Der Fahrrad-Auto-Hybrid

Arbeit lässt sich nur schwer ohne Mobilität denken. Schließlich müssen die meisten Menschen irgendwie zu ihrem Arbeitsplatz kommen. Im Sinne der Nachhaltigkeit sind Alternativen zum Auto gefragt. Ein Augsburger Start-up versucht es mit dem Hopper – einem Fahrrad mit Autoqualitäten.

Text: Holger Schmidt (Redaktion)

Wenn selbst Audi seinen Außendienstlern ihre Dienstwagen streicht, dann scheint es wirklich ernst zu werden mit der Verkehrswende. Der Kontakt zu den Kunden lasse sich auch digital halten, hieß es im August offiziell vom Autobauer aus Ingolstadt. Zugegeben: Kosteneinsparung als Begründung ist weit weniger nobel als Klimarettung. Dennoch darf die Entscheidung als Fingerzeig verstanden werden.

Es findet ein Umdenken statt in Deutschland. Immer mehr Menschen – insbesondere die jüngere Generation in den großen Städten – hinterfragen die Notwendigkeit, ein eigenes Auto zu besitzen. Alternative Mobilität ist das ­Stichwort. ­Carsharing-Modelle können eine Lösung sein, wenn der Pkw nur selten gebraucht wird. E-Autos sind auf dem Vormarsch, wenngleich sie deutlich teurer sind als Verbrenner und die Infrastruktur vielerorts fehlt. Das Deutschland-Ticket stärkt den öffentlichen Personennahverkehr. Pedelecs und E-Bikes erleichtern Wege, die ansonsten mit dem Fahrrad zu anstrengend wären. Im vergangenen Jahr hatten von 4,6 Millionen verkauften Fahrrädern in Deutschland laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) fast die Hälfte – 2,2 Millionen – einen Motor. Und auch der Lastenrad-Markt boomt. Der ZIV gibt an, dass 2022 mehr als 210.000 Lastenräder verkauft wurden.

AUF DEN PUNKT

  • E-Mobilität auf dem Vormarsch: fast genauso viele Fahrräder mit Motor verkauft wie ohne
  • Neues Fahrzeug vereint Einfachheit eines Fahrrads mit Komfort eines Autos
  • Günstige und nachhaltige Alternative zum (Zweit-)Auto

Stärken bei kurzen Strecken

„Wir wollen die Lücke füllen zwischen dem, was ein Lastenrad und ein Auto an Komfort bieten“, sagt Torben Müller-Hansen. Oberste Prämisse des Mitgründers von Hopper Mobility: die einfache Nutzbarkeit im Alltag. Das Start-up aus Augsburg ist mit seinem Fahrzeug inzwischen in die heiße Testphase eingestiegen. In drei Städten – Augsburg, Danzig und Eindhoven – wird der Hopper seit September erprobt, bevor er in die Serienproduktion gehen soll. Die Beschäftigten der städtischen Betriebe dürfen ihn als Dienstfahrzeug nutzen, die Uni Eindhoven begleitet die Testphase wissenschaftlich.

Wie viel der Hopper kosten wird, steht noch nicht fest. Dagegen hat Müller-Hansen schon genauere Vorstellungen über die Konkurrenz: Der Hopper, der anmutet wie ein futuristisches Golfcart, soll den Zweitwagen ersetzen. Als Urlaubsfahrzeug oder für den Transport von Möbeln ist das Gefährt nicht geeignet. „Es gibt Situationen, wo das Auto seine Stärken hat“, räumt der Firmengründer ein. „Im Durchschnitt fahren Menschen aber nur Strecken von 30 bis 40 Kilometern mit dem Auto, im städtischen Umfeld sogar deutlich weniger. In Städten ist auch die Durchschnittsgeschwindigkeit relativ niedrig, Staus und Parkplatzsuche machen das Auto unattraktiv – da setzen wir an.“ Bei kurzen Strecken also: die Kinder in die Kita oder in die Schule bringen, die Fahrt zum Einkaufen, vielleicht auch die Fahrt zur Arbeit, solange die Strecke nicht zu lang ist.

