Mit kleinen ­Schritten das System verändern

Die digitale und vernetzte Arbeitswelt sowie der Fachkräftemangel bringen neue Herausforderungen für die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit mit sich. Unternehmen mit einer selbstverantwortlichen Präventionskultur kommen im wahrsten Sinne des Wortes gesünder damit zurecht, erklärt Martin Prüße von der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM).

Interview: Holger Schmidt (Redaktion)

Die Zahl der Arbeitsunfälle ist seit der Wiedervereinigung erst kontinuierlich zurückgegangen, hat sich seit einigen Jahren aber auf einem konstanten Niveau eingependelt. Woran liegt das?
Prüße: Der Rückgang hat sicher mit einer verbesserten Arbeitsorganisation und einer besseren technischen Ausstattung bei der stationären Arbeit zu tun. Bei den Unfallzahlen ist in einigen Branchen jetzt jedoch ein Stand erreicht, auf dem sich nicht mehr viel bewegt. Für mehr Sicherheit braucht man also auch etwas anderes. Außerdem werfen neue Technologien neue Sicherheitsfragen auf.

Was ja zum Beispiel bei Künstlicher Intelligenz, kurz: KI, der Fall ist.
Prüße: Der Einsatz von KI und Robotern verändert die Arbeits- und Produktionsprozesse. Geltende Regelungen haben plötzlich keinen Bestand mehr, weil sich die Arbeitsbedingungen schneller verändern, als man mit den Regelungen hinterherkommt. Das und das zunehmend dezentrale Arbeiten führen dazu, dass es höhere Erwartungen an jeden einzelnen Beschäftigten gibt, selbst mitzudenken und zu überlegen: Ist meine Arbeitssituation sicher? Das heißt, die Menschen brauchen vermehrt eine Sicherheits- und Gesundheitskompetenz, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können, auch ohne konkrete Vorgaben.

AUF DEN PUNKT

  • Sicherheits- und Gesundheitskompetenz jedes einzelnen Beschäftigten wird wichtiger
  • Der Weg zu einer Präventionskultur führt über kleine Schritte und positive Veränderungsbeispiele
  • Prävention lohnt sich auch wirtschaftlich für die Unternehmen

Da wären wir dann schon bei der Präventionskultur angelangt. Woran erkennen Sie denn, wenn es darum in Unternehmen nicht gut bestellt ist?
Prüße: Wenn beispielsweise eine Aufsichtsperson das erste Mal in einen Betrieb kommt und sich niemand für eine Sicherheitsunterweisung die Zeit nimmt oder wenn in Sitzungen ein Kabel als Stolperfalle liegt, jeder es sieht und niemand es beseitigt – dann fehlt die Übernahme von Präventionsverantwortung. Wenn ich frage, wer für die Sicherheit zuständig ist, und die Antwort lautet: „die Fachkraft für Arbeitssicherheit“. Oder wenn Führungskräfte sich darüber aufregen, dass die persönliche Schutzausrüstung nicht getragen wird – und dann machen sie eine Betriebsführung und sind die Ersten, die die PSA nicht tragen. Dann weiß ich, dass es der Betrieb noch nicht verstanden hat.

Jetzt habe ich als Unternehmer gewisse Defizite erkannt. Wie setze ich das Thema auf die Agenda?
Prüße: Sicherheit und Gesundheit sollten keine Sonderrolle einnehmen. Wenn man erst ein Meeting macht, um über Sicherheits- und Gesundheitsthemen zu sprechen, und dann ein anderes, um über Zahlen und Controlling zu sprechen, ist das ein Anzeichen, dass die Sicherheitskultur noch nicht im Arbeitsablauf eta­bliert ist. Besser spricht man im Meeting beispielsweise über Produktionszahlen und fügt dann den Nachsatz an, das positive Ergebnis sei auch dadurch ermöglicht worden, dass es keine Ausfälle durch Verletzungen gegeben habe. Es geht also darum, Zusammenhänge und Anschlussfähigkeit herzustellen, auch argumentativ, und Sicherheit und Gesundheit eben nicht als „abgesondertes“ Thema darzustellen.

Wie bringe ich als Unternehmer, als Führungskraft oder Arbeitsschützer die Beschäftigten dazu, sich sicher zu verhalten oder ihr Verhalten in diese Richtung zu verändern?
Prüße: Der große Wurf wird nicht von heute auf morgen klappen. Stattdessen brauche ich positive Geschichten oder Erlebnisse, die ich erzähle. Das können ganz kleine Dinge sein, sogenannte Mikro-Momente: „Leute, ihr wisst ja, dass im Flur dieser Pfeiler steht. Letzte Woche wäre ich fast dagegengestoßen, weil ich beim Laufen aufs Handy geschaut habe. Ich will in Zukunft da­rauf achten, dass ich das Handy einstecke, wenn ich durch den Flur laufe. Bitte achtet auch darauf.“ Das klingt vielleicht banal, kann für eine Kulturentwicklung aber entscheidend sein. Jemand sagt: Ich habe etwas bemerkt, möchte daran etwas ändern und übernehme Verantwortung.

Steht und fällt die Veränderung der Kultur also mit den Führungskräften?
Prüße: Führungskräfte sollten als Vorbilder vorangehen, aber sie können nicht von heute auf morgen die Kultur des Unternehmens umkrempeln. Dazu braucht es auch den Mitarbeiter, der den Kollegen anspricht, weil der seine Schutzbrille nicht trägt; der nicht da­rauf wartet, dass es der Vorgesetzte tut. Solche kleinen Momente verändern die Kompetenz und Kultur im Unternehmen.

