eine 45-Grad-Schräge, dort fallen die Späne hinab. Allerdings müssen sich dort aber gelegentlich Mitarbeiter aufhalten, um Anpassungen vorzunehmen.

Dass Späne und Bohrmilch, also das verwendete Kühlschmiermittel, eine gefährliche Mischung sind, musste einer dieser Mitarbeiter schmerzlich feststellen. Er rutschte aus und verletzte sich das Handgelenk. „Weder dem Hersteller noch uns war die Gefährdung anfangs bewusst“, erklärt Philipp Tursch. Die hauseigenen Konstrukteure von KREISEL tüftelten an einer Lösung und bauten sie in der Werkstatt. Seit das Podest – ein trittsicherer Gitterrost – im Einsatz ist, ist das Risiko von Rutschunfällen an der CNC-Fräse deutlich gesunken.

Mit einem trittsicheren Gitterrost beugt das Unternehmen SRS-Unfällen an der großen Fräse vor.
„Ein Span kann aber schon einmal schief fliegen, trotz noch so guter Schutzbrillen“, weiß Betriebsleiter Dr. Philipp Tursch. Augenverletzungen gab es in den vergangenen Jahren aber nur sehr wenige.

Sibe kann die Produktion stoppen

Allerdings: Der Komponenten- und Anlagenbauer für Schüttgut will nicht nur auf Unfälle reagieren, sondern proaktiv auf die Beschäftigten einwirken. In der Pflicht sind dabei die Geschäftsführung, der Betriebsleiter und der Arbeitsschutzkoordinator, aber auch sämtliche anderen Führungskräfte. Ihnen fällt aufgrund ihrer Vorbildfunktion eine Schlüsselrolle zu. „Bei uns gibt es täglich einen Fertigungsdialog, wo die zuständigen Führungskräfte zusammenkommen“, erklärt Tursch. Die ersten Fragen: Haben wir Verunfallte? Falls ja: Gibt es Verletzte? Hatten wir gefährliche Situationen?

Die Firma KREISEL schult ihre Sicherheitsbeauftragten nicht nur regelmäßig. Die Sibes sind auch mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet. „Sie haben die Berechtigung, die Produktion zu stoppen, wenn ihnen die Arbeitssicherheit als nicht ausreichend erscheint“, sagt Tursch. „Da gibt es dann für die Meister auch keine Diskussion.“ Erst wenn der Missstand behoben oder die Sachlage mit dem nächsthöheren Vorgesetzten geklärt ist, darf die Produktion wieder anlaufen. „Gesundheit ist das höchste Gut“, unterstreicht Tursch. „Das ist unsere Maßgabe.“

Von der Entstaubung zur Schüttgutförderung

Matthias Kreisel betont, dass Arbeitssicherheit nicht erst seit Kurzem eine große Rolle in der Geschichte des Unternehmens spielt. Und die ist mit 111 Jahren lang. Mit dem ­Herstellen von Luftfiltern fing in der damaligen Schlosserei und Schweißerei alles an. Entstaubungstechnik – also Filteranlagen für Zementhersteller, Brikettfabriken und Kraftwerke – war bis in die 1990er-Jahre hinein das Kerngeschäft. „Überall, wo schwere Stäube angefallen sind“, fasst Matthias Kreisel zusammen.

Zwischenzeitlich war das Unternehmen zu DDR-Zeiten unter dem Namen „VEB Entstaubungstechnik Krauschwitz“ zwangsverstaatlicht. Nach der Reprivatisierung musste sich die Firma KREISEL neue Geschäftsfelder erschließen, um im globalen Wettbewerb besser bestehen zu können. „Staub ist wie Schüttgut zu betrachten, eine Entstaubungsanlage saugt also im Prinzip Schüttgut ab“, erklärt Matthias Kreisel. „Aber wir können nicht nur Entstaubungstechnik, wir können auch pneumatische Schüttgutförderung.“ Filter und Zellenradschleusen – also Geräte, mit denen man das Weiterleiten von Staub oder Schüttgut von einem Behälter oder Anlagenteil in den nächsten reguliert – brauche man in beiden Bereichen. Diese Komponenten habe man ohnehin schon seit Jahrzehnten hergestellt.

Die Kontakte zur Zementindustrie halfen. Heute macht diese Branche einen Großteil des Geschäfts von KREISEL aus. „Wir bewegen aber alles, was in irgendeiner Weise Schüttgut ist – sei es Asche, Hackschnitzel oder Recyclingmaterial“, veranschaulicht Philipp Tursch. Das Geschäftsfeld reiche vom Bau einzelner Komponenten „bis hin zur kompletten Förderanlage, die wir bauen, montieren, in Betrieb nehmen und ­warten“. Dem Laien werden die KREISEL-Produkte allerdings nicht ins Auge fallen. Sie stecken in großen Industrieanlagen. Unter anderem die Zellenradschleusen.

Die Sicherheitsbeauftragten dürfen die Produktion stoppen, wenn sie Gefährdungen erkennen. „Da gibt es dann für die Meister auch keine Diskussion“, sagt Philipp Tursch.