In den Kofferraum passen vier Bierkästen

Auch für Firmenkunden eigne sich das Fahrzeug als günstige und nachhaltige Alternative zum Auto, erklärt Müller-Hansen. Pflege- und Lieferdienste, Arzneimitteltransporte oder auch Handwerker ohne allzu viel Material könnten mit dem Hopper umweltfreundlich unterwegs sein und an Staus vorbeifahren. Eine Variante des Fahrzeugs hat einen Kofferraum mit 290 Litern Volumen. „Da passen vier Bierkästen rein“, veranschaulicht Müller-Hansen.

Das Fahrgefühl ähnelt dem eines Fahrrads. Um den Hopper auf seinen drei Rädern zu bewegen, muss man strampeln. Ein Generator erzeugt Strom für den Motor. Bis zu 25 Stundenkilometer erreicht das Fahrzeug. „Wir erfüllen die Fahrrad-Norm“, sagt Müller-Hansen. Entsprechend kann man Radwege nutzen. „Man tritt wie bei einem Fahrrad und lenkt wie bei einem Auto.“ Kein Führerschein, keine Zulassung, keine Versicherung notwendig. Hop on, hop off – daher der Name.

Das Innenleben: treten wie bei einem Fahrrad, lenken wie bei einem Auto. Foto: Hopper Mobility GmbH

Durch die Karosserie wirkt der Hopper wuchtiger als ein Lastenrad. Er ist aber mit 95 Zentimetern nur unwesentlich breiter und mit 2,10 Meter Länge sogar deutlich kürzer. Das Abstellen des Gefährts sieht Müller-Hansen also nicht als größeres Problem: „Die deutschen Städte halten es auch aus, dass etwa eine Million Lastenräder in ihnen fahren. Man kann es auch anders sehen: Auf einen Autoparkplatz passen vier Hopper. Jeder Hopper reduziert damit die benötigte Parkfläche.“ Die herausnehmbare Batterie und die Motorsperre sorgen für den Diebstahlschutz.

So kommen die Deutschen zur Arbeit

Grafische Darstellung: Liebchen+Liebchen GmbH

Mehr Nachhaltigkeit ist das Ziel

Bei der Produktion gibt es in puncto Nachhaltigkeit noch Luft nach oben. „Wir werden uns nicht greenwashen“, sagt Müller-Hansen. Zwar kommen Batterie und Motor aus Deutschland – die Bauteile dafür stammen am Anfang der Lieferkette aber aus Asien oder Übersee. Die Karosserie besteht aus Glasfaser und wird in Polen produziert. Das bedeutet kurze Wege und verringert den Anteil an Stahl und Aluminium, die nur in Anbauteilen zum Einsatz kommen. „Unser Ziel ist es, den Glasfaserbody zu ersetzen.“ Deshalb arbeitet das Start-up mit der TU Hamburg zusammen, um eine Lösung mit recycelbaren oder kompostierbaren Materialien zu finden.

Über die Sicherheit des Hoppers soll die Testphase erste Aufschlüsse bringen. „Bisher hatten wir keine Probleme oder Unfälle“, versichert Torben Müller-Hansen. „Das lässt sich aber erst sagen, wenn wir über Jahre Daten gesammelt haben.“ Durch das auffällige Erscheinungsbild, die Beleuchtung und den Blinker sowie die Höchstgeschwindigkeit von maximal 25 km/h biete der Hopper aber mehr Sicherheit als ein Fahrrad.

„Wir wollen keinen Kulturkampf“, betont Torben Müller-Hansen. „Jeder, der den Hopper gut findet, soll ihn nutzen. Jeder, der ihn nicht gut findet, sollte dadurch nicht gestört werden.“ 500 bis 1.000 Fahrzeuge pro Jahr zu verkaufen, hält das Start-up für realistisch. Ein Faktor für den Markterfolg ist für Müller-Hansen eine gute Servicequalität, weshalb der Hopper erst in einigen wenigen Städten eingeführt werden soll: „Irgendwann haben wir hoffentlich so viele Fahrzeuge auf dem Markt, dass der Service auch flächendeckend kein Problem mehr ist.“ Zweiter Faktor ist für ihn die Fahrdynamik. „Es muss Spaß machen, im Alltag damit zu fahren. Das ist der Spagat, den wir hinbekommen müssen.“ Die klimafreundliche Alternative zum Zweitwagen soll also bald auf den Markt kommen: Ob sie sich durchsetzt, entscheiden dann die Kunden.

Verletzte bei Verkehrsunfällen

Grafische Darstellung: Liebchen+Liebchen GmbH