Ist das dann schon eine Präventionskultur?
Prüße: Wenn Menschen anfangen, sich mit dem Thema Sicherheit auseinanderzusetzen, wollen sie erst einmal Schlimmes verhindern, also schwere Verletzungen oder tödliche Unfälle. Das ist der Beginn. Irgendwann stelle ich als Unternehmer aber vielleicht fest, dass ich gar nicht jeden Beschaffungsprozess so begleiten kann, dass auch die sichere Maschine gekauft wird. Also brauche ich Unterstützer im Unternehmen. Menschen, die mitdenken. Zusammen erstellt man eine Checkliste, was beim Einkauf zu beachten ist. Im 5-Stufen-Modell der DGUV sind wir an dieser Stelle bei der unsichtbaren Barriere ­zwischen ­regelorientiertem und proaktivem Verhalten. Als Unternehmer möchte ich dahin kommen, dass die Beschäftigten über ganz konkrete Situationen im Betrieb sprechen: „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis in Halle XY ein Kollege stolpert und stürzt, weil dort immer die Gitterboxen im Weg stehen.“ Wenn man die Kritiker dann ernst nimmt und nicht als Nörgler abtut, dann fängt man mit solchen kleinen Situationen an, ein System zu verändern. Dann beginnt Präventionskultur. Das ist aufwendig, aber erfolgreich. Und was gibt es Besseres, als wenn Kinder von Beschäftigten, die ja die Auszubildenden von morgen sind, sagen: „Da, wo mein Vater arbeitet, will ich auch arbeiten. Die kümmern sich. Die sind gut miteinander.“

5-Stufen-Modell der DGUV

Wo steht ein Unternehmen hinsichtlich seiner Präventionskultur? Das Modell ermöglicht eine erste, grobe Einschätzung.

Grafische Darstellung: 5-Stufenmodell der DGUV
Grafische Darstellung: DGUV

Wie nimmt man die Belegschaft mit auf den Weg?
Prüße: Mein Tipp: Setzen Sie sich mit den Beschäftigten, die sich an die Regeln halten und sich sicher und gesund ­verhalten, an einen Tisch und überlegen Sie sich gemeinsam einen Plan, um alle ins Boot zu holen. Fragen Sie diese Mitarbeiter mal, warum sie sich an die Sicherheitsregeln halten. Die Gründe sind meistens gut – auch wenn jemand beispielsweise sagt, dass er keine Lust auf Ärger mit seiner Frau hat, wenn er mit nur drei Fingern von der Arbeit nach Hause kommt. Diese guten Gründe sollte man kennen, um andere Beschäftigte überzeugen zu können.

Wie überzeugt man die Entscheider?
Prüße: Im Moment fallen Präventions- und Gesundheitsthemen auf fruchtbaren Boden, weil viele Unternehmen ein Fachkräfteproblem haben. Neben der Bezahlung sind Themen wie die Arbeitszeiten, das Betriebsklima oder die Kommunikation miteinander und über ­Hie­rarchieebenen hinweg ein Grund, warum Personal bleibt oder abwandert. All diese Aspekte zahlen direkt oder indirekt auf sichere und gesunde Arbeit ein. Außerdem haben gesellschaftliche Eruptionen, zum Beispiel die Corona-Pandemie oder der Krieg in der Ukraine, die Menschen dafür sensibilisiert, was wichtig ist im Leben. Und dazu gehören Sicherheit und Gesundheit. Das sollten genug Gründe für Entscheider sein, um Sicherheit und Gesundheit im Betrieb vorzuleben und im eigenen Bereich umzusetzen.

Investitionen in die Prävention kosten doch aber Zeit und Geld. Lohnen sich die Investitionen auch wirtschaftlich?
Prüße: Die Frage wird in letzter Zeit nicht mehr so häufig gestellt – eben weil auf allen Ebenen immer deutlicher wird, dass Prävention unabdinglich ist. Analog zum Return on Investment kann man aber auch den Return on Prevention ausrechnen. Der iga-Report (Initiative Gesundheit und Arbeit, Anm. d. Red.) hat zum Beispiel ermittelt, dass im Durchschnitt für einen für Prävention aufgewendeten Euro 2,70 Euro eingespart werden. Um ein Praxisbeispiel zu nennen: Wir haben das für die Maßnahmen aus der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen bei einer Lackierstraße einmal ausgewertet. Dort gab es große Reibungsverluste, weil die Beschäftigten sich untereinander abstimmen mussten. Auf dem Laufzettel fehlten Informationen, es ging um Farbmischungen und Farbdicke. Zwei Wochen lang hat der Betrieb aufgeschrieben, wie viel Zeit es in Anspruch nimmt, hinter den fehlenden Informationen her zu telefonieren. Dann hat man den Laufzettel verändert und einen festen Ansprechpartner für Fragen benannt. Ergebnis nach weiteren zwei Wochen: Statt zwei Stunden dauerte die Absprache nur noch eine. Das schont nicht nur die Nerven der Beschäftigten, sondern überzeugt auch jeden Controller.

Haben Sie einen abschließenden Tipp, wie Unternehmen ihre Präventionskultur verbessern können?
Prüße: Ich würde jedem Akteur in der Prävention dazu raten, nicht gleich zu versuchen, das große Rad zu drehen. Lieber jeden Tag im eigenen Verantwortungsbereich für etwas mehr Sicherheit und Gesundheitsschutz sorgen – wie man das zu Hause in der Familie auch macht. Im Betrieb muss ich es nur zusätzlich dokumentieren und es gezielt in die Breite tragen.

ZUR PERSON:

Der Arbeits- und Gesundheitspsychologe Martin Prüße ist Fachreferent für Gesundheit und Arbeitsgestaltung bei der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM). Außerdem leitet er bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) das Sachgebiet „Veränderung der Arbeitskulturen“.