Fehlende Anschlagpunkte und Harakiri-Aktionen

An diesem Produkt hat KREISEL vor nicht allzu langer Zeit eine Veränderung vorgenommen, um die Arbeitssicherheit zu verbessern. Das grob würfelförmige Gehäuse der Zellenradschleuse weist eine Kantenlänge von etwa 1,5 Metern auf und wiegt 1,5 Tonnen. Während des Schweißverfahrens muss das Bauteil einmal gedreht werden. Allerdings: In der ursprünglichen Konstruktion waren nur im oberen Bereich Anschlagpunkte vorgesehen. „Mit dem Kran konnte es also gekippt werden. Im unteren Bereich waren aber keine Anschlagpunkte, um es wieder hochzuheben“, beschreibt Tursch das Problem. „Nach bestem Wissen und Gewissen haben die Mitarbeiter dann mit Harakiri-Aktionen ­versucht, das Produkt zu drehen.“

Bei diesem – im wahrsten Sinne des Wortes – untragbaren Zustand durfte es natürlich nicht bleiben. Inzwischen sind zusätzliche Anschlagpunkte an der Unterseite der Zellenradschleusen vorgesehen. Tursch: „Das bedeutet einen geringen Aufwand, bringt aber großen Nutzen und minimiert die Gefährdung für die Mitarbeiter.“

Früher fehlten unten an den Zellenradschleusen Anschlagpunkte, sodass die Kräne die 1,5 Tonnen schweren Teile zwar kippen, aber nicht wieder anheben konnten. Das Risiko ist nun beseitigt.

Lösungen wie diese zu finden, gehört für Philipp Tursch zu einer guten Sicherheitskultur. „Wir ermutigen die Sicherheitsbeauftragten, die Führungskräfte und die Meister, mit offenen Augen und Ohren durch den Betrieb zu gehen“, sagt der Betriebsleiter. Matthias Kreisel betont ergänzend die enge Zusammenarbeit mit der Berufsgenossenschaft. „Wir laden die Aufsichtsperson oft ein. Jeder gemeinsame Gang durch die Halle sowie ihre Empfehlungen sind wichtig und helfen uns.“

„Zu 50 Prozent eine Frage des Verhaltens“

Was ebenfalls hilft: die Beschäftigten. Zumindest, wenn sie sich an die Sicherheitsregeln halten. „Wenn wir eine technische oder organisatorische Lösung für ein Problem einführen können, machen wir das“, versichert Tursch. „50 Prozent der Arbeitsunfälle sind aber eine Frage des Verhaltens.“ Bei einem Unfall durch Fehlverhalten gebe es nicht sofort „die Sense“, wie er es ausdrückt, „sondern eine Verständnisdiskussion“. Die erfolge am Ort des Geschehens, um die richtigen Schlüsse daraus ziehen zu können. „Außerdem kommunizieren wir Unfälle schnell in die Breite, um der ganzen Mannschaft die Konsequenzen klarzumachen.“

Tursch ist sich aber bewusst, dass Arbeitsschutz nicht für jeden Mitarbeiter immer die oberste Priorität genieße: „Die meisten Menschen versuchen, sich unnötige Arbeit zu ersparen.“ Die Fünfstufenleiter holen, um ans oberste Regal zu kommen? Ach, die Dreistufenleiter steht doch gerade hier …Anschnallen für die Fahrt mit dem Gabelstapler? Ach, ist doch nur eine Palette … „Da kommt dann der freundliche Pfiff oder die kurze Ansprache – dann wird es auch wieder verstanden“, sagt Tursch. Und wenngleich es die arbeitsrechtliche Pflicht der Unternehmer und Führungskräfte sei, die Arbeitssicherheit im Blick zu haben, sei es im Sinne einer guten Sicherheitskultur die Aufgabe aller, auf den Nebenmann zu achten.

Gutes Betriebsklima trägt zur Präventionsarbeit bei

Präventionsarbeit fängt für das Unternehmen KREISEL in den Köpfen der Mitarbeiter an. Ein gutes Betriebsklima ist den Verantwortlichen daher wichtig. Benefits wie Firmenfeiern, Leasing von E-Bikes, Gesundheitstage oder Tickets für den Eishockey-Zweitligisten Lausitzer Füchse, den KREISEL sponsort, sollen für eine hohe Mitarbeiterbindung sorgen. Bei der Arbeit ist für Philipp Tursch neben guten, sicheren Arbeitsbedingungen und einem angemessenen Gehalt ein weiterer Faktor wichtig: „Dass ich als Mensch respektiert werde. Jeder will doch wahrgenommen werden mit den Themen, die ihn beschäftigen.“

Der Fokus auf die Sicherheitskultur schlägt sich in der rückläufigen Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle – neun im vergangenen und bisher einer in diesem Jahr – nieder. „Arbeitssicherheit kostet Geld“, räumt Philipp Tursch ein und zieht das Fazit: „Der Ausfall eines Mitarbeiters aber auch. Kein Unternehmen kann es sich leisten, in Zeiten des Fachkräftemangels leichtsinnig mit seinen Beschäftigten umzugehen.“